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Wollte er seine Mutter töten?

Er habe Drogen in einer Wasserflasche aufgelöst und damit den Tod seiner Mutter in Kauf genommen: Die Anklage fordert dafür viereinhalb Jahre Haft. Die Verteidigung spricht von einem Unfall und sieht ein Verfahren voller Fehler.

Hat ein Mann seiner Mutter in Wasser aufgelöste Drogen untergejubelt?
Hat ein Mann seiner Mutter in Wasser aufgelöste Drogen untergejubelt?
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Seit Dienstag steht ein junger Mann in Biel vor Gericht, weil er versucht haben soll, seine Mutter zu töten, indem er ihr Fentanyl untergejubelt habe. Ein Medikament, das er sich illegal im Darknet beschafft hatte. Die Staatsanwaltschaft fordert für «die heimtückische Tat» eine Freiheitsstrafe von viereinhalb Jahren.

Die Verteidigung hingegen spricht von einem tragischen ­Unfall, bei dem die Mittel eines Süchtigen im Rausch stehen gelassen und aus Versehen von der falschen Person konsumiert worden seien. Sie fordert einen Freispruch und macht Entschädigungs- und Genugtuungsforderungen geltend.

Fentanyl? Dieses Opioid macht seit Monaten Schlagzeilen. Das ursprünglich für Krebspatienten und Operationen entwickelte Schmerzmittel hat in den USA längst den Schwarzmarkt erobert und ist mit dafür verantwortlich, dass US-Präsident Donald Trump im vergangenen August wegen der vielen Opioid-Abhängigen den «nationalen Notstand» ausgerufen hat.

Das Schmerzmittel ist höchst potent: Es ist rund 100-mal stärker als Morphium und sorgte bereits für Tausende Todesfälle. In der Schweiz ist die Verbreitung von Fentanyl als Suchtmittel bisher allerdings kein grosses Thema.

Vor zwei Jahren jedoch wurde das gefährliche Opioid im Blut einer in der Region Biel wohnhaften Mutter und ihres erwachsenen Sohnes nachgewiesen. Was ist geschehen?

Wütend über Polizeibesuch

Am 16. Februar 2016 schildert ein damals 32-jähriger Mann seiner Mutter seine Absichten, sich das Leben nehmen zu wollen. Es ist nicht das erste Mal, dass er ihr gegenüber Suizidgedanken äussert. Diesmal aber erscheint es ihr, als wolle er ernst machen; sie alarmiert nach dem langen Gespräch im Unwissen des Sohns die Rettungskräfte.

Dieser ist über das Eintreffen der Polizei verstimmt, ist enttäuscht und wütend über das Handeln seiner Mutter. Das geht einstimmig aus den Schilderungen von Anklage und Verteidigung hervor. Dann aber gehen die Darstellungen der Geschehnisse auseinander.

Staatsanwältin Barbara Zähner spricht von einem Streit zwischen Mutter und Sohn, in dessen Folge sich der junge Mann rächen wolle, er sei schliesslich enorm kränkungsempfindlich, wie ein psychiatrisches Gutachten später zeigen sollte.

Unter Drogeneinfluss mische er deshalb Fentanyl in eine PET-Flasche und lasse diese in der Hoffnung stehen, dass seine Mutter später von dem Wasser trinke. Gemäss Anklage habe er das bei einer Befragung auch so bestätigt: Ja, er habe in diesem Moment gewollt, dass seine Mutter die Fentanyl-Lösung trinke, soll er gesagt haben.

Die Staatsanwaltschaft erhob Anklage wegen versuchter vorsätzlicher Tötung. Sie sieht es als erwiesen an, dass der Beschuldigte um die Wirkung des Medikaments gewusst habe, weshalb er «den Tod seiner Mutter wissentlich in Kauf genommen» habe.

Als «völlig absurd» bezeichnet Pflichtverteidiger Thomas Weder den Sachverhalt, so, wie ihn die Staatsanwaltschaft schildert. Das Fentanyl sei einzig für seinen Mandaten bestimmt gewesen, er habe ja auch selber aus der Flasche getrunken, den Tod seiner Mutter habe er «zu keiner Zeit in Kauf genommen, geschweige denn gewollt».

Schliesslich sei es der Sohn selber gewesen, der umgehend den Notarzt gerufen habe, als seine Mutter angab, dass es ihr schlecht gehen würde.

Weder geht nun zum Angriff über und lässt kein gutes Haar an der Strafuntersuchung, spricht immer wieder von Ermittlungsfehlern. Er wirft der Staatsanwaltschaft vor, nur nach jenem Sachverhalt gesucht zu haben, der nun angeklagt sei. Das eingebrachte toxikologische Gutachten sei «nicht brauchbar», daes auf ungenügenden Datenbasiere.

Keine Fragen beantwortet

Und der Beschuldigte? Er will vor Gericht keine Fragen beantworten, liest stattdessen ein kurzes Statement vor. «Ich entschuldige mich, vor allem bei meinen Eltern, dafür, dass ich Selbstmord machen wollte», sagt der heute 34-Jährige. Und widerspricht der Anklage kurz und knapp: «Das Fentanyl war nie für jemand anderes gedacht als für mich.»

«Das Fentanyl war nie für jemand anderes gedacht als für mich.»

Aussage des Beschuldigten

Dann schweigt er. So auch seine Mutter, die bei den polizeilichen Einvernahmen stets bestritt, dass ihr Sohn ihre Gesundheit habe gefährden wollen: Sie macht von ihrem Zeugnisverweigerungsrecht Gebrauch.

Das Urteil am Regionalgericht wird am Mittwochnachmittag eröffnet.

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