YB-Pyros und Fanstreik in Turin

Die 2097 YB-Fans, die ihren Club in die piemonte­sische Hauptstadt begleiteten, schnupperten die aufregende Luft der Königsklasse.

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Claudia Salzmann@C_L_A

«Fuessbau-Schwyzer-Meischter, Fuessbau-Schwyzer-Meischter BSC» hallt es durchs Allianz-Stadium in Turin. Die YB-Fans ­sind während der Champions-League-Partie gegen Juventus Turin gut hörbar, weil die Curva Sud streikt und meist nur mit Pfiffen und ­Applaus zur Stimmung beiträgt.

Die Juventus-Fans protestieren damit gegen die ­hohen Eintrittspreise, wie Szenekenner Pino D’Adorante ­erzählt. «Für die Leute ist 40 Euro einfach viel Geld», sagt D’Adorante, der in der Nähe von Turin lebt. Auch sollen wegen des pro­minenten Wechsels von Cristiano ­Ronaldo von Real Madrid nach Turin mehr Touristen nach Turin kommen und Hotels ausgebucht sein. «Ich finde diese Entwicklung nicht sympathisch», sagt auch Giancarlo D’Adorante, der Neffe von Pino.

Die Stimmung im Turiner Allianz Stadium kurz vor Anpfiff inklusive Champions-League-Hymne. Video: Claudia Salzmann

Der Club habe sich – wie viele andere Fussballclubs – in Richtung Kommerz entwickelt. Giancarlo D’Ado­rante lebt in Bern, ist Juve-Sympathisant und glühender YB-Fan. Wie knapp 2100 andere Fans ­reiste auch er am Dienstag in die piemontesische Hauptstadt. Es war sein erstes Mal im Allianz-­Stadium. «Ich bin beeindruckt, und es ist fantastisch, hier zu sein», sagt der 44-Jährige, als er die 40 961 Fans sieht.

Mit offenen Armen

11 Stunden vorher: Aus dem Autoradio erklingt der YB-Boogie. «Ich bin nervös, seit fünf Uhr bin ich wach», sagt D’Adorante zum Kollegen Tom Lehmann bei der Abfahrt in Bern. Wie einige andere Gleichgesinnte, die sich im Kurzparking des Bahnhofs Bern eingefunden hatten, stemmen auch sie vorfreudig die Arme zum Gruss in die Luft. An Hälsen baumeln gelb-schwarze Schals und an Beifahrersitzen Matchtag-Fahnen.

Die Meisterfans, die in der laufenden Saison der Super League neun Siege feiern durften, freuen sich alle auf den grossen Gegner, aber ­sind denn auch nicht blauäugig. Spieltipps sind konservativ und man erwartet höchstens ein Unentschieden. Für einen Punkt muss es reichen, ­darin sind sich auch D’Adorante und Lehmann einig.

Während sie die 318 Kilometer bis Mittag hinter sich haben, fahren in Bern die organisierten Fans erst los. Sogar der SCB-Spielercar ist mit Fussballfans beladen. Während sie direkt vors Stadion fahren, werden derweil in den Cafés des Stadtzentrums zahlreiche YB-Fans gesichtet, die das frühlingshafte Wetter geniessen und für Souvenirfotos mit Juve-Fans posieren.

Anders als im Jahr 2014 in Neapel wird man in der piemontesischen Hauptstadt mit offenen Armen empfangen. Einen offiziellen Treffpunkt für die Fans gibt es nicht, aber viele finden sich im Parco del Valentino, wo sie in Shuttlebussen gefahren und ­dabei von der Polizei ins Stadion eskortiert werden. Die Kontrollen seien rigoros. «Es war schlimmer als am Flughafen», sagt D’Adorante, der sich die Partie vom obereren Gästesektor anschaut.

Kein Geschenk

Vor dem Anpfiff, nach dem Pausentee und während der YB-Viertelstunde zünden die YB-Fans gelbe Pyros. Das dürfte dem Berner Club eine Geldstrafe einbringen. Obwohl YB amtierender Schweizer Meister ist und auch die Super League erneut gut im Griff hat, haben die Fans die Zeiten der Europa League nicht vergessen. All die Begegnungen, bei denen sie wenige bis gar keine Punkte holten und das Team dennoch unterstützten.

Und so singen sie 90 Minuten lang durch, ohne den Blick auf die Bildschirme schweifen zu lassen. Die Stimmung kippt kurzzeitig ins Aggressive, als sich einige von ­Juve-Fans provozieren lassen. Dennoch: «Ich finde, dass der zwölfte Mann heute der Beste war», sagt D’Adorante. Und singt lange nach Spielschluss mit den anderen YB-Fans im leeren Stadion: «Fuessbau-Schwyzer-Meischter BSC».

Berner Zeitung

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