Wiedersehen mit dem Hippiebus

Bern

Die beiden Ur-Rockmusiker Housi Wittlin und Dide Heiniger sind auf dem Ausstellungsplakat «1968 Schweiz» im Historischen Museum verewigt. Sie trafen sich dort und schwelgten in Erinnerungen.

50 Jahre später: Zahnarzt und Rocksänger Dide Heiniger (l.) und Gitarrist Housi Wittlin im Ausstellungsraum «1968 Schweiz».

50 Jahre später: Zahnarzt und Rocksänger Dide Heiniger (l.) und Gitarrist Housi Wittlin im Ausstellungsraum «1968 Schweiz».

(Bild: Raphael Moser)

Der 21-jährige Housi Wittlin sitzt mit drei anderen Jünglingen auf dem Dach des VW-Busses, am Steuer der 19-jährige Dide Heiniger. Lang ists her. 1968. Das kunterbunte Gefährt mit der Aufschrift «Black Lions» ist auf dem Plakat zur Ausstellung «1968 Schweiz» im Historischen Museum abgebildet. Die Berner Black Lions gehörten damals zu einer der angesagtesten Rockbands.

Der Bus der Black Lions: Dide Heiniger am Steuer, oben auf dem Dach Nicolas Markwalder, Housi Wittlin, Patrick Reisser, Hans Räz (v. l.). Bild: zvg

Von den fünf Musikern auf dem Ausstellungsplakat geben heute aber nur noch der 70-jäh­rige Housi Wittlin (Gitarre) und der 68-jährige Dide Heiniger (Gesang) öffentliche Konzerte – gemeinsam oder in anderen For­mationen. Bassist Nicolas Markwalder (Ex-VR-Präsident Bernexpo Groupe) und Drummer Hans Räz (TV-Journalist, u. a. «Kassensturz») sind musikalisch weg vom Fenster. Der fünfte Mann, Keyboarder Patrick Reisser, lebt nicht mehr. Und der Bus der Band? «Was aus dem ge­worden ist, weiss niemand», sagt Dide Heiniger.

Eine Nacht im Knast

Der, der in der Ausstellung steht, ein blauer VW-Bus aus den 1960er-Jahren, ist nicht das Original. Dennoch klettern Wittlin und Heiniger hinein. Nostalgische Erinnerungen kommen hoch. Housi Wittlin: «Einmal machten wir mit unserem Bus einen Ausflug nach Paris, ohne Instrumente, einfach so.»

Dide Heiniger: «Housi und ich haben am Montmartre auf der Strasse Gitarre gespielt und einen Topf hingestellt.»
Wittlin: «Dann kam ein Tschugger und stupfte die Geldbüchse weg. Wir wurden verhaftet und verbrachten eine Nacht auf einer Pritsche im Gefängnis. Am Morgen erhielten wir von der Polizei das Geld zurück. Diese Geste hat mir viel bedeutet.»
Heiniger: «Das Problem war, anderntags unsere Kumpels wiederzufinden, sie wussten von nichts. Auf dem Montmartre haben wir sie dann per Zufall an­getroffen. Housi hat über den Zwischenfall gelacht, ich aber hatte Angst. Ich stand kurz vor der Matur und meinte, die Verhaftung werde nach Bern ge­meldet und ich bekäme Schwierigkeiten.» Die Angst war unbegründet. Dide Heiniger bestand die Reifeprüfung und studierte Zahnmedizin. Seine Praxis gab er vor vier Jahren auf.

Mit der Gitarre in die RS

Housi Wittlin ist der Einzige der «schwarzen Löwen», der zeitlebens Musiker geblieben ist. «Ich bin aus jeder Schule geflogen, nur aus der RS nicht», sagt er. ­Heiniger: «Du bist mit der Gitarre eingerückt und deiner Linie bis heute treu geblieben.» Wittlin: «Vielleicht habe ich die ganze Kompanie genervt, aber sie liessen mich in Ruhe.» Sie lachen.

Sie kommen auf die «glorreiche Zeit» zurück. «Damals, in den 60er-Jahren, füllten wir an einem Zibelemärit die Tanzdiele Matte mit achthundert Leuten, das war Rekord», sagt Wittlin. Und: «In den Anfängen spielten wir Stücke von Procol Harum, wir hatten – wie sie – ein Piano und eine Orgel. Dann spielten wir vor allem Stones- Sachen, das war einfacher.»

Housi Wittlin: «Einfach haben wir angefangen, mit einfachen Instrumenten. Es gab damals ­keine Fender- oder Gibson-Gitarren.» Heiniger: «Dann hast du eine Erbschaft gemacht und für die Band die teuersten Vox-Verstärker – wie sie die Beatles hatten – gekauft.» Wittlin, schelmisch: «Habe ich das bezahlt?» Heiniger: «Klar, wir anderen hatten ja kein Geld.»

Das nächste Konzert

Kein Geld, aber Drogen? Heiniger: «Der Alkohol war damals ein guter Freund, aber ich habe nie gekifft.» Wittlin: «Als Zahnarzt hast du wahrscheinlich Morphium gespritzt.» Jedenfalls sind sich beide einig: «Jener von uns, der gestorben ist, Patrick, war sicher der Cleanste von uns allen.» Mit den anderen Ur-Black-Lions hätten sie kaum mehr Kontakt.

An der Museumsnacht am 16. März treten Heiniger (der sonst mit seiner Latin-Rock-Funk-Band Tapas mixtas spielt) und Wittlin gemeinsam wieder auf, im Park des Historischen Museums. «Und am 29. Dezember bin ich im Sternensaal Bümpliz als Special Guest von Jimmy Gee eingeladen», sagt Housi Wittlin, «er soll Deutschlands bester Gitarrist sein.»

Berner Zeitung

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