Zaungast bei der eigenen Scheidungsdebatte

Clavaleyres

Gemeindepräsident Jürg Truog verfolgte die Debatte im Grossen Rat um Clavaleyres auf der Zuschauertribüne im Rathaus Bern. Das Gesetz, welches die Scheidung vom Kanton Bern ­ermöglicht, wurde verabschiedet.

Jürg Truog auf der Zuschauertribüne im Rathaus Bern. Die Abstimmung fiel so aus, wie er gehofft hatte.

Jürg Truog auf der Zuschauertribüne im Rathaus Bern. Die Abstimmung fiel so aus, wie er gehofft hatte.

(Bild: Andreas Blatter)

Essen mochte Jürg Truog am Mittwochmittag nicht. Bevor er nach Bern fuhr, ging er mit dem Hund spazieren und trank an der Rathaus-Bar einen Espresso. «Ich bin nervös», gesteht der Gemeindepräsident von Clavaleyres und setzt sich auf die vorderste Bank der Zuschauertribüne. Der Grosse Rat behandelt das Gesetz, das die Grundlage für die Scheidung zwischen Clavaleyres und dem Kanton Bern bildet. Die SVP hatte Einwände gegen den Wechsel zu Murten angekündigt. «Das sind Peanuts. Für Einwände ist es jetzt zu spät», sagt Truog – äusserlich ruhig.

«Was, wenn Ihr plötzlich zurückwollt?», diese und andere Fragen haben Vertreter aus Verwaltung und Politik Jürg Truog gestellt, als er vor einigen Wochen in Bern «antraben musste», wie er sagt und dann verstummt, weil der erste Redner im Rat das Wort ergreift. Walter Messerli (SVP) redet über «das Spannungsfeld zwischen dem Verlust einer Gemeinde und der Gemeindeautonomie.» Jürg Truog hört zu, nickt, winkt herumspazierenden Räten im Saal zu. Nein, zurück will er nicht. Nur vorwärts – Richtung Murten.

Clavaleyres ein Spezialfall. Nachdem Fusionsversuche mit bernischen Gemeinden wie Münchenwiler und Kallnach gescheitert sind, zeigt sich die Kantonsregierung gegenüber einem Zusammenschluss der Kleinstgemeinde mit Murten aufgeschlossen, aber nur ausnahmsweise, wie sie betont. Die bernische Exklave pflegt bereits enge Beziehungen zu Murten, man erledigt schon heute viele Aufgaben gemeinsam. «So ist das. Deshalb muss dieser Kantonsübertritt einfach sein.

Wir können nicht länger warten», bekräftigt Truog. Da schaut Grossratspräsidentin Ursula Zybach (SP) zu ihm hoch, grüsst ihn. Truog freut sich. Die Fraktionspräsidenten äussern sich, alle bedauern, unterstützen aber den Kantonswechsel. Beziehungsweise fast alle. Bei der Abstimmung sagen 126 Ja, 6 Nein, und 9 enthalten sich. Truog jubelt.

0,005 Prozent der Bevölkerung machen die 50 Einwohner von Clavaleyres im Kanton Bern aus, sagt Regierungsrat Christoph Neuhaus (SVP). Trotzdem sei der Kantonsübertritt ein Verlust, aber das Überleben der Gemeinde dafür gesichert. «Das stimmt», findet auch Jürg Truog, steht auf, sagt, zu Hause in Clavaleyres werde er als Erstes mit dem Hund spazieren und durchatmen, dann seinen Amtskollegen die frohe Botschaft überbringen. Aber jetzt brauche er zuerst einen Espresso. «Bei einem Nein des Grossen Rats wäre die Fusion mit Murten gestorben.»

nik/sda

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