Wo die Hoffnung zur Ohnmacht wird

Redaktor Stephan Künzi über das deutliche Wileroltiger Nein zum Transitplatz für ausländische Fahrende.

Das klare Nein der Stimmberechtigten hat weniger mit einer blinden Ablehnung der Fahrenden und ihrer Lebensweise zu tun als vielmehr damit, dass Wileroltigen dem Kanton nicht über den Weg traut.

Das klare Nein der Stimmberechtigten hat weniger mit einer blinden Ablehnung der Fahrenden und ihrer Lebensweise zu tun als vielmehr damit, dass Wileroltigen dem Kanton nicht über den Weg traut.

(Bild: Nicole Philipp)

Stephan Künzi

Hoffnung. Das Wort zog sich wie ein roter Faden durch die Gemeindeversammlung von Wileroltigen. Man könne nur hoffen, dass sich im Rahmen der Projektierungsarbeiten etwas finde, das den geplanten Transitplatz für die ausländischen Fahrenden doch noch verhindere, hiess es. Wenn nicht, könne man nur hoffen, dass der Kanton vielleicht doch noch mit sich reden lasse, den Platz nur für eine befristete Zeit einzurichten. Und dann die Fahrenden für die nächsten Jahre in eine andere Gemeinde zu weisen – aber eben: «Wir haben nichts zu sagen.»

Ohnmacht. Das Wort, das so in der Debatte über das ungeliebte Stück Land direkt an der Autobahn nie fiel, hätte die Stimmung im Gemeindesäli viel besser getroffen. Hier die kleine Gemeinde Wileroltigen mit ihren knapp 400 Einwohnern, da der mächtige Kanton, der dringend einen Transitplatz finden muss, der genauso mächtige Bund, dem die Wiese gehört. Bei diesem Ungleichgewicht schien den Anwesenden der politische Kampf gegen das Vorhaben von vornherein aussichtslos, allein des Geldes wegen: «Ein kantonales Referendum kostet 50 000 Franken, und das können wir uns nicht leisten.»

Frust.Das klare Nein, mit dem die Gemeindeversammlung in der Folge den Transitplatz konsultativ bachab geschickt hat, darf vor diesem Hintergrund nicht missverstanden werden. Es hat weniger mit einer blinden Ablehnung der Fahrenden und ihrer Lebensweise zu tun als vielmehr damit, dass Wileroltigen dem Kanton nicht über den Weg traut.

Einverstanden – ­Roma sind in der Art, wie sie im letzten Jahr auf der ominösen Wiese haltgemacht haben, im Dorf nach wie vor nicht willkommen. Die Stimmung unter den Anwesenden war aber längst nicht mehr annähernd so aufgeladen wie damals, als Abfälle und Fäkalien so viel Unmut erregten.

Von den emotionalen, ja zum Teil rassistischen Anflügen des letzten Sommers war in den Voten jedenfalls nichts mehr zu spüren. Wer redete, tat dies mit einer gewissen Zurückhaltung, liess zuweilen auch durchblicken, dass er den direkten Kontakt mit den Fahrenden und deren Vertretern nicht gescheut hat.

Sogar das zur Abwehr der kantonalen Pläne gegründete Bürgerkomitee zeigte sich beweglicher als auch schon. Es wäre mittlerweile, wie es mit einem Antrag deutlich machte, für ein auf zwei Jahre begrenztes Provisorium zu haben gewesen – aber eben, davon wollte die Versammlung am Ende nichts wissen. Weil sie fürchtete, dass das Provisorium irgendwann zum Providurium würde, dass also «die Gemeinde den Finger ausstreckt und der Kanton die ganze Hand nimmt».

Trotzdem. Bei Lichte betrachtet ist fraglich, ob wirklich etwas gegen den fixen Transitplatz in Wileroltigen spricht. Ich sage Nein. Voraussetzung ist allerdings, dass sich der Kanton die Freiburger Nachbarn zum Vorbild nimmt. Diese haben bei Bulle einen Transitplatz gebaut, der nur von der Autobahn her erreichbar und zudem von einem hohen Zaun umgeben ist. Er trennt die Fahrenden von den Ansässigen, verhindert so Reibereien, die nur zu rasch in einer Eskalation wie letztes Jahr in Wileroltigen enden.

Davon profitieren auch die Fahrenden, die ihrerseits ja kaum Freude daran haben werden, sich quasi einsperren zu lassen. Doch anders scheint ein friedliches Nebeneinander nicht möglich zu sein, und Wileroltigen könnte erst noch mit einem gewissen Stolz für sich in Anspruch nehmen, was an der Versammlung noch ungehört verhallte: «Wir wollen das Problem nicht auf andere Gemeinden abwälzen.»

Berner Zeitung

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