Wie der General Jegenstorf für sich einnahm

Vor 70 Jahren war der Aktivdienst zu Ende. Im Park des Schlosses Jegenstorf erinnert eine Ausstellung an den Krieg und an Henri Guisan. Der General erlebte im Schloss die letzten Kriegsmonate.

Gediegene Atmosphäre. Henri Guisan in seinem Arbeitszimmer im Schloss Jegenstorf. Die Fotografie entstand an seinem 70. Geburtstag.

(Bild: Hans von Allmen/zvg)

Peter Steiger

Ob die Nazis unser Land verschonten, weil ihnen der Preis für einen militärischen Sieg zu hoch schien, oder ob für die deutsche Kriegswirtschaft eine intakte Schweiz wichtiger war, ist umstritten. Sicher aber ist, dass General Guisan den Abwehrwillen stärkte. Die ganze Schweiz akzeptierte ihn, verehrte in gar. So auch in Jegenstorf. Dass er heute noch die Herzen bewegt, zeigte eine Sonderausstellung vor fünf Jahren zum 50. Todestag. Über 10'000 Menschen besuchten während der fünfmonatigen Schau das Schloss.

Guisan war kommunikativ, strahlte aber auch mal elitären Dünkel aus. Dass er Widersprüche in sich vereinte, akzeptierte man, weil sie zum Bild des militärischen Übervaters passten. Dieses komplexe Bild ergibt sich auch, wenn man Anekdoten aus seiner Jegenstorfer Zeit sammelt. Sie stammen aus dem Sammelband «Jegenstorf, eine Ortsgeschichte». Und aus der Biografie «General Guisan, Widerstand nach Schweizerart» von Markus Somm.

Mit Schnaps den Armeeführer gerettet. Guisan nahm ein Stück weit am Jegenstorfer Alltag teil. Er kaufte Zigaretten im Lädeli oder kehrte für einen Imbiss auch mal in einem Bauernhaus ein. Als er an einer Erkältung mit Husten litt, servierte ihm eine besorgte Bäuerin «Crambambuli», Zucker mit angezündetem Schnaps. «Das hat mir das Leben gerettet», bedankte sich der General.

Ehrenmitglied im «Frauenkorps». Der Jegenstorfer Frauen- und Töchterchor kam zu dieser militärisch verbrämten Bezeichnung, weil er mehrmals vor Guisan sang. Dieser schätzte die Darbietungen so sehr, dass er den Chor nach dem Krieg zu sich heim einlud. Noch als er in Jegenstorf lebte, ernannte ihn das «Frauenkorps» zum Ehrenmitglied.

Schubhilfe fürs Kätheli-Berthi. Im Dorf kannte man die langjährige Anzeiger-Verträgerin nur als Kätheli-Berthi. Als sie einmal an der Kirchgasse mit ihrem schwer beladenen Holzwägeli unterwegs war, rollte das Gefährt unvermittelt leichter. Der General hatte Hand angelegt und stellte sich nun vor. «So, so, bisch du jetz dr General», entgegnete das Kätheli-Berthi.

Eine Blutbuche als Friedensbaum. Am 8.Mai 1945 kapitulierte Deutschland. Um an diesen Tag zu erinnern, pflanzte Guisans Wachmannschaft wenig später eine Blutbuche. Der unterdessen gross gewordene Baum steht mitten in Jegenstorf an der Ecke Bernstrasse/Tromgässli.

Der höchste und der schönste Offizier. In Jegenstorf und anderswo genoss Guisan den Jubel der Bevölkerung. Der stramme ältere Herr wusste, dass er gut aussah. Er war so eitel, dass er seine Uniform verschönerte. Es liess sich schräge Aussentaschen ohne Klappen nähen. Das war zwar nicht ordonnanzgemäss, sah aber chic aus.

Zigarettenverbot für Fotografen. Guisan war kein Anpässler. Aber vorsichtig. Darum setzte er sich für Zensur ein. Er wollte die Nazis nicht durch kritische Schweizer Zeitungsmeldungen reizen. Auch für sich selbst beanspruchte er Einschränkungen. Der General war ein starker Raucher. Er autorisierte nur Fotos, die ihn ohne Zigarette zeigten.

Die Legende vom Feldbett.Beim Dinieren schätzte der General Stil und Etikette. Im Jegenstorfer Schloss schenkte ein Diener Wein ein, der jüngste Offizier las das Menü vor. In der Öffentlichkeit kursierte allerdings ein anderes Bild – das des anspruchslosen Soldaten. Diesem Image entsprach die Legende, dass er im Jegenstorfer Schloss auf einem kargen Feldbett schlief. Wie er tatsächlich übernachtete, ist nicht bekannt.

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