Würde sie nur leben, diese Agglo!

Irgendwo hört die Stadt auf, und das Land beginnt. Dazwischen liegt Niederwangen. Ein Augenschein.

Landidylle, Mehrfamilienhäuser, Industriehallen: Niederwangen ist ein grün-graues Chamäleon.

Landidylle, Mehrfamilienhäuser, Industriehallen: Niederwangen ist ein grün-graues Chamäleon. Bild: Nicole Philipp

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Man kann «Agglomeration» theoretisch definieren, man kann Einwohnerzahl, Siedlungsdichte und den raumplanerischen Aufbau von Ballungszentren analysieren. Man kann aber auch einfach nach Niederwangen fahren – dort spürt man schnell, was «Agglo» ist.

Die Agglo sei gesichtslos, besagt das Klischee, aber Niederwangen hat gefühlt hundert Gesichter: Im Norden verschmilzt der Ort mit der Bümplizer Industrie, rot-weiss der Heimwerker-Riese Bauhaus, BMW-Garagen, Porsche und natürlich Tankstellen. Die Strasse ist ein asphaltierter Knoten aus Über- und Unterführungen. Stünde hier keine Ortstafel, wüsste man nicht, dass etwas aufhört (Bern) beziehungsweise beginnt (Niederwangen).

Wenige Schritte vom Bahnhof Niederwangen stehen ein Coop und eine Bäckerei. Man wäre versucht, von einem Ortszentrum zu sprechen, würden davor nicht Autos vorbeirauschen und dahinter Wald und Wiese beginnen. Quert man die Autobahn, die Niederwangen zweiteilt, steht man plötzlich vor alten Fachwerkhäusern in üppigen Gärten, vor Hasenställen, grasenden Pferden und blühenden Büschen. Agglo, das so ähnlich klingt wie «ugly», englisch für «hässlich», ist ein Synonym für ein grau-grünes Flickwerk aus städtischem und ländlichem Zusammenleben.

Als ich das erste Mal nach Niederwangen kam, stolperte ich sozusagen darüber: Ich war auf einem Spaziergang im Könizer Wald gewesen und willkürlich Waldwegen gefolgt, schliesslich dem Wegweiser Richtung «Tubetränki» – denn was gibt es idyllischeres als Vögel, die sich an einer schattigen Quelle tief im Wald erfrischen? Das dachte ich damals. Die Tubetränki ist tatsächlich ein hübscher Picknickplatz am Waldrand mit plätschernder Quelle.

Video-Umfrage: Ist Agglo etwas Negatives?

Der Ausblick irritiert jedoch: Aus Mais- und Sonnenblumenfeldern wächst das Quartier «Papillon» heraus, ein Grossprojekt vanillegelber Mehrfamilienhäuser, das die Wohnbevölkerung Niederwangens dereinst mehr als verdoppeln wird: Rund 1900 Menschen leben zurzeit in Niederwangen, allein «Papillon» bietet Platz für 2500 weitere. Was ist das für ein merkwürdiger Ort, fragte ich mich, den man einfach aus dem Boden stampfen kann, der nicht organisch wächst, sondern den man in fiebrigen Schüben um tausende von Einwohnern vergrössert?

Betrachtet man die trockenen Zahlen und Fakten, ist Niederwangen, gelinde gesagt, unspektakulär. Es ist Bestandteil der Gemeinde Köniz, genauer: der siebtgrösste von zweiundzwanzig Ortsteilen. Drei Buslinien, S-Bahn-Züge im Halbstundentakt nach Freiburg und Bern. Die Wegweiser zeigen wahlweise nach «Niederwangen Dorf» oder «Industrie Süd» oder «Industrie Nord».

Ist Niederwangen nun Dorf oder Stadt? Ich spreche eine Frau mit kurzem Haar und freundlichem Gesicht an. Sie ist Bewohnerin eines der schönen Bauernhäuser. «Weder noch», sagt sie, «wir sind wirklich in der Agglo hier.» Dass das Wort negativ behaftet ist, störe sie nicht. Es gebe schliesslich tatsächlich negative Seiten: «Niederwangen ist ein Schlafdorf – Sie werden kaum jemanden auf der Strasse antreffen.» Sie behält recht. Das ist es, denke ich plötzlich, was Niedwangen zur Agglo macht: Seine Menschenleere, seine Ausgestorbenheit.

Die Autobahn teilt das Dorf. Bild: Nicole Philipp

Die Aussage, Niederwangen sei «an Werktagen völlig ausgestorben» mag das Planungsamt der Gemeinde Köniz nicht abschliessend teilen: Eine grosse Schulanlage, Kinderbetreuungsangebote würden selbst im historischen Teil von Niederwangen für öffentliches Leben sorgen. Ab sechs Uhr morgens sei in den Industrie- und Arbeitsgebieten reges Treiben zu verzeichnen. Und in Bahnhofsnähe erzeugten das Einkaufszentrum und das Restaurant «Wangenbrüggli» ortsbelebende Frequenzen.

Die negative Konnotation des Agglo-Begriffs erklärt das Planungsamt wie folgt: «Der Begriff suggeriert für viele weitläufige, nicht klar abgegrenzte Räume, die scheinbar beliebig bebaut sind - meist mit austauschbaren Architekturen.» Aus planerischer Sicht sei die Agglomeration hingegen ein vielschichtiger und lebendiger Ort, mit diversen Subzentren und quartierbezogenen Angeboten.

Ausserdem werde die Lebensqualität in der Agglomeration unterschätzt: «Indem sie positive Eigenschaften beider Lebensräume vereint, bietet die Agglomeration Qualitäten, die weder Innenstadt noch Landleben allein zu bieten haben.» Niederwangen ist verkehrstechnisch bestens erschlossen, das Angebot an Arbeitsplätzen und bezahlbarem Wohnraum ist hoch, Naherholungsräume nah. Und ich denke an das Puzzle aus Tubetränki, Bauhaus und Wohnquartieren.

Auch die Frau vor dem schönen Bauernhaus sagt: «Wir wohnen nahe dem Wald, wir haben Viecher», sie deutet auf ein Kleintiergehege, «und sind zu Fuss schnell am Bahnhof». Dennoch bleibt der Eindruck einer zurückgezogenen Verschlafenheit – trotz lärmender Schulkinder, trotz Ameisenbetrieb auf der Autobahn, trotz Wartender am S-Bahnhof und vollen Parkplätzen im Industriegebiet.

Unwillkürlich denke ich: Würde sie doch nur leben, diese Agglo! Vielleicht wäre diese merkwürdige Patchworkdecke aus Industrie und dörflichem Charme auch dann nicht schöner als die geradezu makellose Altstadt Berns, aber bestimmt interessanter.
Ist der Agglomerationsbegriff wirklich negativ behaftet? Was Passanten dazu sagen, sehen Sie im Video auf unserer Webseite. (Berner Zeitung)

Erstellt: 14.07.2017, 15:33 Uhr

Artikel zum Thema

Wir sind alle ein bisschen Agglo

Für die BZ-Sommerserie Stadt-Land schreiben drei Redaktorinnen über ihren Wohnort. Heute Mirjam Messerli über Hinterkappelen. Mehr...

So würde die fusionierte Grossstadt Bern funktionieren

Grossbern Stellenabbau bei Lokalpolitikern, Ausbau der Quartiermitsprache: So könnte laut einer Studie eine aus den 12 Gemeinden des engsten Agglo-Gürtels fusionierte Grossstadt Bern politisch organisiert werden. Mehr...

BZ-Sommerserie Stadt-Land

Mit den langen Ferien beginnt auch unsere Sommerserie. Das Thema lautet Stadt-Land. Zum Auftakt wird erläutert, wie städtisch und ländlich heute definiert wird. In weiteren Folgen widmen wir uns den Frisuren auf dem Land oder einem ­Städter auf der Alp.

Wir zeigen die schönsten Wanderrouten in der Stadt Bern und beliebte Ausflugsziele in ländlichem Gebiet. In den nächsten fünf Wochen erscheint täglich mindestens ein Artikel zum Thema Stadt-Land. Zum Abschluss werden wir am 12. August in einem Quiz Ihr Stadt-Land-Wissen testen. (stü)

Marktplatz

Immobilien

Kommentare

Blogs

Echt jetzt? Besoffene Filmstars
Foodblog Meine erste Wurst

Service

Von Kino bis Festival

Finden Sie hier die schönsten Events in unserer Region.

Die Welt in Bildern

Ungewohnte Besetzung: Ein japanisches Alphornquartett nach seinem Auftritt am internationalen Alphornfestival in Nendaz. (23. Juli 2017)
(Bild: Valentin Flauraud) Mehr...