Wie die etablierten Kirchen an Boden verlieren

Neben einem allgemeinen Desinteresse macht den etablierten Kirchen auch die Überalterung zu schaffen. Das sagt Martin Sallmann, Professor an der Uni Bern. Für die Rumänen, die nun in die Heiligkreuzkirche einziehen, sei die Situation ganz anders.

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Die Katholiken gehen, die Rumänen kommen. Irgendwie ist der Wechsel in der Kirche Heiligkreuz typisch für die heutige Zeit: Die etablierten Kirchen blasen zum Rückzug, an ihre Stelle treten neue, eher wachsende und vielleicht auch etwas lebendigere Gemeinschaften.

Der Verkauf des 1967/1968 in der Berner Tiefenau erbauten Pfarreizentrums mit Kirchenraum und Turm ist keine Premiere. Schon vor zehn Jahren trennte sich die katholische Kirche von einem Sakralgebäude.

2008 trat sie in Sumiswald ihre noch etwas jüngere Kirche der Freien Evangelischen Gemeinde ab, und die Begründung lautete ähnlich wie heute: Man handle nicht aus ­akutem Spardruck, sondern aufgrund langfristiger strategischer Überlegungen. Das Wachstum der katholischen Bevölkerung sei seinerzeit schlicht zu optimistisch eingeschätzt worden.

Mittlerweile nimmt sogar die viel grössere, weil seit Jahrhunderten vom Kanton getragene ­reformierte Kirche ihre Liegenschaften unter die Lupe. Erst ging es um Pfarr- und Kirchgemeindehäuser, nun auch um veritable Kirchen – der mögliche Verkauf der Matthäuskirche in der Tiefenau oder der Johanneskirche in Thun-Strättligen hat die Emotionen bereits hochgehen lassen.

Steil bergab

Den Kirchen bleibt gar nichts anderes übrig, als auf diesem Weg weiterzugehen. Zu sehr hat sich in den letzten Jahren der Mit­gliederschwund akzentuiert, haben sich auch langfristig die finanziellen Aussichten eingetrübt. Professor Martin Sallmann, der an der Universität Bern die Entwicklung verfolgt, wirft einen Blick in die Statistik und stellt fest: Bei den Reformierten hat der Abwärtstrend sogar schon nach dem Zweiten Weltkrieg begonnen. Wenn auch erst zaghaft.

Konkret fühlten sich 1950 noch 57,6 Prozent der Schweizer Bevölkerung der reformierten Kirche zugehörig. 1980 waren es immer noch 45,3 Prozent – und von da an gings steil bergab auf schliesslich 24,9 Prozent im Jahr 2015. Bei den Katholiken kam die Wende etwas später. Nach einem Höchststand von 46,2 Prozent im Jahr 1990 sackte die Zahl bis 2015 auf 37,3 Prozent ab.

Der Grund für diese zeitliche Verzögerung? Sallmann erklärt, dass die Katholiken in den Boomjahren nach 1960 stark vom Zuzug aus Südeuropa profitiert hätten. Eine, wenn auch unterge­ordnete, Rolle spiele zudem ihre viel ausgeprägtere Treue zur Kirche: Ohne sie und den geweihten Priester seien Heil und Erlösung nicht zu erlangen.

Allgemein stellt er fest: Klar, der Mitgliederschwund habe mit einem wachsendem Desinteresse und vielen Austritten zu tun. Genauso wichtig sei aber auch die Überalterung. Die tiefen Ge­burtenzahlen führten bei den etablierten Kirchen automatisch zu einem Rückgang.

Alles ist eins

Völlig anders ist die Situation für die rumänisch-orthodoxe Kirche, die Käuferin der Heiligkreuz­kirche. Nicht nur, weil die gerade mal 13'000 Rumänen im Land sowieso eine Minderheit sind, was von selber zusammenschweisst: Sallmann erläutert, dass Nation und Kirche im orthodoxen Raum sehr eng miteinander verbunden sind, dass Sprache, Kultur und Religion Identität stiften. Gerade in der Fremde sei deshalb die ­Bindung zur Kirche stark und das Gemeindeleben rege.

Die Kirche in der Tiefenau wird übrigens Leute aus einem Umkreis anziehen, der weit über Solothurn hinausreicht. Sie löst eine Kapelle auf dem Areal des Inselspitals ab, wo die Rumänen bislang nur zu Gast waren.

Begrenztes Potenzial

Zur Freien Evangelischen Gemeinde, der Käuferin in Sumiswald, äussert sich Sallmann zurückhaltender. Die Freikirche begründete ihren Schritt zwar damals ausdrücklich damit, dass sie regen Zulauf habe. Im Einzelfall könne das sein, so der Professor, aber: Das Potenzial für Frei­kirchen sei generell beschränkt, gerade dann, wenn sie schon auf eine längere Geschichte zurückblickten. Als Beispiel nennt er die Methodisten, die schon vor zwanzig Jahren in Bern eine Kapelle abstossen mussten.

Die Konfessionslosen

Mit einem weiteren Blick in die Statistik streicht Sallmann noch einen Punkt hervor. Im selben Mass, wie die Mitglieder der eta­blierten Kirchen weniger ge­worden sind, hat die Zahl der Konfessionslosen in der Schweiz zugenommen. Mit einem Anteil von 23,9 Prozent waren sie im Jahr 2015 sogar schon fast gleichauf mit den Reformierten.

Der Professor relativiert allerdings: Konfessionslos zu sein, bedeute nicht einfach, nichts zu glauben. «Nicht wenige stellen sich ihr religiöses Weltbild selber zusammen.» (Berner Zeitung)

Erstellt: 22.01.2018, 07:01 Uhr

Martin Sallmann (Bild: PD)

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