«Wir werden es mal reiten und schauen dann weiter»

Heute wird über das Schicksal der gequälten Thurgauer Pferde entschieden. Hunderte sind zur öffentlichen Versteigerung erschienen. Unter ihnen sind Private, Tierschützer und viele Schaulustige.

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Quentin Schlapbach@qscBZ

Wer bis Mittag eines der Thurgauer Pferde kaufen wollte, brauchte bisher ganz viel Glück. Bei allen bisherigen Versteigerungen schossen gleich mehrere Hände in die Höhe. Es durfte nur 500 Franken über den Schätzpreis geboten werden, damit die Preise nicht ins Unermessliche stiegen und «normale Käufer» auch eine Chance hatten. Aus diesem Grund musste jedes Mal das Los entscheiden. Sprich, das Pferd ging jeweils zum Maximalpreis an den neuen Besitzer.

Dabei machten nicht nur Private mit. Auch Tierschützer boten für die Pferde. Eine Gruppe hatte heute ein Budget von 50'000 Franken zur Verfügung, mit dem sie die Tiere retten wollen. Sie alle sind mit einem Bändel gekennzeichnet, damit sie sich gegenseitig nicht in die Höhe steigern.

Claudia Steiger über das Vorgehen der Tierschützer. (Videodauer: 1 Minute und 9 Sekunden)

Andere Tierschützer gehen spezifischer vor, etwa die Stiftung Tiere in Not. «Wir haben uns Tiere mit gesundheitlichen Problemen ausgesucht, auf die wir bieten wollen», sagt Stiftungsratspräsidentin Claudia Steiger. Laut der Nachrichtenagentur sda haben sich die Tierschützer im Laufe des Morgens abgesprochen. Sehr zum Ärger der privaten Bieter.

Keine nachträglichen Preisnachlasse

Die Versteigerung wird noch den ganzen Tag andauern. Für 80 Pferde kann geboten werden. Pro Stunde wechseln 10 Pferde den Besitzer. Gezahlt wird gleich in bar. Die gezahlten Preise bewegen sich bisher zwischen 1000 und 2500 Franken. «Die Preise sind sehr moderat, fast schon verschenkt», sagt Fritz Krähenbühl von der Horse World AG aus Wiedlisbach.

Fritz Krähenbühl über seinen heutigen Pferdekauf. (Videodauer: 1 Minute und 19 Sekunden)

Er war einer der Glücklichen, die ein Pferd ersteigern konnten. 25 Leute boten mit. Krähenbühl gewann die Auslosung und kann das Pferd für 2400 Franken mit nach Hause nehmen. Was das Pferde jetzt genau erwartet sei noch unklar. «Wir werden es mal reiten und schauen dann weiter», so Krähenbühl.

Geleitet wird die Versteigerung vom Kanton Thurgau. Aber auch die Armee hat wiederum eine wichtige Rolle. Rekruten präsentierten den potentiellen Käufern die Pferde und führten sie dann wieder in die Stallungen. Gleich zu Beginn gab es einen riesigen Applaus für die Leistung der Rekruten, die die Pferde in den letzten zehn Tagen aufgepäppelten.

Kommandant Jürg Liechti über den Umgang mit den Tierschützern. (Videodauer: 1 Minute).

Vor der Versteigerung musste man noch ein Chaos befürchten. Aber die Armee hatte die Situation im Griff.«Wir hatten Informationen aus den Sozialen Medien, dass heute um 8.30 Uhr zu einer Demonstration aufgerufen wurde. Es hatte Leute von Organisationen da, die sich besonders einsetzen für diese Tiere. Die führen sich aber korrekt auf. Bis jetzt bin ich zufrieden», sagt Kommandant Jürg Liechti.

Dank an Armee

Der Thurgauer Amtstierarzt Ulrich Weideli dankte zu Beginn der Verkaufsaktion der Armee für die hervorragende Pflege der Pferde. «Wir sind überzeugt», sagte er, «den Tieren mit dem heutigen Tag einen guten Start in ihr neues, ziviles Leben zu ermöglichen.»

Am Donnerstagmorgen begann die Versteigerung der Pferde in Schönbühl. Video: sda

Der neutrale Pferdeexperte Henri Spychiger, der den Verkauf leitet, sagte, Ziel sei nicht, so viel Geld wie möglich hereinzuholen. Es gehe darum, bis am Abend für alle Tiere Plätze bei kompetenten Haltern zu finden. Mit der Festsetzung eines Maximalzuschlags von 500 Franken zum Einstandspreis wollen die Behörden verhindern, dass spekuliert wird.

Halter in Gewahrsam

Der Halter der Tiere war vergangene Woche von der Thurgauer Polizei in Gewahrsam genommen worden. Dies, nachdem publik geworden war, dass auf seinem Hof in den letzten Monaten mehrere Pferde verendet waren. Weitere Tiere waren abgemagert und in schlechtem Zustand. Der Mann befindet sich nun in einer fürsorgerischen Unterbringung.

Bernerzeitung.ch/Newsnetz

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