Wo die Aare zurückjodelt

Ein Stimmenkünstler und eine Jodlerin zeigen im Rahmen einer aktuellen Ausstellung, wie man der Stimme volle Fülle verleiht und damit kräftigen Widerhall erzeugt. Das beeindruckt und überrascht.

Echojäger Christian Zehnder jodelt mit voller Stimmkraft über die Dächer hinweg.

Echojäger Christian Zehnder jodelt mit voller Stimmkraft über die Dächer hinweg.

(Bild: Franziska Rothenbühler)

Sabine Gfeller

Das mehrfache Echo ist allen Aareschwimmern bekannt, die schon mal unter der Lorrainebrücke durchschwammen.

Die Brückenwände rufen das Gesagte zurück. Dann tragen sie den Ruf immer weiter weg, bis ihn der hohle Bogen nach vier, fünf, sechs Wiederholungen schluckt. Doch wie bildet sich ein Echo?

Das Alpine Museum widmet dem Echo eine Ausstellung. In diesem Rahmen zeigen die Jodlerin Annelies Huser-Ammann und der Stimmakrobat Christian Zehnder auf einem Rundgang durch die Stadt Bern, wie man mit dem Echo spielen kann.

Die Reise beginnt im Alpinen Museum. Direktor Beat Hächler erklärt, weshalb das Echo existenziell sei: «Ein schalltoter Raum ist sehr unangenehm und kann bei manchen Menschen sogar Übelkeit und Schwindel hervorrufen.» Widerhall tritt auch subtiler auf als in den Bergen.

Bei dieser Ausstellung steht das Akustische im Vordergrund. Ein visuelles Echo kommt aber durch zwei Spiegelwände im Ausstellungsraum trotzdem zum Zug. Sie spiegeln einander an und erzeugen ein Echo von Bildern, wie man es aus Mani Matters «Bim Coiffeur» kennt.

Narziss und die Bergnymphe

Bei einer Hörstation gibt es verschiedene Mythen um das Phänomen Echo zu hören. Einer davon erzählt die tragische Liebesgeschichte zwischen Narziss und der Bergnymphe. Die Bergnymphe verliebt sich in Narziss.

Dieser jedoch verliebt sich in sein Selbstbild und ertrinkt, als er sich in einem Teich betrachtet. Die Nymphe verkümmert, sie verliert ihre Selbstbestimmung über die Sprache. In die hinterste Ecke der Bergtäler zurückgezogen kann sie nur noch das Gesagte ihrer Gesprächspartner wiederholen.

Die Literaturwissenschaftlerin Anita Traninger interpretiert die Mythen um das Echo in der Ausstellung aus feministischer Perspektive und verweist auf den gesellschaftlichen Sprachraub an der Frau. Fakt ist dagegen:

Das Echo diente vor einigen Jahrhunderten als Kommunikationsmittel über weite Distanzen hinweg: beim Eintreiben von Viehherden und bei Betrufen. Die Topografie sei für das weite Tragen und den Widerhall der Klänge sehr wichtig, erklärt Christian Zehnder: «In eine Wüste ruft man nicht. Dort liegt es auf der Hand, dass kein Echo antwortet.»

Als Nächstes steht Einsingen auf dem Programm. Wichtig für die Stimmkraft sei, tief aus dem Körper heraus Schwung zu holen und den Kiefer loszulassen. Beim Kanon kann Stimmenkünstler Zehnder das Dirigieren abgeben: «Das Echo ist selbstständig.»

Die nächste Station ist das Berner Münster. Auf der Galerie angekommen, ist Zehnder felsenfest überzeugt: Die 222 Treppentritte reichten nicht aus, damit dem Körper ein tiefer Juutz entfährt. Dafür müsse man schon auf einen Berg steigen. Erst nach solch einer Anstrengung sei der Körper imstande dazu.

Als geübter Stimmakrobat bringt er trotzdem einen kräftigen Jauchzer hin. Die schwül-wolkige Wetterlage macht dem Echo allerdings einen Strich durch die Rechnung. «Das Echo wird müde», um es mit Zehnders Worten zu sagen.

Das hält die Teilnehmenden nicht davon ab, ins Juutzen des Echojägers einzustimmen. Vor dem Abstieg legt Huser-Ammann eine berührende Jodeleinlage hin. Durch den reinen Klang, den bewölkten Himmel und den Blick auf die bläulich grüne Aare kommt eine mystische Atmosphäre auf.

Innerrhoden – Zimbabwe

Weiter gehts ins Rathaus. Vor dem Bergbild im grossen Saal klärt die Naturjodlerin über den Charakter verschiedener Jodelgesänge auf: «Sie sind wie Regionen. Die Gesänge aus Appenzell Innerrhoden sind hohe, bewegte Jodel.»

Und repräsentierten demnach das Hochland und das Gebirge. «Die aus Ausserrhoden sind viel tiefer und ruhiger.» Im Anschluss trägt Zehnder die Gäste über den Globus hinweg auf einen anderen Kontinent und singt eine afrikanische Melodie mit Jodelcharakter.

Dieses Beispiel aus Zimbabwe zeigt auf, wie nahe sich Rhythmen aus ganz verschiedenen Ecken der Welt stehen. Er fordert die Gesangsbegeisterten auf, hemmungslos in die Welt zu jauchzen und insbesondere in die Berge hinaus zu singen.

In der Regel rege das andere Wandernde an – «und das Echo hört nie mehr auf». Auf das Jodeln spreche das Echo besonders an. Ein hoher Ton werde viel weiter getragen als ein tiefer und daher auch stärker reflektiert.

«In eine Wüste ruft man nicht. Dort liegt es auf der Hand, dass kein Echo antwortet.»Christian ZehnderStimmakrobat und Obertonsänger

Zum Schluss verrät der Stimmenkünstler den Aareschwimmern, wie sie unter der Lorrainebrücke ein starkes Echo erzeugen. Sein starkes Stimm- volumen reicht für ein siebenfaches Echo. Generell hallen Einzelstimmen am schönsten wider, so Zehnder.

Je tiefer der Wasserstand der Aare, desto vorteilhafter fürs Echo. Idealerweise stösst man den Juutz in der Mitte des Brückendurchgangs aus. Dort sei der Widerhall am stärksten. Und dann klingt das Echo unter der Lorrainebrücke vielleicht fast so kräftig wie in den Bergen.

Ausstellung: «Echo. Der Berg ruft zurück», Alpines Museum, Bern, bis 27.10.2019.

Berner Zeitung

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