Wo bleibt der Hansdampf?

Die Dampfzentrale feiert am Wochenende «30 Jahre Zuversicht» und sich selbst – und ist doch auf der Suche nach dem Schwung von einst.

In den Hallen mit dem Industrie-Chic: Choreograf Chris Leuenberger und Musiker Simon Ho produzieren die Produktion «Das Ritual».

In den Hallen mit dem Industrie-Chic: Choreograf Chris Leuenberger und Musiker Simon Ho produzieren die Produktion «Das Ritual». Bild: zvg / Annette Boutellier

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Chris Leuenbergers Stimme hallt durch das Kesselhaus. «Und Walzer und Walzer und Chassé und drehen und Stopp.» Zwölf Tän­zerinnen proben ein Kreistanzelement von «Das Ritual», das am Freitag uraufgeführt wird. Ins­gesamt vierzig Laien, die sich auf die Ausschreibung der Dampfzentrale gemeldet haben, sind am Musik- und Tanzprojekt beteiligt. Sie proben seit Monaten für den Auftritt. Das Dampfzen­trale-Publikum erobert quasi die Bühne. Von nebenan, aus dem Turbinensaal, dröhnt der Soundcheck von Tastenmann Simon Ho und Schlagzeuger Rico Baumann. Sie machen sich bereit für die gemeinsame Probe.

«Das Ritual» ist eine Premiere. Die erste eigene Tanzproduktion der Dampfzentrale wird hier geprobt, in den dreissig Jahren ih­res Bestehens hat es das noch nie gegeben. Die Dampfzentrale ist ein Gastspielhaus für Tanz-, Musik- und Clubkultur. Doch jetzt, zum Jubiläum, schlüpft das Haus in die Rolle des Produzenten, die sonst dem Stadttheater vorbe­halten ist.

Eine Ansage? «Nein, das ist eine Ausnahme», sagt Anneli ­Binder, die seit einem Jahr im Dreierteam mit Musikchef Roger Ziegler und dem Clubverantwortlichen Till Hillbrecht die Dampfzentrale künstlerisch führt. «30 Jahre Zuversicht» lautet das Motto des Jubiläums­wochenendes zum Saisonstart.

Suche nach der Ausrichtung

Die Zuversicht reicht im Marzili bis in die Achtzigerjahre zurück. Damals erstritten sich die Berner Bewegten den Ausweg aus der kulturellen Ödnis, und dabei spielte die Dampfzentrale eine Schlüsselrolle. Der Kampf um die Reitschule blieb zunächst erfolglos, und so wurde auch das 1973 stillgelegte ehemalige Gaskraftwerk besetzt: im Mai 1987, in einer legendären Nacht, die im Lied «Hansdampf» von Züri West verewigt ist. Seither bereichert die Dampfzentrale das Berner Kulturleben mit wechselhaftem Schwung. Mit der Renovierung 1999 wurde der Betrieb professionalisiert – und sucht dennoch immer wieder nach der passenden Ausrichtung. Seit der Ära mit dem Leitungsteam Roger Mer­guin / Christian Pauli (2005 bis 2011) haftet an der Dampfzen­trale ein leicht elitäres Image, das die Nachfolger kaum mehr wegbringen. Glücklos endete Georg Weinands Intendanz, der sich mit seinem Team zerstritt und 2016 gehen musste.

Worauf zielt die Zuversicht heute? Darauf, dass das Haus ­wieder zu jenem pulsierenden Ort wird, der es einmal war? Als die Berner Tanztage zum Sommerabend gehörten wie der ­Aareschwumm und Partynächte die Dampfzentrale regelmässig füllten?

«Wir wollen viele Leute ansprechen, und das gelingt uns nicht schlecht.»Anneli Binder, Co-Leiterin der Dampfzentrale

«Das ist die Frage, die uns umtreibt», sagt Anneli Binder. Die Realität der Dampfzentrale liegt heute zwischen der etwas verklärten Vergangenheit, der vertraglich definierten Gegenwart und finanziellen Zukunftsängsten. Früher oder später dürfte der Anteil aus der «Bundesmillion» wegfallen, den der Bund an Berner Institutionen bezahlt. Und Partys für die Massen wird es wohl nicht mehr geben. Der städtische Leistungsvertrag, mit dem die rund zwei Millionen Franken Subvention verknüpft sind, fordert Kultur mit Tiefe – es gilt zu verhindern, dass die nicht subventionierten Clubs konkurrenziert werden.

Wieder in Schwung?

Dazu kommt, dass die Dichte an Kultur heute so gross ist wie noch nie. «Pulsieren war auch schon leichter», sagt Binder – betont aber, dass das Haus durchaus gut in Schwung sei, viele Veranstaltungen ausverkauft und dank ­vieler öffentlicher Proben von Berner Künstlern im Haus immer etwas los sei. «Wir wollen viele Leute ansprechen, und das gelingt uns nicht schlecht. Uns macht es keinen Spass, für zehn Leute zu produzieren.»

«Chassé und Chassé und Stopp.» Die Tanzschritte sitzen. Gut möglich,dass die Dampfzen­trale wieder richtig in Schwung gerät. Es wäre an der Zeit.

«30 Jahre Zuversicht». Chris Leuenberger und Simon Ho: «Das Ritual», Freitag, 15. 9., und Sonntag, 17. 9., 20 Uhr. Konzert The Young Gods, Samstag, 16. 9., 21 Uhr (ausverkauft).
www.dampfzentrale.ch (Berner Zeitung)

Erstellt: 13.09.2017, 17:45 Uhr

Schlachthaus-Theater

Auch das Schlachthaus-Theater Bern startet in die neue Spielzeit – mit der Actionkomödie «Fünf Gründe, warum Delfine böse Tiere sind», dem aktuellen Stück der Gruppe KNPV der Schau­spieler Dirk Vittinghoff, Philippe Nauer und Priska Praxmarer. (Freitag, 15. 9., 20.30 Uhr)

Am Samstag folgt die Pre­miere des ersten Kinderstücks: «Knapp e Familie» vom Schaffhauser Theater Sgaramusch, ab 7 Jahren. (Samstag, 16. 9., 16 Uhr). mfe

www.schlachthaus.ch

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