Wo die Nacht noch Nacht ist

Redaktorin Laura Fehlmann berichtet von ihrem Bergsommer auf der Alp Obriste Morgeten.

Ehrlich gestanden hatte ich ein etwas mulmiges Gefühl, als ich mein Zimmerchen im Stierelager bezog, eine Alphütte Baujahr 1826, die zur Alp Obriste Morgeten gehört. Dort gibt es keinen Strom, zum Plumpsklo führt ein längerer Fussmarsch.

Am ersten Tag auf der Alp war ich um 21 Uhr schon im Bett, las mit der Stirnlampe, unkonzentriert und nervös, fragte mich, ob es wirklich keine Gespenster gibt. Ob vielleicht ein Bär oder ein Wolf mir beim Toilettengang auflauern würden. Aber ein Blick nach draussen zeigte nur die Silhouette der Berge. An einem leuchtete ein heller Flecken Schnee. Über der Stille lag leises Kuhglockengeläute wie ein Hintergrundorchester. Ich schimpfte mich Angsthäsin, nahm Melissentropfen, legte das Buch weg und schlief ein.

Nach ein paar Stunden wachte ich auf, fühlte mich wie damals als Kind, als ich die Türfalle nicht fand und niemand mein Rufen hörte. Ich öffnete das Fenster, atmete tief, sah, wie unglaublich hell die Sterne schienen. Bei diesem Anblick ergriff mich Ruhe.

Mir ging durch den Kopf, wie mein Vater früher erzählt hatte, wie Sennen manchmal vom «Toggeli» gequält worden seien. Etwa in Form einer grossen, schwarzen Katze, die sich dem Älpler auf die Brust legte und immer schwerer wurde. Und manchmal sei ein Brausen durch die Tannen gegangen: die Wilde Jagd, eine Schar armer Seelen, die keine Ruhe gefunden hätten.

Nichts von alldem existiert auf der Alp und in dem Haus, in dem ich schlafe. Müdigkeit ergriff mich, und ich wachte erst auf, als am frühen Morgen Glocken unmittelbar neben meiner Hütte schellten.

Bernerzeitung.ch/Newsnetz

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