Wie die Drogenszene aus Berns Bewusstsein verschwand

Bern

Die Räumung des Kocherparks vor 25 Jahren bedeutete das Ende der offenen Drogenszene in Bern – und war der Startpunkt der bis heute andauernden städtischen Aufwertung. An das Drogenproblem erinnert man sich fast nur noch an Jubiläen.

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Jürg Steiner@Guegi

Der 31. März 1992 war ein histo­rischer Tag für die Stadtberner Politik. Der Gemeinderat verfügte auf diesen Termin die vorübergehende Schliessung des Kocherparks beim City-West, der während eines Jahres ein landesweit bekannter Treffpunkt Hunderter Heroinabhängiger war.

Rund zwei Monate nach der Räumung des Platzspitzes in Zürich – wo sich der Drogenhotspot dann ins Lettenareal verlagerte – wurde die offene Drogenszene in Bern aufgelöst. Endgültig. Die von der Stadtregierung vor 25 Jahren verordnete Direktive, «öffentlich sichtbares Fixen und Handeln» konsequent zu unterbinden, gilt de facto noch heute.

Öffentliche Sozialtragödie

Die Kocherpark-Schliessung war auch der letzte politische Entscheid von Tragweite, den eine bürgerliche Regierung in der Stadt Bern fällte. Neun Monate später gewann das Rot-Grün-Mitte-Bündnis die Mehrheit und hält die Macht heute deutlicher denn je – am Entscheid, Drogenszenen sofort zu unterbinden, wurde nie mehr gerüttelt.

Der damalige bürgerlich dominierte Gemeinderat hatte Berns bleierne Jahre geprägt, während deren die opponierende 80er-Jugendbewegung und die regierende Elite regelmässig gewaltsam aneinandergerieten – etwa bei der Tschernobyl-Demo 1986 oder der Räumung des Hüttendorfs Zaffaraya 1987.

«Wer diese Bilder aus dem damaligen Kocherpark sieht, glaubt es kaum.»Carl Müller, stv. Contact-Geschäftsleiter

Am dramatischsten schaukelten sich die weltanschaulichen Differenzen in Bern in der Drogenfrage hoch – zu einer Sozialtragödie in aller Öffentlichkeit, wie sie heute undenkbar ist. Die Berner Innenstadt war eine scheintote Krisenzone ohne sichtbares Nachtleben, Bewegung brachte fast nur der kalte Krieg zwischen Behörden und Drogensüchtigen.

Deal beim Bundeshaus

Ab 1982 trieb die Polizei die wachsende offene Szene zwecks Wiederherstellung der öffentlichen Ordnung von der Münsterplattform in die Münster- und Herrengasse, später auf die Kleine Schanze, danach auf die Bundesterrasse unter die Augen der Bundesparlamentarier, ehe sie im Kocherpark strandete.

Auf der anderen Seite entstanden zuvor kaum bekannte zivilgesellschaftliche Aktivitäten, Freiwillige sorgten etwa mit Gassenküchen für eine Basisversorgung der Drogenabhängigen. Allerdings stilisierten sie die Junkies oft auch hoch zu Opfern der kapitalistischen Leistungsphilosophie.

Drogen wurden zum öffentlichen Topthema, und heute prominente Berner Politiker prägten den Diskurs mit: Lorenz Hess, BDP-Nationalrat und Gemeindepräsident von Stettlen, war Kommunikationschef der Stadtpolizei, Barbara Mühlheim, heute GLP-Grossrätin, leitete das Spritzentauschprojekt der Suchthilfe-Stiftung Contact.

Slums mitten in Bern

Carl Müller führt heute regelmässig angehende Sozialarbeiter durch Bern, und wenn er an der Kleinen Schanze vorbeikommt oder am Kocherpark, wo die Leute im Sommer wie in einer richtigen Grossstadt entspannt im Gras liegen, zeigt er gerne Fotos von 1991 oder 1992. «Es geht allen gleich», sagt Müller, «wer diese Bilder aus dem damaligen Kocherpark sieht, glaubt es kaum.»

Auch er selber schaut manchmal zweimal hin – obschon er, heute stellvertretender Contact-Geschäftsleiter, schon damals als Sozialpädagoge Hilfsangebote koordinierte und das Drama live miterlebte: «Es war grauenhaft, extrem, menschenunwürdig» – und im Unterschied etwa zu Slums afrikanischer Grossstädte etablierte sich das Elend in Bern mitten im Zentrum. Hätte es schon Smartphones und Instagram gegeben, das Bern-Bild wäre schwer beschädigt worden.

«Es war grauenhaft, extrem, menschenunwürdig.»Carl Müller

Hunderte Fixer vegetierten, teilweise in behelfsmässigen, sumpfigen Unterständen oder Zelten, im vor Schmutz starrenden Park, das zu lukrativen Marktpreisen verdealte Heroin war oft zu rein und dann wieder gestreckt mit Fremdsubstanzen, Todesfälle durch Überdosis gehörten zur Normalität. Logisch, dass die zentralen Standorte der offenen Drogenszene für die lokale Bevölkerung No-go-Areas waren – schon nur wegen der Kleinkriminalität.

Schub für rot-grünen Erfolg

Die Schliessung des Kocherparks war eine Erlösung. Aber nicht die Lösung. Doch man kann die Räumung als Startpunkt des drogenpolitischen Pragmatismus verstehen, der langsam mehrheits-fähig wurde. «Die 80er- und 90er-Jahre lehrten uns, dass weder Repression noch Hilfsangebote alleine die Lösung sind», sagt Carl Müller. Schrittweise entwickelten Politik und Fachleute die Viersäulenpolitik, eine Kombination aus Repression, Prävention, Therapie und Schadensminderung.

Salopp gesagt funktioniert das drogenpolitische Gleichgewicht der Kräfte so: Wenn die Polizei Ansammlungen von Drogensüchtigen, die es bis heute immer wieder gibt, auflöst, kann sie sicher sein, dass den Vertriebenen Auffangangebote zur Verfügung stehen. Auf der anderen Seite haben die Anbieter von Therapien oder Hilfestellungen die Gewähr, dass der repressive Druck ihnen die Klienten zuführt.

Die Schliessung des Kocherparks war eine Erlösung. Aber nicht die Lösung.

Eine Win-win-Situation zugunsten der urbanen Aufwertung: Als Klaus Baumgartner (SP), der erste Stadtpräsident der RGM-Ära, im Frühjahr 1993 den «cleanen» Kocherpark wieder eröffnete, legte er quasi einen Grundstein zum bis heute andauernden städtischen Entwicklungsschub. Die Verwandlung heruntergekommener Quartiere zu hippen Wohnlagen, wo sich gut situierte, oft rot-grün wählende Zuzüger niederlassen, wäre undenkbar, gäbe es noch eine sichtbare offene Drogenszene.

«Die Drogensüchtigen sind praktisch aus der öffentlichen Wahrnehmung verschwunden», bestätigt Contact-Geschäftsleiterin Rahel Gall. Aber: In den Spitzenzeiten von 1991, als über 500 Fixer aus der halben Schweiz im Kocherpark verkehrten, wurden vom Contact-Spritzentauschprojek täglich 3500 saubere Injektionsnadeln abgegeben.

Heute gibt «Contact» laut Gall im Kanton Bern immer noch jeden Tag 2500 Nadeln ab, was klar mache, «dass es im Kanton Bern nach wie vor sehr viele Leute gibt, die dauerhaft intravenös Heroin konsumieren». Ausserdem verschiebe sich der Konsum stark auf das Rauchen von Heroin, die Zahl der Heroinsüchtigen beschränke sich also nicht auf Menschen, die Nadeln brauchen. Im Unterschied zu Kocherpark-Zeiten passiert das alles in sozial und hygienisch stabilen Verhältnissen. Und nahezu unsichtbar.

Wachsam: Rahel Gall, Carl Müller, Stiftung Contact. Bild: Christian Pfander

Doch die stabile Situation sei labiler als man denke, sagt Gall. Kleinste Veränderungen machten sich sofort bemerkbar: Als vor einigen Jahren das von Abhängigen frequentierte Restaurant Traube schloss, verlängerte Contact zur Abfederung umgehend die Öffnungszeiten einiger Auffangangebote. Rasend schnell wechselten auch die Konsumgewohnheiten.

Aktuell gefragt sind in Europa eher aufputschende, leistungsfördernde Substanzen wie Kokain oder Ecstasy. Heroin gilt eher als Droge für Verlierer. In den USA indessen boomt nun plötzlich Heroin, und niemand weiss, ob dieser Trend auch auf Europa übergreift.

Heute gefragt: Drug-Checking

Das bedeutet: Contact muss seine Aufmerksamkeit ständig neu justieren. Ein relativ neues Konsumphänomen etwa ist der billige Alkohol aus den Bahnhof-Discountern, mit dem sich Jugendliche zutrinken, oft schon vor der Party, wo vielleicht dann andere Drogen im Umlauf sind. Weil die Kombination verschiedener psychoaktiver Substanzen die Gesundheitsgefahren verschärfen kann, bietet Contact an einschlägigen Partystandorten ein sogenanntes Drugchecking an, verbunden mit Beratung.

«Die Drogensüchtigen sind praktisch aus der öffentlichen Wahrnehmung verschwunden.»Rahel Gall, Contact-Geschäftsleiterin

Man kann beispielsweise eine Ecstasy-Pille auf ihre Inhaltsstoffe analysieren lassen und weiss danach etwa, wie gross die Gefahr einer Überdosis ist, wenn man gleichzeitig noch kifft. «Es geht darum, das Risiko zu minimieren», sagt Rahel Gall, «wenn schon konsumiert wird, dann wenigstens ohne unerwünschte Wirkung.»

Dass man so nüchtern über Risikoprofile von Drogen reden kann, war in der ideologischen Verhärtung zur Zeit der Kocherpark-Schliessung unvorstellbar. Genau so unvorstellbar ist es heute, dass Drogen wieder zum emotionalen Schocker werden, die Berns gesellschaftliches Klima vor 25 Jahren prägten. «Aber», warnt Rahel Gall, «es wäre ein Fehler zu glauben, dass die Situation von selber so ruhig bleibt wie sie jetzt ist.»

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