WGs und Take-away müssen raus

Bern

Seit acht Jahren betreibt Familie Kürekci den Take-away Nordring in der Lorraine. Nun steht der Imbiss vor dem Aus. Der Mietvertrag wurde nicht mehr verlängert.

Ob «Chef» oder «Kollege»: Im Nordring kennt man sich. Der beliebte Imbissladen muss Ende 2016 ausziehen.

Ob «Chef» oder «Kollege»: Im Nordring kennt man sich. Der beliebte Imbissladen muss Ende 2016 ausziehen.

(Bild: Stefan Anderegg)

Cedric Fröhlich@cedricfroehlich

Dogus Kürekci ist im Stress. Zur Mittagszeit ist das Restaurant rappelvoll. Die Gäste kennt er fast alle persönlich. Er begrüsst sie mittels Handschlag, nennt sie «Chef» oder «Kollege» und eilt dann weiter zum nächsten Tisch. «Einmal Kebabteller, einmal Taschenbrot?»

Dogus verbrachte einen Grossteil seiner Jugend hier. Der Nordring-Take-away und die Lorraine sind sein Zuhause – allerdings nicht mehr lange. Der Mietvertrag läuft aus und die Vermieterin saniert das gesamte Gebäude. Im Obergeschoss entstehen Familienwohnungen. Das Lokal im Parterre muss weichen.

Druck ist ständiger Begleiter

Nach der stressigen Mittagszeit sitzt Familie Kürekci selbst beim Essen – es gibt Suppe. Dogus überragt seine Eltern um mehr als einen Kopf. Überhaupt ist er eine imposante Erscheinung: Gross gewachsen, dichter Bart, dunkle Augen. Weil die Eltern nicht gut Deutsch sprechen, übernimmt er das Reden.

Er spricht über Existenzangst und verlorene Perspektiven: «Da ist dieser Druck, weil wir nicht wissen, wie es weitergeht. Er ist unser ständiger Begleiter.» Eigentlich wollte Dogus dereinst mit seiner künftigen Frau den «Laden» übernehmen. So wie das damals seine Eltern getan hatten.

Dervis und Cicek Kürekci hatten das Restaurant vor acht Jahren übernommen. Dogus hat immer mit angepackt – und dafür auf vieles verzichtet. Während Kollegen in den Ausgang oder an den YB-Match gingen, putzte er Tische und bediente Kunden. Nach seiner Servicelehre stieg er ganz in den Familienbetrieb ein. Vor zwei Jahren hat ihm der Vater das Geschäft vorzeitig überschrieben. Dogus fragt sich: «Soll das alles umsonst gewesen sein?»

Vermieter: «Geruch stört»

Andere Mieter hätten sich am Geruch, der vom Restaurant ausging, gestört, erklärt die Vermieterin auf Anfrage. Der schriftlichen Begründung ist zu entnehmen: «Mehrere haben deswegen sogar gekündigt.»

Das Lokal soll künftig wieder seiner ursprünglichen Zweckbestimmung zugeführt werden – früher befand sich hier eine Bäckerei. Man sei der Familie aber entgegengekommen. Tatsächlich wurde den Kürekcis gestattet, zwei Jahre länger zu bleiben. Denn eigentlich wäre der Mietvertrag bereits Ende 2014 ausgelaufen.

Dogus Kürekci schmerzt es, dass ausgerechnet Widerstand aus der Nachbarschaft kam. Ungläubig schüttelt er den Kopf: «Wir pflegten mit den Leuten immer ein freundschaftliches Verhältnis. Ich dachte zumindest, dass man sich gegenseitig schätzt.» Er fragt sich ausserdem: «Verursacht eine Bäckerei oder ein anderes Restaurant etwa keinen Geruch?»

Entscheid ist endgültig

Die Bauarbeiten haben begonnen. Die WGs in den oberen Stockwerken wurden aufgelöst. Nach Angaben des Vermieters entstehen Wohnungen für junge Familien. Die Pizzeria im Parterre hat eine Galgenfrist erhalten. Ende 2016 ist endgültig Schluss. Die Kürekcis sind konsterniert.

Vater Dervis akzeptiert die Kündigung nicht. Dogus hofft weiterhin auf eine Einigung: «Schliesslich sind wir in der Lorraine zu Hause.» Die Vermieterin betont jedoch: «Es wird nicht mehr verhandelt. Der Entscheid ist endgültig.» Der Lorraine kommt ein beliebtes Imbisslokal abhanden.

Berner Zeitung

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