«Wir haben dieses Ende nicht gesucht»

Alec von Graffenried bedauert das Ende von RGM. Er versteht nicht, wieso das Bündnis dem Volk nicht die grösstmögliche Wahl für das Stadtpräsidium bieten wollte. Als Stapi will er weiterführen, was in 24 Jahren RGM erreicht worden ist.

Allein und im Angriffsmodus: Alec von Graffenried zielt auf Gemeinderat und Stadtpräsidium.

Allein und im Angriffsmodus: Alec von Graffenried zielt auf Gemeinderat und Stadtpräsidium. Bild: Stefan Anderegg

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Gratuliere, Herr von Graffenried. Sie haben mit dem Beharren auf Ihre Stadtpräsidiumskandidatur eine 24 Jahre dauernde Epoche Berner Stadtgeschichte beendet.
Alec von Graffenried: Das finde ich nicht lustig, und ich muss widersprechen. Wir haben dieses Ende überhaupt nicht gesucht. Im Gegenteil, wir sind sehr viel Risiko eingegangen, setzten auf RGM und haben die Brücken hinter uns abgerissen. Wir haben die RGM-Vereinbarung ohne Wenn und Aber mitgetragen und sind konsterniert darüber, wie es jetzt herausgekommen ist, weil nachträglich neue Bedingungen an das Bündnis geknüpft wurden.

Neue Bedingungen?
RGM ist ein Gemeinderatsbündnis. Weil man merkte, dass sich die Frage des Stadtpräsidiums in der RGM-Vereinbarung nicht regeln lässt, hat man sie ausgespart. Insofern sind die Bedingungen zu den Stapi-Kandidaturen schon nachträglich hinzugekommen.

Wer ist denn Ihrer Ansicht nach schuld am Ende von RGM?
Wir waren alle gemeinsam unfähig, die Aufträge umzusetzen, die uns die jeweilige Basis gegeben hat. Ich bin deshalb sicher, dass die Mitglieder der drei RGM-Parteien mit dem nun vorliegenden Ergebnis nicht zufrieden sind.

Könnte das bedeuten, dass die RGM-Parteien Ende November die Quittung erhalten – oder auch, dass trotz allem das letzte Wort noch nicht gesprochen ist?
Die Quittung sieht man am Wahltag immer. RGM war sehr erfolgreich, und mit dem Ende der 24-jährigen Geschichte steht RGM heute als Verliererin bereits fest.

Und die Frage zum letzten Wort?
Die Hoffnung stirbt zuletzt.

Aber noch einmal: Ein Bündnis, dessen Politik unter anderem für Geschlechtergleichstellung steht, hat zwei bisherige Frauen anzubieten. Da ist doch der neu antretende Mann der «Bündniskiller», wenn er sie angreift?
Das sind zwei Fragen. Erstens: Ist es ein legitimes Argument, dass eine Frau Stadtpräsidentin werden soll? Ja, natürlich ist es das. Aber es ist nicht das einzige. Und zweitens, wer ist der Killer? Das haben wir zu dritt gemacht, und persönlich enttäuscht mich das. Sich nun gegenseitig die Schuld geben zu wollen, ist Kindergarten.

Und was ist mit dem Argument, dass es einem Stadtpräsidenten gut ansteht, zuerst Gemeinderat gewesen zu sein?
Das ist auch eines.

Und was spricht für Sie als Stapi?
Das sollen eben die Wählerinnen und Wähler entscheiden. Das ist ja gerade die grosse Frage: Wieso lässt man dies nicht das Volk entscheiden? Ich habe gute Feedbacks, und es ist doch das Natürlichste der Welt, diese Auswahl zu bringen. Ermöglicht man eine Auswahl, sind die Wählerinnen und Wähler in der Lage, nach Abwägen aller Argumente ihre Wahl zu treffen.

Wäre es wahltaktisch in Ihrer Situation nicht aussichtsreicher gewesen, die Bündnispartnerinnen Franziska Teuscher und Ursula Wyss starkzureden und in deren Windschatten den zweiten SP-Sitz anzugreifen?
Ja, das wäre auch eine Variante gewesen. Die Entscheide meiner Partei waren aber nicht taktisch bedingt.

Obwohl Ihre Stapi-Kandidatur in erster Linie taktischer Natur ist, um Ihre Chancen auf einen Gemeinderatssitz zu erhöhen?
Falsch. Es ging darum, für die Stadt Bern Verantwortung zu übernehmen, und darum geht es noch immer. Vieles läuft gut, RGM ist eine Erfolgs­geschichte und hat viel zu einer guten Lebensqualität beigetragen. Aber es gibt neue Herausforderungen, die Entwicklung muss weiter­gehen. Dort möchte ich – am liebsten als Stadtpräsident – meine Erfahrung übernehmen.

Was sind Ihrer Ansicht nach die grössten Baustellen, die man ­angehen muss?
In vielen Themen ist die Stadt auf Kurs. Was sicher besser werden muss, ist die Zusammenarbeit mit der Kernagglomeration. Wenn man von Bern als einer Stadt der Integration spricht, sind damit aber auch alle politischen Strömungen gemeint, die es besser zu integrieren gilt. Da hat Bern noch viel Potenzial, und in diese Richtung habe ich meiner Ansicht nach viel zu bieten.

Es dürfte nicht einfach werden, auf einer einsamen GFL-Liste Gemeinderat zu werden. Rot-Grün wird Sie abstrafen, die Mitteliste steht, bei den Bürgerlichen gehts ums nackte Überle­ben. Wer zum Teufel soll Sie wählen?
Das wissen wir erst am Abend des 27. November. Aber ich habe nicht den Eindruck, dass mich niemand wählen will.

SP und GB haben auch ohne GFL gute Chancen auf drei Sitze. Selbst wenn Sie einen Sitz holen, werden Sie nicht in der Mehrheit sein – oder bloss als der Vierte, den es nicht gebraucht hätte. Ist das eine freudige Perspektive?
Das ist reine Spekulation. Warten wir das Wahlergebnis ab. Danach werden sich die fünf Gemeinderatsmitglieder in jedem Fall zusammenraufen und das Beste aus der Situation machen müssen.

Was ist Ihre Spekulation zur Sitzverteilung im Gemeinderat?
Ich mache keine Spekulationen.

Als Stapi würde in der Präsidialdirektion die Entwicklung des Gaswerkareals als eines der ­dringendsten Geschäfte auf Sie warten. Müssten Sie als heutiger Losinger-Marazzi-Manager da in den Ausstand treten?
Ja, das sehe ich auch so. Ich könnte nicht Geschäfte betreuen, die ich zuvor privat betreut habe.

Wenn Sie nicht gewählt werden, versetzt dies auch der GFL einen Stich. Könnte er für die Partei tödlich sein, die im Stadtrat einen hohen Verschleiss hatte?
In meinen 30 Jahren in dieser Partei war die Personaldecke immer dünn – aber sie hatte immer gute Leute. Zwar gingen Aushängeschilder aus dem Stadtrat, es kamen aber sehr gute Leute nach. GFL-Mitglieder gehen einfach nicht jeden Abend an eine Parteiveranstaltung, weil sie auch mal ins Theater gehen und sich noch anderweitig engagieren.

Jetzt sind sich die Grünen in der Stadt nicht mehr so grün. ­Welches Signal gibt das für die Grünen auf kantonaler Ebene?
Dort bin ich im Vorstand, das ist eine gefestigte Partei. Für mich steht schon lange fest, dass man sich in der Stadt «fifty shades of green» auf die Dauer nicht leisten kann. Man wird sich zusammenraufen müssen. Das GB hat dieses Jahr nicht über eine engere Zusammenarbeit diskutieren wollen – dann diskutieren wir halt nächstes Jahr.

Wieso geht nicht die eine Hälfte der GFL ins GB und die andere zu den Grünliberalen?
Die Frage ist ein Stück weit berechtigt, sie gilt aber für die SP und für die Bürgerlichen genauso. Es gibt zwischen den Parteien Überschneidungen, und es gibt in den Parteien Flügelkämpfe.

Heute beginnt Ihr Stapi-Wahlkampf, und Sie haben wieder die Dreifachbelastung Familie, Beruf und Politik, die Sie nicht mehr wollten. Haben Sie Energie?
Denken Sie, ich wäre hier, wenn ich das nicht wirklich wollte, wenn ich weder Lust noch extreme Energie hätte? Ich bin voll motiviert und habe mich darauf eingestellt, jetzt legen wir los. Ein Wahlkampf ist zudem viel lustvoller als ein Haufen Sitzungen, da gibt es auch einen regen Austausch mit der Bevölkerung.

(Berner Zeitung)

Erstellt: 26.04.2016, 19:48 Uhr

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