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Wo überforderte Landwirte Hilfe erhalten

Nachdem mehrere krasse Tierschutzverstösse ans Licht gekommen waren, wurde im Kanton Bern 2008 eine Anlaufstelle für überlastete Landwirte gegründet. Ein ­Verein führt heute deren Aufgaben fort.

Markus Roder, Präsident des Vereins Anlaufstelle Überlastung Landwirtschaft.
Markus Roder, Präsident des Vereins Anlaufstelle Überlastung Landwirtschaft.
Hans Wüthrich

Wüste Bilder von Kühen, die bis zu den Knien im Dreck standen, erschütterten 2008 die Berner Bevölkerung. Mehrere Landwirte im Kanton sorgten damals mit groben Verstössen gegen das Tierschutzgesetz für Schlagzeilen. Wurden sie zum einen als «Schmuddelbauern» apostrophiert, betonten landwirtschaftsnahe Kreise, dass nicht Tier­quälerei dahinterstecke, sondern Überforderung.

Trotzdem litt das Image der Berner Bauernschaft. Da schritt die Oekonomisch-Gemeinnützige Gesellschaft (OGG) des Kantons Bern ein und gründete die Anlaufstelle Überlastung Landwirtschaft. Der Startschuss erfolgte im September 2008. Obwohl keine systematische Evaluation vorgenommen wurde, ist Markus Roder überzeugt, dass es die Stelle weiterhin braucht – sogar mehr denn je. Roder war im Vorstand der OGG für die Anlaufstelle Überlastung Landwirtschaft zuständig und präsidiert nun den gleichnamigen Verein, der die Dienstleistung weiterentwickeln will.

Hilfe vor Ort

Dabei hat der 66-jährige Langnauer von Haus aus herzlich wenig mit der Landwirtschaft zu tun. Als Kind habe er zwar die meisten Ferien auf den Bauernhöfen seiner Grosseltern im Seeland verbracht, erzählt er. Doch beruflich war er in den letzten dreissig Jahren im Sozialbereich tätig, zuletzt als Eingliederungsfachmann in der IV-Stelle Bern.

Wie kommt der Sozialdemokrat und Alt-Achtundsechziger dazu, sich für Landwirte zu engagieren? Weil es sich bei der Anlaufstelle um ein einzigartiges Angebot handle, sagt er. Sie leiste mehr als ein anonymes Beratungsgespräch, wie es etwa das Bäuerliche Sorgentelefon biete. Die Dienstleistung beinhaltet nebst Beratung vor allem die Hilfe vor Ort. Wer die Nummer 079 200 00 44 anruft, bekommt es nicht mit psychologisch geschulten Sozialarbeitern zu tun.

Mitglieder des Vereins nehmen die Anrufe entgegen und vermitteln den Kontakt zu erfahrenen Landwirtinnen und Landwirten. «Zu Leuten, die die gleiche Sprache sprechen wie der Hilfesuchende und die wissen, wovon die Rede ist», sagt Roder. Aktuell könne der Verein vier Personen einsetzen. Doch er sucht zusätz­liche Landwirte, die bereit sind, freiwillig für überlastete Berufskollegen tätig zu werden. Nebst der beruflichen Qualifikation müssten sie über eine hohe Sozialkompetenz verfügen.

Plötzlich kein Futter mehr

Letztes Jahr wandten sich 31 Bäuerinnen und Bauern an die Anlaufstelle. Mehr als 70 in einem Jahr waren es bisher nicht. Das klingt nach wenig. Doch es konnte aus Situationen geholfen werden, die leicht zu neuen unschönen Schlagzeilen hätten führen können. Roder erwähnt das Beispiel eines Schweinemästers, der die Rechnungen nicht mehr bezahlen konnte.

Eines Tages habe ihm der Futtermittellieferant, mitgeteilt, er stelle seine Lieferungen ein, wenn nicht innert dreier Tage alle offenen Rechnungen bezahlt würden. Was sollte aus den hundert Schweinen werden? Der Mann war verzweifelt, wandte sich an die Anlaufstelle. «Unsere Kontaktperson war eine Woche auf dem Betrieb», sagt Roder. «Allein wäre der Bauer völlig überfordert gewesen.»

Ein anderes Mal meldete sich ein Bauer, der sich im und ums Haus total eingemüllt hatte. Nur die Tiere habe er anständig versorgt. Der Kontaktperson sei es gelungen, von dem Mann die Zustimmung zu einer aussergewöhnlichen Aktion zu bekommen: «Eine Gruppe freiwilliger Helfer brauchte eine Woche, um alles zu räumen und zu putzen.» Heute gehe die Kontaktperson zweimal jährlich vorbei. Doch eingreifen musste sie nicht mehr.

«Der Druck steigt»

Gerne würden Gemeinden und Sozialdienste zuweilen die Anlaufstelle Überlastung Landwirtschaft einschalten, wenn ihnen zu Ohren kommt, dass auf einem Hof prekäre Verhältnisse herrschen. Aber Roder winkt ab. «Wir nehmen keine Aufträge entgegen und geben keine Informationen weiter.» Die Anlaufstelle werde erst aktiv, wenn der Hilfesuchende darum bitte.

Die Probleme der Bauern würden immer komplexer, sagt Roder. Er erwähnt etwa Spannungen zwischen den auf dem Hof wohnenden Generationen, die bis zu psychischen Störungen und Gefährdungen führen könnten. Oder den Papierkram, den sich gerade ältere Bauern nicht gewohnt seien. Die Pflicht, alles dokumentieren zu müssen, überfordere viele. Hinzu komme, dass sie nie gelernt hätten, über Probleme zu sprechen. Das sei wohl mit ein Grund, warum es vielen schwerfalle, mit Berufskollegen zusammenzuspannen und etwa Maschinen auszutauschen.

«Der Druck steigt: Jeder spürt, dass er effizienter werden, sich besser informieren, besser kommunizieren und sozial kompetenter werden muss.» Das führe auch unter Landwirten immer häufiger zu Burn-out-Problemen. Der neue Verein werde nun statistisches Material zusammentragen. «Damit wir der übrigen Gesellschaft die Probleme der Landwirtschaft vor Augen führen können.»

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