Wie uns Luchs, Wolf und Bär herausfordern

Erst kam der Luchs, dann der Wolf und nun der Bär. In den letzten Jahrzehnten sind die Grossraubtiere in den Kanton Bern zu­rückgekehrt – und lösen noch immer Kontroversen aus. Ist der Mensch bereit, mit diesen Tieren zu leben?

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Manchmal beginnen historische Momente mit einem kaputten Zaun. So am 26. Mai 2017, einem Tag, der in die Berner Geschichte eingehen wird. Ein Erizer repariert im Gebiet Ramsgring Zäune und sieht am Hang ein Tier. Ein Hund, so denkt er zuerst, doch dann realisiert er: «Jeregott, das isch ja e Bär!» Aufgeregt fotografiert er das Berner Wappentier – und beweist, dass Meister Petz nach 194 Jahren ins Bernbiet zurückgekehrt ist.

Die Schweiz in der Mitte des 19. Jahrhunderts: Die Menschen haben die Wälder im Zuge der Industrialisierung so stark abgeholzt, dass den Wildtieren der Lebensraum fehlt. Mit dem Wald verschwinden die Rehe, Hirsche und Steinböcke. Nutztiere sind die einzige Beute, von der sich die Raubtiere noch ernähren können.

Der Mensch jagt die Räuber, bis er den letzten erwischt hat. Er realisiert aber auch, wie wichtig Wälder sind. Dank der Aufforstung kehren Anfang des 20. Jahrhunderts die Rehe und Hirsche zurück, Steinböcke werden wieder angesiedelt. 1967 beschliesst der Bundesrat die Rückkehr der Raubtiere: 1971 werden in Obwalden die ersten Luchse ausgesetzt.

Der Konkurrent der Jäger

1974, wieder im Eriz: Ein Bauer erschlägt ein ihm unbekanntes Tier – den ersten belegten Luchs im Kanton Bern. Auch hier sei die Raubkatze ausgesetzt worden, heisst es nun. Das Gerücht schürt den Unmut jener, denen der neue Räuber ein Dorn im Auge ist.

«Erst heute weiss man, dass ein Luchs innert Tagen von Obwalden ins Eriz wandern kann», sagt Urs Breitenmoser, Mitbegründer und Leiter der Koordinationsstelle für Raubtierökologie und Wildtiermanagement (Kora). Der einzige Ort, wo Naturschützer im Kanton Bern wohl tatsächlich inoffiziell Luchse ausgesetzt haben, ist die Gegend bei Moutier.

Mit der Zeit tut sich der Luchs im Kanton Bern auch an Schafen und Ziegen gütlich. 1977 reisst er 7 Schafe, vier Jahre später 21. Weil er seine Beute mit einem Biss in die Kehle erlegt, schützen Schafzüchter ihre Tiere mit Halsbändern. Doch vor allem ernährt sich der Luchs von Wildtieren. Für die Jäger ist er ein unwillkommener Konkurrent, sie möchten ihn wieder weghaben.

Von 1998 bis 2001 kommt der Konflikt zwischen Mensch und Luchs in die heisse Phase. Nach warmen Wintern ist der Wildtierbestand im Oberland gestiegen – und mit ihm die Luchspopulation. Als kalte Winter die Rehe dahinraffen, reisst der Luchs vermehrt Nutztiere.

1999 tötet er 81 Schafe, wobei allein 26 auf das Konto eines Luchses im Kandertal gehen. Die Wildhut erlegt ihn. Dennoch wächst der Ärger, immer wieder werden Luchse gewildert. Im Februar 2000 erhält der damalige bernische Jagdinspektor makabre Post: ein Paket mit abgeschnittenen Luchspfoten.

Der Schrecken der Schäfer

Der Jagdinspektor hat sich wohl noch nicht ganz vom Schrecken erholt, als ihn weitere Kunde erreicht: Ab 2001 melden Leute, im Oberland einen Wolf gesehen zu haben. Doch bewiesen ist nichts – bis am 22. März 2006 in Gsteig­wiler bei Interlaken ein Wolf von einem Zug überfahren wird. Sechs Monate später reisst ein von Italien eingewanderter Wolf in Pohlern bei Thun 8 Schafe.

Für die Jäger ist der Wolf lediglich ein weiterer Konkurrent. Doch die Schafhalter sind schockiert: Anders als der Luchs, der gezielt ein Tier reisst, beisst der Wolf in der Herde wild um sich. Es liegt in seinem Naturell, für ein Rudel zu jagen – je mehr Beute, desto besser.

Auch wenn dann keiner da ist, der sie frisst. Zwar erhalten die Schafzüchter Wildschadenersatz für die gerissenen Tiere. Doch wirklich gutmachen kann das Geld den Verlust nicht. «Uns liegt jedes Schaf so am Herzen wie anderen ihre Katze», erklärt Rolf Rüfenacht, Präsident des Berner Schafzuchtverbands.

Isegrim löst eine Debatte über den Herdenschutz aus. Der Kanton setzt auf Prävention, doch die Schafzüchter stehen selber in der Verantwortung. Einige halten heute Herdenschutzhunde. Doch immer wieder kommt es zu Konflikten mit Wanderern und anderen Passanten, gegen welche die Hunde die Schafe ebenfalls verteidigen.

Zudem müssen die Hunde auch während des Winters bei ihrer Herde bleiben, um sich nicht zu entfremden. Parasiten im Kot aber sind für Schafe ungesund. Ein Teufelskreis. Für Rolf Rüfenacht ist klar: «Der Wolf muss weg, er gehört nicht in unsere dicht besiedelte Heimat.»

Die Wundertüte

Und nun, als Finale, kommt der Bär. Nach der ersten Begegnung im Eriz wurde er Ende Juni beim Sustenhorn und im September im Gental (Innertkirchen) beobachtet. Wie der Wolf legt der Bär innerhalb weniger Tage weite Strecken zurück. Wahrscheinlich handelt es sich beim pelzigen ­Besucher um jenes Bärenmännchen, das seit letztem Jahr durch Uri streift. Bis auf ein geplündertes Bienenhäuschen hat er dort noch nie Probleme bereitet. Im Gegenzug zu Luchs und Wolf sind Bären zudem Allesfresser.

Was nicht heisst, dass die Beziehung zwischen Mensch und Bär problemlos ist. So suchte JJ3, ein Jungbär im Bündnerland, 2007 seine Mahlzeiten in Mülltonnen. Mit Licht, Lärm und Gummischrot versuchen die Bündner, das Tier von Häusern fernzuhalten. Vergeblich. Irgendwann schlüpft er durch Fenster in Scheunen und versucht, in Hütten einzubrechen. Schliesslich geben ihn die Behörden als Risikobären zum Abschuss frei. Im April 2008 wird er erlegt. Das gleiche Schicksal trifft 2013 auch den Puschlaver Bären M13.

Jeder Bär ist eine Wundertüte – es gibt auffällige und unauffällige Exemplare. Doch auch ein unauffälliger Bär wie jener im Kanton Bern löst Diskussionen aus. «Er mag primär Vegetarier sein – aber wenn er die Gelegenheit hat, nimmt auch er Fleisch», sagt Schafzüchter Rüfenacht.

Die Herausforderung

Im Volksglauben ist der Bär beliebter als der Wolf, der in Märchen als der Inbegriff des Bösen dargestellt wird. Beim Jagdinspektorat gingen auf die erste Bärsichtung denn auch primär positive Reaktionen ein. «Tatsache ist aber, dass von diesen Raubtieren der Bär der Einzige ist, der dem Menschen tatsächlich gefährlich werden kann», sagt Urs Breitenmoser von Kora.

Während sich Luchs und Wolf meistens zurückziehen, sollte bei einer Begegnung mit einem Bären der Mensch das Weite suchen – mit ruhigen Schritten und leise sprechend, sodass ihn der Bär nicht als Bedrohung wahrnimmt. Denn im Gegensatz zu Wolf und Luchs sind es sich Bären gewohnt, um ihr Essen zu kämpfen.

Bis heute hat sich der Bär in der Schweiz nirgends dauerhaft niedergelassen oder Nachwuchs aufgezogen. Die Feuertaufe, ob sich Bär und Mensch hierzulande ­aneinander gewöhnen können, steht also noch bevor. «Dass die Raubtiere zurückgekehrt sind, ist ein gutes Zeugnis für unsere Natur», sagt Breitenmoser.

«Wenn wir es nun schaffen, mit ihnen zusammenzuleben, haben wir etwas Grossartiges erreicht.» Der Umgang mit Raubtieren bleibt aber eine grosse Herausforderung. Das zeigen die anhaltenden Debatten um Luchs und Wolf.

Zudem dauert es fünfzig bis zu hundert Jahre, bis sich ein Tier einen neuen Lebensraum aneignet. Der Luchs ist auf gutem Weg dazu, der Wolf steht am Anfang. Während der Wolf vor allem im westlichen Oberland unterwegs ist, findet man den Luchs inzwischen fast im ganzen Kanton (siehe Karte).

Luchse ziehen Nachwuchs auf, Wölfe schliessen sich zusammen – und ihre Feinde greifen zur Selbstjustiz: Letzten Dezember trieb eine gewilderte Luchsmutter im Thunersee; im Juni fand man bei Jaun eine vergiftete Wölfin, die mit einem Rüden unterwegs gewesen war.

Hat es zu viele Luchse?

Immerhin kann sich eine Diskussion mit der Zeit versachlichen: «Für uns ist heute klar, dass der Luchs hierbleibt», sagt Lorenz Hess, Präsident des Berner Jägerverbands. Um sogleich zu illustrieren, dass ein Raubtier dennoch stets für Gesprächsstoff sorgen wird: «Aber sein Bestand sollte reguliert werden.»

Hess bezieht sich auf die Zahlen, die Kora kürzlich zum Luchsbestand im östlichen Oberland publiziert hat. Gemäss diesen leben dort 3,15 Luchse pro hundert Quadratkilometer. Das werde problematisch für den Gämsbestand, so Hess. Nur im Waadtländer Jura ist die Luchsdichte in der Schweiz höher.

Bereits fordern Grossräte, der Kanton müsse beim Bund ein Gesuch stellen, den Bestand regulieren zu dürfen. Das wäre ab einem Minimalbestand von 1,5 Tieren pro hundert Quadratkilometer möglich – wenn weitere Bedingungen erfüllt sind. So spielt zum Beispiel eine Rolle, wie hoch die Wildschäden des Waldes sind.

Tatsächlich ist die Luchsdichte im Oberland heute höher als um die Jahrtausendwende, als die ­Situation um die Raubkatze ausartete. «Doch anders als damals hat er genügend Wildtiere, von denen er sich ernähren kann», sagt Urs Breitenmoser von Kora.

Für Katrin Bieri von Pro Natura Bern ist wichtig, das Gesamtbild zu betrachten. «Im Alpenbogen weist der Luchsbestand nach wie vor grosse Lücken auf. Der Fortbestand ist nicht gesichert.» Für einen lokalen Gämsrückgang könne es auch andere Gründe geben als Luchse – etwa Krankheiten oder die Jagd.

Kommt der Wolf ins Dorf?

Über den Wolf, so meint man, regen sich heute vor allem die Walliser auf. Doch auch in Bern laufen hitzige Debatten, die sich zuspitzen. «Beim Luchs brauchte es eine Generation, bis er akzeptiert wurde. Beim Wolf wird es das­selbe sein», sagt Jagdinspektor Niklaus Blatter. Zurzeit läuft im Bundeshaus die Diskussion, ob der Schutz gelockert werden soll.

Für Katrin Bieri von Pro Natura ist dies überflüssig: «Bereits heute dürfen problematische Wölfe erschossen werden. Was wir vielmehr brauchen, sind mehr Fakten dazu, ab wann ein Verhalten wirklich problematisch ist.» Oft würden Raubtiere schlechter gemacht, als sie seien. Allein ein Wolf in Siedlungsnähe – wie etwa jener in Zimmerwald, der sich aber nicht aggressiv verhielt – ist für sie noch kein Alarmzeichen.

Für Schafzüchter Rolf Rüfenacht hingegen schon. Für ihn wäre eine Regulation dringend nötig. «Grossraubtiere, die wie in Gurzelen in dicht besiedeltem Gebiet Schafe reissen, müssen umgehend zum Abschuss freigegeben werden – wie es bei reissenden Hunden angewendet wird.»

Wir leben in einem dicht besiedelten Gebiet, und meist gewöhnen sich die Tiere schneller an den Menschen als der Mensch sich an sie. Doch auch das hat Grenzen: Laut Urs Breitenmoser von Kora ist es denkbar, dass Wölfe in Siedlungsnähe gehen. Dass er sich wie der Fuchs in Städten einnisten könnte, hält er aber für unwahrscheinlich. «Der Wolf würde dort nicht genug Nahrung und Lebensraum finden.»

Auch so schlägt Isegrim zu: Dieses Jahr verzeichnet der Kanton dreimal mehr Wolfsrisse. Rolf Rüfenacht holte seine Schafe frühzeitig von der Alp, weil immer wieder Tiere verschwanden. «Wir müssen uns grundsätzlich fragen, ob wir die Alpen noch bewirtschaften sollen.» Ein wunder Punkt, räumt Niklaus Blatter ein. «Niemand hat ein Interesse daran, dass die Alpen verganden. Aber nicht nur der Wolf ist schuld daran, wenn sie nicht mehr so stark bewirtschaftet werden.»

Bei all der Kritik dürfe eines nicht vergessen gehen: «Luchs, Wolf und Bär haben eine wichtige Aufgabe in der Natur. Sie helfen mit, den Wildbestand zu regulieren», sagt der Jagdinspektor. Der Mensch finde oft, er allein sei für alles zuständig. «Aber die Natur lehrt uns immer wieder, dass sie vieles besser macht als wir.» (Berner Zeitung)

Erstellt: 17.09.2017, 12:19 Uhr

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