Wyss geht ihren Weg

Bern

Ein Kommentar von Stadt-Redaktor Christoph Hämmann zum überraschenden Rücktritt von SP-Gemeinderätin Ursula Wyss aus dem Gemeinderat.

Christoph Hämmann

Der Rücktritt von Ursula Wyss aus dem Berner Gemeinderat erschüttert den städtischen Politbetrieb in seltener Heftigkeit. Dies passt zur krachenden Niederlage, die sie vor knapp zwei Jahren erlitten hat, und es ist letztlich die Konsequenz daraus.

Ausgerechnet die erfolgsgewohnte Wyss ging damals als jene Kandidatin in die Geschichte ein, mit der die SP das vermeintlich fix gepachtete Stadtpräsidium verlor. Sie unterlag Alec von Graffenried (GFL) nach einem Wahlkampf, der fast das Rot-Grün-Mitte-Bündnis (RGM) gesprengt hätte und in dem hart gegen sie als Person und Frau agitiert worden war. Als Wyss nach der verlorenen Stapiwahl den Schaden hatte, brauchte sie für Spott und Hohn nicht mehr zu sorgen. Ihr Rückzug passt zur Konsequenz, mit der sie ihre politische Laufbahn beschritten hat, und er ist eine späte Antwort an die Kritikerinnen und Kritiker, die mehr mit diffusen Gefühlen als mit Fakten gegen sie gekämpft hatten.

Überraschend ist ihr Rücktritt höchstens deshalb, weil ihr die Verletzungen kaum anzumerken waren. Im Gegenteil: Erstaunlich bald nach der verpassten Wahl zur Stadt­präsidentin wirkte Wyss gelöster als während der ersten vier Jahre im Gemeinderat. «Jetzt erst recht», schien ihr Motto zu sein, als sie etwa bei der Velo­offensive und der Möblierung des öffentlichen Raums noch einen Zacken zulegte. Und auch mit Stadtpräsident von Graffenried fand sie, so meinte man, einen Modus Vivendi. Heute muss man sagen: Es war mehr Wyss’ Professionalität (und die Freude an ihrer Direktion), die sie engagiert weiterarbeiten liess, als Ausdruck davon, dass sie die bitterste Niederlage ihrer Karriere überwunden hatte.

Mit Wyss’ frühzeitiger Kommunikation erhält ihre Partei Zeit, sich für die Wahlen im Herbst 2020 neu aufzustellen. Wenn der erste Eindruck nicht trügt, präsentiert sich die Auswahl an Kandidatinnen – und nur Frauen dürften infrage kommen – überschaubar. Gleichzeitig stellt sich für die SP die knifflige Frage, ob sie beispielsweise mit Nadine Masshardt auf einen bekannten Namen setzen soll – und riskieren, mit ihr zu scheitern.

Falls es nämlich Bürgerlich-Grün-Mitte (BGM) gelingt, das angestrebte Bündnis zu schnüren, droht RGM einen seiner vier Sitze zu verlieren. Weil GB-Gemeinderätin Franziska Teuscher ebenso unantastbar scheint wie Stadtpräsident von Graffenried, wackelt in der bisherigen Ausgangslage am ehesten einer der SP-Stühle von Wyss und Finanzdirektor Michael Aebersold. Das nicht unrealistische Szenario, erst als designierte Stadtpräsidentin zu scheitern und vier Jahre später als Gemeinderätin abgewählt zu werden, ist ein weiterer möglicher Grund für Wyss’ Rücktritt.

Berner Zeitung

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