Wie klingt Kirchenmusik im 21. Jahrhundert?

Bern

Der Probenbesuch verheisst ein Erlebnis im Berner Münster: Zum Internationalen Kirchenmusik-Kongress, der am Mittwoch beginnt, wagen die Chöre der Uni Bern und des Gymers Neufeld sich auf neue Pfade – buchstäblich.

«Gränne isch aagseit»: Der Chor des Gymnasiums Neufeld bei der Probe fürs Grosskonzert von morgen.

«Gränne isch aagseit»: Der Chor des Gymnasiums Neufeld bei der Probe fürs Grosskonzert von morgen.

(Bild: Iris Andermatt)

«Gränne isch aagseit», ruft Chorleiter Bruno Späti zu seinen Schülern. In der Aula des Gymnasiums Neufeld herrscht höchste Konzentration. Späti bittet die Komponistin Iris Szeghy nach vorne. Sie soll ihre Klangvorstellung gleich selbst präsentieren. Es erklingt ein leises Wimmern, das die 120 jungen Sängerinnen und Sänger sogleich imitieren. Szeghy nickt.

Der Unichor Bern arbeitet derweil im Nebenzimmer am Feinschliff. Auch die Studierenden bekommen Anweisungen der Komponistin: «Ihr müsst beim Sprechen viel Luft fliessen lassen.» Ein kurzer Blick in die Partitur zeigt viele Angaben zu Dynamik und spezieller Singtechnik. An diesem Vormittag treffen die beiden Chöre erstmals aufeinander. Diesen Donnerstag treten sie gemeinsam auf: Im Rahmen des 5. Internationalen Kongresses für Kirchenmusik (siehe Kasten) präsentieren sie ein spektakuläres Konzert, bei dem der Kirchenraum des Münsters zur wandelbaren Bühne wird.

Gespiegelte Dirigenten

Wie klingt Kirchenmusik im 21.Jahrhundert? Drei Uraufführungen geben mögliche Antworten. Die Herausforderung ist gross. Ohne mehrere Dirigenten würde die Aufführung nicht funktionieren. Szeghys «Stabat mater» sieht drei gemischte Chöre mit zusätzlichem Sopransolo und einer Sologeige vor. Bruno Späti und Matthias Heep, die das Stück dirigieren, stehen Rücken an Rücken: «Ihr müsst keine Angst haben, wir verständigen uns über zwei grosse Spiegel», sagt Späti. Doch die Jugendlichen und die Studierenden scheinen noch etwas misstrauisch.

Anspruchsvoll ist auch das Werk «Ruh du nur in guter Ruh» von Christian Henking. Der Komponist hat die Gymnasiasten in acht Chöre geteilt, die im Kirchenschiff nach einer präzis ausgearbeiteten Choreografie umherwandern. «Es ist ein Raumstück, sozusagen ein Wandelabendmahl», erklärt Henking die Idee. Zum Üben habe man im Sommer draussen auf dem Fussballplatz ein Ersatzmünster gezeichnet.

Roter Faden mit Cosmas Alder

Die Werke sind sehr unterschiedlich. Aufgabe der drei Komponisten, darunter Burkhard Kinzler («Kain und Abel»), war es, Chorstücke für das Berner Münster zu komponieren und damit einen Beitrag zur Kirchenmusik des 21.Jahrhunderts zu leisten. Das verbindende Element soll ein Bezug zu Cosmas Alder (ca. 1497 bis 1550) sein. Alder war einst Chorknabe und schliesslich 1524/1525 Kantor am Chorherrenstift zu St.Vinzenz in Bern, dem heutigen Berner Münster.

Zitate aus Alders Musik fliessen auf unterschiedliche Weise in die drei Uraufführungen ein. «Wenn die jungen Menschen etwas gerne singen, dann ist es alte Musik, daher wollten wir den Bezug zu Alder», meint Co-Leiter Christoph Marti. In Henkings Stück erklingt ein Choral Alders, der sich wie eine Vision aus einer anderen Zeit äussert und sich im Verlauf wieder auflöst.

Spiel mit dem Münsterraum

Aber welche Bedeutung hat sie nun, die Kirchenmusik im 21.Jahrhundert? Zu beobachten sind verschiedene Ansätze. Während Szeghy und Kinzler formal und auf der Textebene einen sakralen Zugang wählen, interessiert sich Henking für den Raum der Kathedrale. «Als Agnostiker will ich die Welt in die Kirche holen. Deshalb habe ich meine Komposition unter das Motto ‹Der Kunst ausgesetzt sein› gestellt», so Henking.

Die Gymnasiasten freuen sich besonders auf den Kirchenraum: «Für uns Berner ist das Münster ein Wahrzeichen, und wir fühlen uns geehrt, dort zu singen», heisst es etwa. Für Menschen, die sich von Religiosität distanzieren möchten, sind die drei Uraufführungen daher wohl schlicht Kirchenmusik – Musik in der Kirche. Und der fantastische Raum des Berner Münsters sowie das Spiel mit der Mehrchörigkeit versprechen dabei auf jeden Fall ein akustisches Erlebnis.

Aufführung: Do, 22.10., 20 Uhr, Berner Münster. Infos/Vorverkauf: kirchenmusikkongress.ch

Berner Zeitung

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