Bern

«Wir wollen einen Strich darunter ziehen»

BernIm Juni 2017 löste sich der Kirchgemeinderat Johannes im Streit auf. Seither wurde die Gemeinde zwangsverwaltet. Am 1. März tritt nun ein neuer Rat sein Amt an. Präsident Marco Ryter will die Kirche mit neuem Leben füllen.

Der neue Präsident des Kirchgemeinderats Johannes, Marco Ryter, will neues Leben in die Kirche bringen –  als gutes Beispiel dafür steht die wöchentlich stattfindende Spielgruppe.

Der neue Präsident des Kirchgemeinderats Johannes, Marco Ryter, will neues Leben in die Kirche bringen – als gutes Beispiel dafür steht die wöchentlich stattfindende Spielgruppe. Bild: Nicole Philipp

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Herr Ryter, ab dem 1. März sind Sie neuer Präsident der Kirch­gemeinderats Johannes. Was verbindet Sie mit der Kirche?
Marco Ryter: Heute mehr als noch vor drei Monaten. Ich ­glaube zwar, aber auf meine ganz eigene Weise. In der Kirche ­Johannes war ich vorher, um ­ehrlich zu sein, noch nie. Auch künftig werde ich wohl nicht ­regelmässiger zur Predigt ­gehen.

Wie kamen Sie als Neuling zum Amt des Präsidenten?
Eines Tages erhielt ich einen Brief von Anton Genna, der die Kirchgemeinde verwaltete. Er lud zu einem Informationsanlass ein, um potenzielle Ratsmit­glieder anzuwerben. Zuerst habe ich das Schreiben beiseitegelegt, ein paar Tage später nahm ich es wieder hervor und meldete mich. Wir redeten zusammen, die Idee wuchs in mir heran, und irgendwann willigte ich ein, mitzu­machen – aber nur, wenn meine Konditionen berücksichtigt ­werden.

«Ich war schon immer ein kreativer Spinner.»

Wie sahen diese aus?
Zuerst wollte ich mir treu ­bleiben; ich war schon immer ein kreativer Spinner, der gerne ­Leute zusammenbringt, Projekte anreist und das Unmögliche ­möglich macht. Weiter wollte ich unbedingt ein Team aus sieben Leuten – so viele, wie gemäss ­Reglement maximal möglich sind. Es sollte eine bunte ­Mischung sein, aus Jung und Alt, aus Mann und Frau. Ich half auch aktiv bei der Suche und sprach etwa Bekannte im Tram an. So viel Kaffee wie in den letzten zwei Monaten habe ich in meinem Leben wohl selten getrunken. Und besonders wichtig war mir: Kein Ratsmitglied darf eine Vorgeschichte mit der Kirch­ge­meinde haben, damit wir ­kom­plett neu anfangen können.

Einen Neuanfang kann die Kirchgemeinde Johannes wohl gut gebrauchen, nachdem sie ein halbes Jahr lang zwangs­verwaltet worden ist.
Die Johanneskirche ist leider in den letzten Jahren sehr in die Kritik geraten. Umso dankbarer bin ich Anton Genna für seine tolle Arbeit: Er hat die Kirche wieder auf ein stabiles Fundament ­gestellt, auf dem wir jetzt auf­bauen können. Und die Bausteine dafür sind vorhanden, die Kirchgemeinde hat viele tolle Projekte und engagierte Personen, die alle gewillt sind, neu zu beginnen.

Zum Personal gehört auchPfarrer Jürg Liechti, der letztes Jahr in die Kritik geriet. Gewisse Parteien meinten, er habe ­andere Mitarbeiter und den Rat unter Druck gesetzt.
Solche Aussagen kann ich in keinster Weise bestätigen. Im Gegenteil: Ich habe Liechti als engagierten, offenen ­Menschen kennen gelernt, der viele Ideen mit einbringt. Er hat halt eine klare Meinung, die er deutlich äussert. Wir haben vier Pfarrpersonen, die alle einen ­anderen Charakter und einen ­anderen Schwer­punkt mit sich bringen. Das alles in Einklang zu bringen, wird sicher eine der ­Heraus­forderungen sein, die wir als Kirchgemeinderat zu bewältigen haben. Ändern wollen wir die Leute aber nicht. In einem Punkt sind wir uns einig: Wir wollen alle einen dicken Strich unter die Vergangenheit ziehen und uns auf die Zukunft konzentrieren.

Wie stellen Sie sich dieseZukunft konkret vor?
Kurz: Ich möchte mehr Leben in die Kirche bringen. Ein gutes Beispiel dafür sind die Schulkinder, die während der Sanierung der Spitalacker-Schule im Kirch­ge­meindehaus untergebracht werden. Auch sonst haben wir ­bereits eine Menge Ideen gesammelt. Das Kirchgemeindehaus hat viele Räume, die kaum ­genutzt werden. Diese möchten wir fürs Quartier öffnen. Ein Beispiel: Eine junge Familie möchte ein Fest veranstalten, hat dafür aber eine zu kleine Wohnung. ­Ihr könnte man etwa einen Raum im Kirchgemeindehaus vermieten. Gross Kapital wollen wir daraus sicher nicht schlagen, aber ich finde, die tolle Infrastruktur sollte genutzt werden.

Kann man denn aus einer Kirche eine Eventhalle machen?
(lacht) Tatsächlich ist einer der neuen Kirchgemeinderäte beruflicher Eventmanager. Wir wollen sicher kein Rambazamba – die Würde der Kirche muss gewahrt bleiben. Aber wieso kein Fest im Kirchgemeindehaus oder ein Theater in der Kirche? Für mich muss in den Häusern auch Freude herrschen – eine rein seriöse, traurige Kirchgemeinde finde ich schwierig.

Kommen solche wilden Ideen bei den älteren, traditionelleren Gemeindemitgliedern an?
Ich bin voll überzeugt, dass man auch sie mitnehmen kann. Jeder träumt doch von einem vollen Haus, egal, ob am Sonntag oder unter der Woche. Wir müssen den Traditionalisten zeigen, dass unser Konzept auch funktioniert.

Nicht alles ist eitel Sonnenschein: Heutzutage wird eine Kirchgemeinde mit vielen ­Problemen konfrontiert – etwa mit der Überalterung der ­Mitglieder.
Ich verstehe es, wenn junge ­Menschen sagen: Ich will keine Kirchensteuern mehr zahlen, weil ich die Kirche nicht brauche. Die Erfahrung zeigt aber, dass viele später wieder zurückkehren – etwa für die Hochzeit oder die Taufe der Kinder. Ich persönlich fände es schön, wenn die Leute plötzlich sagen würden: «Das ist unser Haus.» Wenn sie die Kirche nicht nur als Institution sehen, sondern sie sich selbst aneignen. Dafür muss man natürlich auch etwas bieten. Eine Idee ist es zum Beispiel, rund um die Kirche Obstbäume zu pflanzen, an denen sich das ganze Quartier ­bedienen kann. Oder – wenn es noch konkreter für die Jugendlichen sein soll – ein Programmierkurs im Kirchgemeindehaus.

Liegen solche Projekte überhaupt im Budget? Schliesslich müssen Kirchen sparen.
Ich glaube nicht, dass Geld ein Problem ist. Ich habe immer ­gesagt: Die Qualität kommt nicht über das Geld, sondern von ganz anderen Orten. Gute Projekte ­etwa müssen nicht viel kosten. Ein Beispiel dafür ist die alte Feuerwehrkaserne Viktoria – ein tolles Projekt, das nur wenig Geld benötigte. Sparen kann manchmal auch eine Chance sein, um Dinge infrage zu stellen, neu zu gewichten und sich auf seine eigentlichen Aufgaben zu ­konzentrieren. Es ist nie gut, nur das zu verteidigen, was man hat. In dieser Zeit könnte man viel weiter kommen.

Kann man dieser Einstellung entnehmen, dass Sie auch für die Fusion der städtischen Kirchgemeinden sind, die zurzeitdiskutiert wird?
Viele Leute aus dem Umkreis der Kirche halten die Fusion für schwierig. Ich persönlich sehe darin eine Möglichkeit, eine neue Baustelle aufzutun und neue Schwerpunkte zu setzen. ­Sicher muss man das Ganze positiv ­angehen und darf keine Angst ­haben. Mit dem Projekt Ökumene Bern-Nord haben wir im Breitenrain ein Vorbild ge­schaffen: Die beiden reformierten Kirchgemeinden Johannes und Markus haben ihre Angebote mit der katholischen Pfarrei St. Marien zusammengeführt. Es geht dabei um die soziale Leistung der Kirchen und weniger um die strengen Glaubensgrenzen. Das gefällt mir. (Berner Zeitung)

Erstellt: 27.02.2018, 23:02 Uhr

Zur Person

Marco Ryter ist 63 Jahre alt, verheiratet und Vater von zwei Töchtern. Er wohnt seit mehreren Jahren im Breitenrain in der Stadt Bern. Zusammen mit sechs Partnern gründete er das Architekten­büro Bauart, wo er mehrere Jahre tätig war.

«Ich hätte aber genauso gut Hotelier oder Restaurator werden können», sinniert Ryter, «ich nehme einfach gerne eine vermittelnde Rolle ein.» Viele Projekte in der Stadt Bern wurden so durch Marco Ryter geprägt – etwa das Haus der Religionen, wo er immer noch im Stiftungsrat sitzt. Und auch an der Idee der Waldstadt Bremer hat Ryter mitgewirkt. sm

Vergangenheit

Die Kirchgemeinde Johannes sorgte letztes Jahr für Schlag­zeilen: Ende Mai traten die vier verbleibenden Räte fast zeitgleich zurück, ab Juni wurde die Gemeinde durch den ehema­ligen Thuner Regierungsstatthalter Anton Genna zwangsverwaltet.

Gemäss damaliger Medienmitteilung sind «interne Spannungen» für den Abtritt der Ratsmitglieder verantwortlich gewesen. Dass es in der Kirch­gemeinde auf zwischenmenschlicher Ebene nicht immer reibungslos verlief, war ein offenes Geheimnis. Besonders die Streitigkeiten zwischen Pfarrer Jürg Liechti und Kirchgemeinde­präsidentin Beatrice Stäuber sind ausschlaggebend gewesen, wie der «Bund» recherchierte.

Stäuber warf man Führungsschwäche und fehlende Struktur vor. Liechti, dass er Mitarbeiter in­strumentalisiere und unter Druck setze. Nun haben sich die Wogen in der Kirchgemeinde wieder geglättet. ­Anton Genna wurde auf der ­Suche nach einem neuen Rat ­erfolgreich. Die sieben neuen Mitglieder wurden am 28. Januar durch die Kirchge­meinde­versammlung ­gewählt und treten am Donnerstag offiziell ihr Amt an. sm

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