Bern

«Eritreer sind gesellig und mobil»

BernDenden Kidane ist interkultureller Übersetzer und sitzt oft mit am Tisch, wenn es bei Eritreern zu Integrationsproblemen kommt. Nun hat sich der 34-Jährige selbstständig gemacht.

Übersetzt zwischen seinen Landsleuten und den Schweizer Behörden: Denden Kidane (34).

Übersetzt zwischen seinen Landsleuten und den Schweizer Behörden: Denden Kidane (34). Bild: Raphael Moser

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Seine Kunden sind die Jugendanwaltschaft, die Kesb oder die Stiftung Passaggio. «Ich werde gerufen, wenn sich Schweizer und Eritreer nicht verstehen», sagt Denden Kidane. Er selber kam als Zweijähriger mit der Familie in Deutschland an, das war 1986.

Weil er so jung war, ist er heute dreisprachig – nebst Deutsch spricht er auch Englisch und Tigrinya, eine in Eritrea gesprochenen Sprache. «Ich lernte Deutsch wie jedes andere Kind. Und mein Vater lernte wegen der Trickfilme gleich mit mir», erinnert sich der heute 34-Jährige. Im Gespräch betont er, dass Sprache der Schlüssel zur Integration sei.

Er und seine Familie flüchteten vor dem eritreischen Unabhängikeitskrieg. Eine grosse Flüchtlingswelle gibt es seit den 2000ern. Laut Bundesamt für Statistik ist Eritrea das wichtigste Herkunftsland der Asylsuchenden.

3375 Asylgesuche wurden 2017 in der Schweiz gestellt, 2016 waren es gar 5178. Als Fluchtgrund nennen viele den unbegrenzten Militärdienst. Männer und Frauen werden eingezogen und dienen jahrzehntelang dem Land.

Mehr als Worte übersetzen

Denden Kidane studierte zuerst Theologie und Geschichte, nun Politikwissenschaften. Für Caritas leistete er fünf Jahre Übersetzungsarbeit. «Dabei geht es nicht nur um wörtliche Übersetzung, man muss auch die jeweiligen Kulturen verstehen. Deshalb auch die Bezeichnung interkultureller Übersetzer», sagt er.

Als Kidane merkte, dass seine Dienstleistung ein Bedürfnis für Behörden und Eritreer ist, dachte er darüber nach, selbstständig zu werden. «Und ich wollte freier sein und mich mehr einbringen», ergänzt Kidane. Anfang Februar war es so weit: Die GmbH Team Kidane wurde gegründet, mit Bürotisch im Co-Working-Space im Mattequartier und zwei Teilzeitangestellten. Einer von beiden war laut Kidane ein Sans-Papier, kennt die Flucht und versteht die Probleme der Eritreer.

Autoritäre Beziehungen

Ein Hauptproblem dafür, dass Eritreer manchmal Mühe bei der Integration haben, sieht er darin, dass im Heimatland die ganze Gesellschaft eine Erziehungsfunktion hat. «Vor allem auch der Lehrer. In der Schweiz machen die Lehrer die Eltern auf eine Schwierigkeit aufmerksam, mit dem Kind reden müssen dann die Eltern. Deshalb fühlen sich eritreische Eltern hier überfordert», schildert er eine der Situationen, in die er als Übersetzer ­gerufen wird.

Ein Unterschied zwischen den Ländern sei, dass die eritreischen Beziehungen auf Autorität aufbauen, diejenigen zwischen Mann und Frau, zwischen Eltern und Kindern, zwischen Priester und Gemeinde.

«Man wird nicht aufgezogen, um selbstständige Entscheidungen zu treffen, sondern als Teil eines Clans. Die Eigenständigkeit ist in der Schweiz wichtig», sagt Kidane. Als weiteres Beispiel nennt er traditionelle Rollenzuschreibungen innerhalb von Familien. Männer haben erfahrungsgemäss grös­sere Anpassungsschwierigkeiten. Zum Beispiel der älteste Sohn, wenn der Vater nicht mehr in der Familie ist.

Gut funktioniere der Übertritt von der Schule in die Lehre, findet Kidane. Dies, obwohl die meisten Berufe in Eritrea studiert werden und es die Berufslehre nicht gibt. «Aber manche Berufe sind unbeliebt, zum Beispiel Koch. Das fällt für viele Eritreer in den Aufgabenbereich der Frau», sagt Kidane. Man kenne die gesellschaftliche Stellung eines Kochs nicht.

Nicht nur in der Schule oder beim Lehrbetrieb übersetzt er, oft auch bei Familien daheim. Denn weitere Probleme entstehen in der Jugend. «Jugendliche lehnen sich gegen die Eltern auf, dabei erwarten die Eltern, dass sie unterwürfig sind. Oft haben die Eltern selber einen Korb voller Probleme», sagt er. Nicht gerade zuträglich sei, dass in Eritrea kaum jemand als Psychologe arbeite. So sei es schwierig, jemanden auf Traumata hinzuweisen und Therapien nahezulegen.

Mehrere Jahre auf der Flucht

Kidanes Zielgruppe sind Menschen zwischen 16 und 25 Jahren. Man treffe sich wöchentlich, bis zu drei Monate lang. «Wenn ich erkenne, dass Normen und Werte der Schweiz verstanden und sogar verinnerlicht sind, freut mich das sehr», sagt er. Nebst Familien, die gemeinsam in Bern angekommen seien, hat Kidane auch mit unbegleiteten Jugendlichen zu tun.

«Diese Menschen waren mehrere Jahre auf der Flucht und auf sich gestellt. Deshalb haben sie feste Meinungen und Erwartungen. Es ist schwieriger, sie zu beraten», sagt Kidane. Er betont, dass sie Sprachkurse machen sollen, dass die Sprache der Zugang für alles sei. «Der Wille ist oft da, aber es braucht Disziplin», sagt er.

Wenn jemand sage, dass es ihm hier nicht passt, sei das nicht so gemeint: «Ich habe die Erfahrung gemacht, dass die Perspektivlosigkeit sie das sagen lässt.» Manche Schweizer hegten Vorurteile, Eritreer seien oft in Gruppen am Bahnhof anzutreffen. Darauf entgegnet Kidane: «Eritreer sind gesellig, daher oft in Gruppen. Und sie sind mobil, reisen durch die Schweiz, um andere zu besuchen. Deshalb sieht man sie an Bahnhöfen.» Er wagt aber zu bezweifeln, dass man Eritreer als Nationalität einfach so erkennen könne.

Den Erfolg seiner Beratungen erklärt er damit, dass er neutral sei. «Mich interessieren Menschen, egal welcher Religion sie angehören oder woher sie kommen. Ich höre zu, werte aber nicht.»

Er lebt seit 2007 in Bern, wohnt im Wankdorf und ist als Selbstständiger im Co-Working-Space gut integriert. «Hier sind junge, ambitionierte Menschen, die mir mit ihren Netzwerken helfen», sagt er. Noch hat sein Unter­nehmen Team Kidane Kapazitäten, aber: «Wir stehen ganz am Anfang.» (Berner Zeitung)

Erstellt: 14.02.2018, 10:14 Uhr

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