«Wieder ein Nashorn zu finden, wäre sehr schön»

Anno 1850 entdeckten Häftlinge den Schädel eines urzeitlichen Nashorns bei der Tiefenaustrasse. Bei der anstehenden Erweiterung des Bahnhofs hofft Ursula Menkveld, Paläontologin des Naturhistorischen Museums Bern, auf weitere Funde.

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Markus Ehinger@ehiBE

In Zusammenarbeit mit dem RBS kann das Naturhistorische Museum Bern die Bauarbeiten für die Erweiterung des Bahnhofs Bern begleiten. Welche Funde erhoffen Sie sich?Ursula Menkveld: Wir erhoffen uns neue, ergänzende Funde. Dank dieser Funde könnte sich das Bild, wie es vor 20 Millionen Jahren hier in Bern ausgesehen hat, verfeinern. Es ist extrem spannend, bei einem Projekt direkt vor der eigenen Haustüre dabei sein zu können.

Vor 150 Jahren wurde beim Bau der Tiefenaustrasse, also dort, wo jetzt auch wieder gebaut wird, ein Nashorn entdeckt. Werden Sie jetzt erneut ein Nashorn finden?Das kann man nie voraussagen. Aber es wäre sicher schön, wenn wir auch jetzt wieder ein Nashorn finden würden. Das wäre ein tolles Ausstellungsstück für das Naturhistorische Museum. Für die wissenschaftliche Untersuchung ist das Nashorn allerdings nicht unbedingt das Schlüsselstück. Datieren, das heisst sagen, wann das Tier gelebt hat, können wir zum Beispiel mit Zähnen von Mikrosäugetieren fast am besten.

Das genügt, damit Sie sagen können, dass es in Bern vor 20 Millionen Jahren Palmen gab und ein Klima herrschte, wie man es heute zum Beispiel in Nordafrika kennt?Ja, das ist so. Je mehr wir finden, desto mehr können wir über die Zeit von vor vielen Millionen Jahren sagen. Nicht nur über die Tier-, sondern auch über die Pflanzenwelt.

Bereits beim Bau des Neufeldtunnels konnten Sie Ihr Wissen einbringen.Zwischen 2006 und 2008 waren wir jeweils einmal pro Woche auf der Tagbaustelle vor Ort. Wir sammelten Gesteinsproben und analysierten sie anschliessend.

Was fanden Sie damals?Wir fanden zwar damals kein Nashorn, aber trotzdem wissenschaftlich spannende Fossilien, etwa von Hirschen oder Schweinen. Und wir fanden den linken Unterkiefer eines Marders sowie Reste von Schildkröten, die einst in den Sümpfen von Bern gelebt hatten. Solche Funde sind immer enorm faszinierend.

Welches waren bisher die wertvollsten Funde in Bern aus paläontologischer Sicht?Das war der erwähnte Nashornschädel. Das ist unser Prunkstück, das noch bis Ende März 2018 im Zentrum einer kleinen Sonderausstellung im Naturhistorischen Museum Bern steht.

Zurück zum Bahnhofausbau. Wie kam es zur Zusammenarbeit zwischen dem RBSund dem NaturhistorischenMuseum?Dafür trage ich die Schuld (lacht). Als ich erfuhr, dass für den neuen Bahnhof genau in den interessanten Gesteinsschichten gegraben wird, bin ich vor etwa sieben Jahren beim RBS und bei den SBB vorstellig geworden. Denn wenn in diesem für uns spannenden Gebiet gebaut und gebuddelt wird, muss man als Paläontologin einfach dabei sein. Wir fragten die Bahnunternehmen, ob wir allenfalls mitarbeiten können. Vor drei Jahren fand eine erste Besprechung statt. Jetzt startet das Projekt.

Wie schaffen Sie es, dass bei den Arbeiten zum neuen Berner Bahnhof die Bauarbeiter nicht wichtige Fossilien zerstören?Wir werden die Baggerführer, Poliere und Bauführer bei uns im Museum schulen und sensibilisieren. Wir werden ihnen die bisher gefundenen Fossilien und die Gesteinstypen zeigen, sodass sie wissen, worauf sie achten müssen. Wir vertrauen darauf, dass die Bauarbeiter die Augen offen halten werden. So funktioniert es im Übrigen auch in den Kiesgruben. Wenn die Bauarbeiter wissen, worauf sie schauen müssen, finden sie eher etwas, als wenn sie nicht wissen, worauf sie achten sollen.

Was sind die Besonderheiten an diesem Projekt?Zwei Dinge sind speziell: einerseits die Zusammenarbeit mit dem RBS, anderseits die Dauer des Projekts. Bis zur Fertigstellung des neuen Bahnhofs im Jahr 2025 wollen wir immer wieder die Öffentlichkeit über unsere Funde und Fortschritte informieren. Das geschieht unter dem Hashtag «#Bahnhofsnashorn».

Würden Sie gern mal eine Zeitreise machen, um zu sehen, wie es in Bern vor Millionen Jahren tatsächlich war?Dank unserer Funde können wir ziemlich genau sagen, wie Bern einst ausgesehen hat. Aber ich ­gebe es zu: Eine Zeitreise wäre schon mal cool.

Bernerzeitung.ch/Newsnetz

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