Wieso Wallenbuch nicht Clavaleyres ist

Clavaleyres macht vor, dass Fusionen über die Kantonsgrenze möglich sind. Allerdings bleiben sie sogar in globalen Zeiten wie den heutigen die Ausnahme.

Ein idyllischer Flecken Freiburg: Das kleine Wallenbuch liegt als Exklave mitten im Kanton Bern.

Ein idyllischer Flecken Freiburg: Das kleine Wallenbuch liegt als Exklave mitten im Kanton Bern.

(Bild: Raphael Moser)

Stephan Künzi

Clavaleyres will definitiv in den Kanton Freiburg wechseln. Das steht seit dem Urnengang vor knapp einem Monat fest, als sich 28 von 34 Stimmenden für eine Fusion mit Murten und damit für den Abschied aus dem Kanton Bern aussprachen. Bei einer Stimmbeteiligung von hohen 89,7 Prozent notabene.

Bis Anfang 2021 soll der Wechsel über die Bühne gehen – und damit geht für die 50 Einwohnerinnen und Einwohner ein über 200-jähriges Inseldasein zu Ende. Seit Beginn des 19. Jahrhunderts, als die moderne Schweiz entstand, ist die Berner Kleingemeinde rundum von anderen Kantonen umschlossen. Allen voran von Freiburg, zu dem hin die Grenze nun dank der Fusion wegfallen wird.

Komplizierte Grenze

Eigentlich eine gute Sache in einer globalen Welt, in der kleinräumige Strukturen aus alten Zeiten nur noch schwer zu erklären sind. Trotzdem macht ein kurzer Blick in die nähere Umgebung stutzig: Gerade mal zehn Kilometer Luftlinie entfernt findet sich nicht nur eine weitere Exklave, sie hat auch bereits mit einer anderen Gemeinde fusioniert – ohne dass allerdings der althergebrachte komplizierte Grenzverlauf bereinigt worden wäre.

Wallenbuch heisst das 130-Seelen-Dorf, es steht im Kanton Freiburg, wird aber von den Berner Gemeinden Ferenbalm, Kriechenwil und Laupen umschlossen. Vor fünfzehn Jahren schloss es sich dem etwas weiter entfernten, dafür aber wieder auf Freiburger Boden liegenden Gurmels an – und blieb so unverändert ein Fleck Freiburg mitten im Kanton Bern.

Religion nicht zentral

Wieso das? René Käser war der letzte, wie man im Freiburgischen sagt, Ammann von Wallenbuch, und er hat den wohl wichtigsten Grund rasch zur Hand: Seit dem Verlust der eigenen Schule in den 1960er-Jahren schickte das Dorf die Kinder in Richtung Gurmels zum Unterricht, «das schafft Bindungen». Nicht ohne Grund äusserten sich an einer Konsultativabstimmung 27 von 33 Fusions­befürwortern für ein Zusammengehen mit diesem Partner.

Kaum mehr eine Rolle gespielt habe dagegen die Religion, fährt Käser fort. Ein Blick in die Geschichte zeigt zwar, dass Wallenbuch als urfreiburgisches Gebiet der Reformation getrotzt und – anders als das Berner Umland – dem Katholizismus treu geblieben ist. In der Folge wurde das Dorf kirchlich von Ferenbalm abgetrennt und Gurmels zugeteilt. Entsprechend blieb die Kapelle im Dorf bis heute katholisch, aber: «Die Bautätigkeit habe viele Reformierte ins Dorf gebracht», sagt Käser. Im Jahr 2000 hielten sich Katholiken und Reformierte bereits die Waage, wie die Statistik zeigt.

«Die Bautätigkeit hat viele Reformierte ins Dorf gebracht.»René Käser, letzter Ammann der Gemeinde Wallenbuch

Nicht zuletzt sei für Freiburg eine Fusion über die Kantonsgrenze von vornherein nicht infrage gekommen, fügt Käser noch an. Um gleich zu betonen, dass das Gemeindeleben als Teil von Gurmels reibungslos klappe und die Zusammenarbeit mit der Berner Nachbarschaft in der Wasserversorgung oder der Feuerwehr auch nach der Fusion weitergegangen sei.

Auf die Frage nach den Nachteilen des Daseins als Exklave kommt ihm nur ein Beispiel aus früheren Zeiten in den Sinn: Anfang der 1990er-Jahre hätte Wallenbuch gerne Anschluss an den neuen Bus der Sensetalbahn bekommen, konnte sich aber als kleine Freiburger Gemeinde im Kanton Bern kein Gehör verschaffen.

Eine Ausnahme

Ob vor fünfzehn Jahren die Zeit für eine Fusion über die Kantonsgrenze einfach nicht reif war? In Clavaleyres jedenfalls spricht Gemeindepräsident Jürg Truog mit Blick auf den Anschluss an Murten von einem neuzeitlichen Weg – doch die jüngste Vergangenheit zeigt, dass dieser nach wie vor alles andere als selbstverständlich ist. Ob im aargauisch-zürcherischen, aargauisch-solothurnischen oder aargauisch-luzernischen Grenzgebiet – stets sagte jener Kanton, der die Gemeinde verlieren sollte, sofort Nein (s. auch Kasten).

Sogar im Kanton Bern wird – ausserhalb des Jurabogens – der Weggang von Clavaleyres eine Ausnahme bleiben. Das machte der Regierungsrat klar, als der Grosse Rat letztes Jahr die Fusionspläne äusserst klar durchwinkte. Der Brückenschlag nach Murten scheint nicht nur wegen der bereits heute sehr engen Verflechtungen logisch zu sein. Auch kulturell gibt es zum ebenfalls reformiert geprägten Murten keine Schranken.

Einzig in der Primarschule steht ein Wechsel an. Statt in Münchenwiler werden die Kinder den Unterricht künftig in Murten besuchen. Apropos Münchenwiler: Ursprünglich hätte Clavaleyres mit der zweiten bernische Exklave in der Region fusionieren wollen. Diese lehnte aber zweimal ab.

Berner Zeitung

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