«Wir sind der Testfall»

Bern

Die Truppe des Jugendclubs Tankere erhebt die Stimme. Nach vier Jahren freiwilligen Engagements scheint ihr Projekt weiterhin auf lange Sicht blockiert.

Geschlossen: Danilo Oesch, Katja Balmer, Nadia Hamouda, Manuel Iseli, Yathavan Yogananthan, Nick Häfeli und Moritz Stucki (von links) vor dem geplanten Tankere-Eingang an der Schüttestrasse.

Geschlossen: Danilo Oesch, Katja Balmer, Nadia Hamouda, Manuel Iseli, Yathavan Yogananthan, Nick Häfeli und Moritz Stucki (von links) vor dem geplanten Tankere-Eingang an der Schüttestrasse.

(Bild: Raphael Moser)

Christoph Hämmann

Es gibt sie: Jugendliche, die sich engagieren und in der ohnehin intensiven Zeit der Adoleszenz unzählige Stunden in ein Projekt stecken, das weit über die eigenen Bedürfnisse hinausreicht.

Jugendliche, die anbissen, als die Stadt im Herbst 2013 verkündete, in den alten Räumen der Sanitätspolizei an der Nägeli­gasse einen Jugendclub einrichten zu wollen, und Junge dazu aufrief, sich einzubringen.

Es gibt sie, diese Jugendlichen. In der Stadt Bern allerdings haben sie hartes Brot zu essen.

20 Interessierte, 72 Einsprachen

«Wir wollen ein Statement ab­geben»: Mit diesem Satz gelangte der harte Kern von rund 10 Personen des Vereins Tankere an die Redaktion. Begleitet vom städtischen Jugendamt hat der Verein in den letzten vier Jahren Ideen entworfen, Pläne gezeichnet und ein Betriebskonzept erarbeitet, man liess Lärmgutachten erstellen und besserte nach, lud besorgte Anwohnerinnen und Anwohner des Altenbergs auf der gegen­über­liegenden ­Aareseite zum Gespräch ein. Es kamen keine 20 Personen.

Die Anzahl der Einsprachen, die vor einem Monat am Ende der Einsprachefrist gegen das Bauprojekt vorlagen und grösstenteils aus dem Altenberg stammten: 72. Zweiundsiebzig! «Wir können nicht verstehen, wie viele Leute sich dem Dialog verweigern und dann einfach Einsprache machen», sagt die 22-jährige Medizinstudentin Nadia Ha­mouda, die seit Beginn dabei ist.

Schwer zu verstehen sind für das Kollektiv auch die Einsprachen der benachbarten NMS-Schule und der Klinik Beau-Site vis-à-vis. Dabei schien vor genau einem Jahr der Durchbruch so nah, als der Stadtrat mit nur einer Ge­genstimme den Baukredit über 1,95 Millionen Franken für die Tankere verabschiedete.

Wem gehört die Stadt?

Die Botschaft der Tankere-Crew: Es gibt ein ausgewiesenes Bedürfnis nach Räumen für Jugendliche – doch wenn selbst ihr sorgfältig austariertes Projekt an dieser zentralen und doch geschützten Lage nicht möglich sein soll, dann stellt sich die Frage, ob in dieser Stadt überhaupt noch irgendwo ein neuer Ausgeh­ort für Jugendliche realisiert werden kann. «Wir sind quasi der Testfall», sagt der 18-jährige Nick Häfeli. «Wo, wenn nicht hier?»

An diese Grundsatzfrage knüpfen die jungen Tankere-Leute zahlreiche weitere, zu denen sie sich eine öffentliche Debatte wünschen: Wem gehört die Stadt? Welche Möglichkeiten haben Junge, die etwas machen wollen? Ist Bern ein Ort der absoluten Stille oder auch «eine lebendige Kulturstadt», als die sich die Stadt so gern vermarktet?

«Junge wollen in der Stadt chillen», sagt Yathavan Yogananthan. Der 31-Jährige engagiert sich bei Jugend + Sport, in Jugendtreffs, für Flüchtlingskinder, und er führt einen gemeinnützigen Verein für Sportförderung.

Er kennt sie fast alle, die jungen Bernerinnen und Berner, die nach Räumen dürsten, die sie mitgestalten oder in denen sie einfach unter ihresgleichen sein können, ohne viel Geld ausgeben zu müssen.

Auf dem «amtlichen» Weg

Angesichts der Lärmdebatte ging dies in der öffentlichen Wahrnehmung unter: Unter der Woche wären abends ruhige Veranstaltungen geplant, tagsüber Mittagstische und alle möglichen Projekte. Zum Beispiel die Fotografie-Workshops, die Katja Balmer Jugendlichen schon heute günstig anbietet.

«Wo können Junge in Bern noch etwas machen, wenn nicht an diesem perfekten Ort?»Mitglieder des Vereins Tankere

Die 27-jährige Erzieherin sah von Anfang an in der Tankere nicht einen Ausgehort für sich selber. Andere waren jünger und wollten genau dies.

Inzwischen sind sie alle vier Jahre älter, zwei waren schon vor der Vereinsgründung an den ersten Workshops, andere sind weggezogen oder frustriert aus­gestiegen. «Wir wollten einen nachhaltigen Ort schaffen, die Gesetze beachten, Sicherheit und Jugendschutz», sagt Yathavan Yogananthan.

Die Tankere-Truppe will diesen «amtlichen» Weg weiter gehen, den Entscheid des Statthalters ebenso abwarten wie allenfalls später jenen eines Gerichts.

Der Gang an die Öffentlichkeit soll eine neue Phase einläuten und eine Grundsatzdebatte auslösen. Nächste Woche ist ein Treffen mit Jungparteien geplant.

Berner Zeitung

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