Wie glaubwürdig sind Berns Velo-Glaubensbotschafter?

Wenn Ihnen in den kommenden Tagen öfters radelnde Gemeinderäte begegnen, hat das System: Der «Fahr-Rat» ist wieder «on the road». Eine Glosse.

Der «Fahr-Rat», Berns Velo-Glaubensbotschafter, ist wieder unterwegs.

Der «Fahr-Rat», Berns Velo-Glaubensbotschafter, ist wieder unterwegs. Bild: Peter Brand (Stadt Bern)

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Wenn jeder Pedaltritt zum politischen Statement wird, dann ist wieder Juni. «Bike to work» heisst die nationale Aktion von Pro Velo Schweiz. Einen Monat lang soll Mensch der Umwelt und der eigenen Gesundheit zuliebe mit dem Velo zur Arbeit fahren. Klar, dass der rot-grün dominierte Berner Gemeinderat da an vorderster Front mitradelt. Das politische Bekenntnis zum Velo ist in Bern bekanntlich von ähnlicher Tragweite, wie das Bekenntnis zum Zölibat im Vatikan.

Dass ideologische Überzeugung gegen aussen vor allem über Symbolik gezeigt wird, weiss man nicht nur in der katholischen Kirche, sondern auch im Erlacherhof. So haben die gewieften Berner Velo-Glaubensbotschafter auch dieses Jahr wieder an alles gedacht: Ein politisches Manifest in Form einer Medienmitteilung (deren Phrasen wir Ihnen hiermit gerne ersparen), eine fetzige Namenswahl («Fahr-Rat», ein Wortspiel, hihi) und natürlich ganz wichtig: das Gruppenfoto!

Aber genau hier sieht man: So ganz durchdacht, wirkt die Velo-Inszenierung nicht. So trägt Ursula Wyss zu weite Hosen, um als überzeugende Velofahrerin durchzugehen. Alec von Graffenried bremst stehend im Flachen (etwa ein politisches Statement?). Michael Aebersold hält sein Velo wie ein Einkaufswägeli im Coop. Und dann ist da noch Reto Nause, als CVPler der rechte Flügel im Gemeinderat.

Sein bronzefarbener Teint deutet auf einen längeren Urlaub hin. Und auch seine Mimik wirkt noch leicht ferienabwesend. Jedenfalls ist da keine Velo-Euphorie zu sehen. Man stellt sich bildhaft vor, wie er von seinem Sekretariat zum Fotoshooting aufgeboten wurde: «Hey Reto, chum schnäu use. Mir bruche no äs Foto.»

Die einzige, die sich für diesen Velo-Gottesdienst wirklich überzeugend in Szene setzt, ist Franziska Teuscher. Der grüne Helm ein politisches Bekenntnis, das Tenue bereit zum losradeln. Unter Berner Politkennern weiss man, dass bei Teuscher die Liebe zum Velo nicht nur ein gelegentlich ausgeübtes Lippenbekenntnis ist, sondern gelebter Alltag. Und zwar bei Wind und Wetter.

Ursula Wyss mag als Verkehrsdirektorin die offizielle Berner Velo-Päpstin sein. Aber auch im Vatikan gibt es bekanntlich theologisch gefestigtere Vertreter, als Franziskus. (Berner Zeitung)

Erstellt: 07.06.2018, 15:39 Uhr

Artikel zum Thema

Ein kleines Hurra auf jeden Velofahrer

Bern Jedes Velo zählt: Seit Montag liefern für alle sichtbar drei Zählstationen Daten zum Veloaufkommen. Dieses ist in Bern in den letzten drei Jahren um 35 Prozent gestiegen. Mehr...

Die Berner Veloliebe

Bern Heute feiert das Velo seinen 200. Geburtstag. Man kann sich einfacheres Terrain vorstellen als Bern,um den Draht zum Fahrrad zu ­finden. Aber wie in jeder ­Beziehung gilt: Man muss an ihr arbeiten, sonst welkt die ­Liebe. Wenn es denn Liebe ist. Mehr...

Berner Velo-Liebe soll mit Steuergeldern gefördert werden

Der Gemeinderat will eine 750'000 Franken teure Velo-Kampagne fahren. Völlig gaga, finden bürgerliche Politiker. Mehr...

Marktplatz

Immobilien

Kommentare

Die Welt in Bildern

Kein Ball aber viel Rauch: Der Fussballer Tyler Roberts von Wales steht beim Spiel gegen Dänemark in Cardiff im Dunstkreis von einer Fan-Fackel. (17. November 2018)
(Bild: Matthew Childs) Mehr...