Wohlensee: Vom Bschüttloch der Stadt zum Badesee

Mit dem Bau des Stauwerks Mühleberg vor 100 Jahren entstand der Wohlensee. Heute ist er ein beliebtes Naherholungsgebiet. Lange Jahre war der See aber alles andere als appetitlich. Teil drei unserer Serie.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Plötzlich ging alles schnell. Als im Mai 1920 die Staumauer Mühleberg geschlossen war, staute sich die Aare, und der Wasserspiegel stieg langsam an. Die stehen gebliebenen Gebäude, Wälder und bebaute Äcker versanken im Wasser, viele Tiere bezahlten den Bau das Wasserkraftwerks mit dem Leben. Im darauffolgenden August erstrecke sich ein 15 Kilometer langer See dort, wo früher der Fluss sich mäandrierend durch die Landschaft bewegte.

Hilfe suchende Ameisen

So erschien im August 1920 ein Artikel in der «Landeszeitung», wo der Autor eine Bootsfahrt auf dem neuen See beschreibt: «Seltsames erleben wir da. Wir sehen die überfluteten Wiesen und Äcker in ihrer vollen Frische durch das circa metertiefe Wasser schimmern. Kartoffelstauden, roter Klee, schneeweisse ‹Margritli› und dergleichen blicken aus der Tiefe zu uns herauf.» Und etwas später schreibt er von einer «Unmenge Regenwürmer auf dem Grunde», die doch zu viel Regenwasser zu schlucken bekommen haben. Anders die Spinnen und Ameisen, die sich auf dem Wasser hilfesuchend an Gegenstände klammerten. Sie kletterten auch in das Boot des Schreibenden, der sich nur mit Mühe und einer nassen Bürste gegen die braunen und schwarzen Lebewesen wehren konnte.

«Seltsames erleben wir da. Wir sehen die überfluteten Wiesen und Äcker in ihrer vollen Frische durch das circa metertiefe Wasser schimmern.»Landeszeitung von 1920

Die Landwirte waren nicht glücklich über diese Aufstauung, fand diese doch mitten in der Erntezeit statt. Überhaupt tat sich die gesamte Bevölkerung anfänglich schwer mit der neuen Landschaft. Denn der Preis war hoch, der Eingriff in die Natur massiv. Rund 500 Hektaren Wald und Kulturland gingen verloren, betroffen waren rund 100 Grundeigentümer.

Dafür rief das moderne Wasserkraftwerk ein grosses Echo hervor. Die politische Elite liess sich nicht nehmen, das Bauwerk zu bestaunen. Ein Foto zeigt den Gesamtbundesrat, wie er im September 1920 bei der offiziellen Einweihung auf einem Boot sitzt.

Anfangsfreude

Schon bald entdeckte die Bevölkerung die Möglichkeiten, welche der künstlich geschaffene See bot. Kinder badeten im See. Ruderer trainierten und massen sich in Regatten, Wasserflugzeuge landeten. Ein Unternehmen plante sogar, auf dem Wohlensee eine Flugstation für Wasserflugzeuge zu bauen, als Landeplatz für die Hauptstadt.

Die Freude am See hielt jedoch nicht besonders lange. Denn das Wasserkraftwerk Mühleberg war zur Deckung der Spitzenlast bei hohem Stromverbrauch gebaut worden. Das führte zu grösseren Seespiegelschwankungen. Besonders gegen Ende einer Woche, wenn Industrie und Gewerbe viel Energie verbraucht hatten, lag der Seespiegel bis zu drei Meter tiefer. Dadurch konnte sich vorerst keine dauerhafte Ufervegetation bilden. Erst mit der Inbetriebnahme der Kraftwerke im Grimselgebiet in den 1930er-Jahren gingen diese Schwankungen deutlich zurück. Heute betragen sie nur noch wenige Zentimeter.

Noch keine ARA

Ein zusätzliches Problem war, dass die Stadt Bern und die Gemeinden im Einzugsgebiet des Wohlensees und der Aare noch keine Kläranlagen besassen. Allerlei Abfälle, Fäkalien und Tierkadaver landeten so ungeklärt im See. Aus der Ferne sah der Wohlensee zwar ansprechend aus. Doch in der Nähe rümpfte so mancher Besucher wegen der entstandenen Sumpfgase die ­Nase. Bei tiefem Wasserstand ­kamen all diese unappetitlichen Dinge in Ufernähe zum Vorschein.

In der Nähe rümpfte so mancher Besucher wegen der entstandenen Sumpfgase die ­Nase.

Eine Leserin dieser Zeitung erinnert sich an jene Zeit, als die Stadt Bern noch keine ARA besessen hat. In einem Leserbrief im letzten Herbst schrieb sie, dass der Wohlensee das «Bschüttloch» der Stadt Bern gewesen sei. Der See habe gestunken. Die Steine und der See, alles sei schleimig grün gewesen. Sie schrieb von einem unangenehmen, ekligen, verachteten Naherholungsgebiet.

Die Verlandung

Ein grosses Thema in der fast 100-jährigen Geschichte des Wohlensees ist die Verlandung. Jährlich lagern sich rund 100 000 Kubikmeter Geschiebe (Sand, Kies, Schlamm) im Wohlensee ab. Dieses Material setzte sich wegen der tieferen Fliessgeschwindigkeit am Ufer ab, was zu seichten Stellen führte.

Nach Reklamationen aus der Bevölkerung und auf Verlangen der Behörden kam die BKW ihren Verpflichtungen aus der Konzession nach. Sie entnahm dem See Geschiebematerial und landete damit seichte Stellen auf. Ab 1942 entstanden so neue Landflächen am See. Eine davon im Gebiet Ey Hinterkappelen, wo sich heute die verschiedenen Sportplätze befinden. Ein anderes Projekt, im See mehrere künstliche Inseln zu schaffen, scheiterte am Widerstand der Bevölkerung.

Heute gilt die künstlich entstandene Landschaft als Naherholungsgebiet. Ein Leserbriefschreiber bezeichnet den Wohlensee als einen der schönsten im Land.

Quellen:«Wohlen im 19. und 20. Jahrhundert» von Thomas Brodbeck und Andrea Schüpbach. «Woh­lensee, Entstehung – Geschichte – Fauna – Flora – Schutz», Verein Heit Sorg zum Wohlensee (Simone Schenk). «Wasserkraftwerke der Bernischen Kraftwerke AG, das Elektrizitätswerk Mühleberg», Sonderdruck aus der «Schweizerischen Bauzeitung», Mai/Juni 1926. Diverse Zeitungsartikel. (Berner Zeitung)

Erstellt: 13.02.2018, 13:06 Uhr

Der Staudamm und der See - die Serie

Vor gut hundert Jahren hat der Bau des Wasserkraftwerks Mühleberg begonnen. Im Dezember 1917 erhielt die BKW vom Berner Regierungsrat die Konzession für das Kraftwerk. Im Sommer 1920 wurde die Aare gestaut, im Nordwesten Berns entstand ein neuer See, der später den Namen Wohlensee erhielt. Diese Zeitung nimmt den Baubeginn im Herbst 1917 zum Anlass, der Geschichte des Wasserkraftwerks und des Wohlensees in den nächsten Monaten eine Serie zu widmen. Über die aufgestaute Aare brauchte es neue Übergänge; neue Tier- und Pflanzenarten siedelten sich am Wohlensee an. Nicht zuletzt ist der See ein grosses Naherholungsgebiet. Bisher erschienen im Rahmen der Serie Beiträge über den Bau des Staudamms und die neuen Brücken.

Artikel zum Thema

Diese Staumauer veränderte die Landschaft für immer

Mühleberg Im Herbst 1917 begannen die Bernischen Kraftwerke mit dem Bau des Wasserkraftwerks in Mühleberg. Ein Rückblick. Mehr...

Über neue Brücken musst du gehen

Wohlensee Mit dem Bau des Wasserkraftwerks verschwanden auch die Brücken über die Aare. Deshalb entstanden drei neue Übergänge und bessere Verkehrsanbindungen für Wohlen. Mehr...

Marktplatz

Immobilien

Kommentare

Blogs

Mamablog Die nervigsten Kinderfiguren

Werbung

Weiterbildung

Ausbildung & Weiterbildung Finden Sie die passende Weiterbildung Technischer Kaufmann, Deutsch lernen, Coaching Ausbildung, Präsentationstechnik, Persönlichkeitsentwicklung

Die Welt in Bildern

Explosive Abrüstung: An der Grenze zwischen Süd- und Nordkorea werden die Bewachungsposten abgebaut. (15. November 2018)
(Bild: Jung Yeon-je/Getty Images) Mehr...