Wyss schraubt am Image – und setzt auf Inhalte

Ursula Wyss und Alec von Graffenried machen am 15. Januar untereinander Berns Stadt­präsidium aus. Bei ihr wisse man, was man habe, sagen Wyss und ihre Unterstützer – und zielen so auf von Graffenrieds inhalts­losen Wahlkampf.

Stapi-Kandidatin Ursula Wyss zwischen SP-Co-Präsidentin Edith Siegenthaler (links) und Béatrice Stucki, Präsidentin des Gewerkschaftsbunds, gestern vor den Medien.

Stapi-Kandidatin Ursula Wyss zwischen SP-Co-Präsidentin Edith Siegenthaler (links) und Béatrice Stucki, Präsidentin des Gewerkschaftsbunds, gestern vor den Medien.

(Bild: Beat Mathys)

Christoph Hämmann

So angespannt wie zum Auftakt ihrer gestrigen Medienkonferenz hat man Ursula Wyss (SP) noch selten gesehen. Sie habe 48 Stunden gebraucht, um sich darüber klar zu werden, ob sie zum zweiten Wahlgang um das Berner Stadtpräsidium antreten solle. «Ich bin ein Mensch, keine Maschine», sagte Wyss. Wie sie «nicht nur auf Social Media, sondern auch in seriösen Medien» als «ehrgeizig, unnahbar und machtgierig» dargestellt werde, habe sie verletzt.

Nach vielen Gesprächen mit ihrer Familie, ihrer Partei «und mit mir selber», so Wyss, und angesichts «unzähliger Unterstützungsbekundungen» sei sie zum Schluss gekommen: «Wir geben nicht auf halber Strecke auf, und die Ausgangslage ist offen.» Vor Wyss’ Medientermin hatte Franziska Teuscher (GB) bekannt ­gegeben, dass sie nicht zum ­zweiten Wahlgang antritt. Damit kommt es am 15. Januar zum Stechen zwischen Wyss und Alec von Graffenried (GFL), der im ersten Wahlgang vorne lag.

«Kompromisse heilig»

Wyss ist zu sehr Profi, als dass sie den Einblick in ihre Seele einfach so gewährt hätte. Doch sie wirkte ernsthaft aufgewühlt, als sie sagte, dass Ausdauer kein Problem für sie sei – im Gegensatz zu der Härte, der sie ausgesetzt sei.

Bald schaltete sie aber wieder in den Politmodus. Sie habe Erfahrung in der städtischen Exe­kutive und im Umgang mit der bürgerlichen Minderheit, was angesichts der neuen Konstellation mit vier Rot-Grün-Mitte-Sitzen wertvoll sei. «Kompromisse sind mir heilig.» Aus dem Nationalrat wisse sie, was es heisst, auf der ­anderen Seite der Mehrheiten zu stehen. Und in allen Dossiers sei es für sie selbstverständlich, alle Beteiligten anzuhören und einzubeziehen – Quartierbevölkerung, Agglomeration, Kanton.

Schliesslich zielte Wyss auf ihren Kontrahenten – nicht ohne zu betonen, dass sie beide sich einen fairen Wahlkampf liefern und danach im Gemeinderat konstruktiv zusammenarbeiten würden. «Ich stehe für eine Politik mit Inhalten», sagte sie einen Tag nach einem «Bund»-Artikel, in dem sich die GFL-Präsidentin zitieren liess, man habe im Wahlkampf statt konkreter Inhalte lieber von Graffenrieds Persönlichkeit in den Vordergrund gerückt. Sie stehe für «Respekt, Verlässlichkeit und Faktenkenntnis», so Wyss. «Inhalte sind aber auch wichtig, und sie haben etwas mit Haltung zu tun.»

In die gleiche Kerbe hieben die Vertreter der SP-Parteileitung, des Gewerkschaftsbunds und der Juso, die Wyss beim Auftritt flankierten. Wyss sei eine «Chrampferin», sagte SP-Co-Präsident Stefan Jordi. Natürlich biete auch Angriffsfläche, wer handle und klare Positionen vertrete. «Dafür weiss man bei Ursula Wyss, was man hat.»

Nicht an Wyss’ Seite war Gemeinderatskollegin Teuscher, die mit ihr einen Wahlkampf für eine Frau im Stadtpräsidium geführt hatte. Sie lässt aber keinen Zweifel daran, dass sie Wyss wählen wird (siehe Interview rechts).

Überraschung: FDP gespalten

Von Graffenried kann im zweiten Wahlgang auf die Unterstützung der BDP zählen. «Seine ruhige und offene Art, auf Menschen zuzugehen, und seine Fähigkeiten als Brückenbauer schätzen wir ausserordentlich», schreibt die Partei. Eher überraschend unterstützt die FDP-Parteileitung von Graffenried bloss «mehrheitlich», wie sie gestern mitteilte. Zu den Abweichlern gehört Neo-Stadträtin und FDP-Frauen-Generalsekretärin Claudine Esseiva, jedoch nicht als Einzige, wie sie auf Anfrage betont.

«Wyss und von Graffenried sind beide nicht meine Kandi­daten», sagt Esseiva. «Vom politischen Profil her ist von Graffenried überhaupt nicht bürger­licher als Wyss, und bei zwei ­gleichen Profilen wähle ich persönlich die Frau.» Wyss habe ihrer Ansicht nach den grösseren Leistungsausweis als von Graffenried, so Esseiva. «Wyss hat eine Bilderbuchkarriere – was muss eine Frau denn noch anders machen, damit sie gewählt wird?»

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