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Weshalb Secondhand im Trend liegt wie noch nie

Der Secondhandhandel boomt. Zehntausende Bernerinnen und Berner haben sich in Facebook-Gruppen organisiert, sie kaufen und verkaufen, was das Zeug hält. Besonders Kinderkleider.

In Tauschbörsen auf Facebook werden hauptsächlich Kinderkleider ge- und verkauft.
In Tauschbörsen auf Facebook werden hauptsächlich Kinderkleider ge- und verkauft.

«Baby on Board» steht auf dem Heck des Autos. Der Wagen hält vor dem Gartentor in einem Wohnquartier irgendwo in der Nähe von Bern. Eine Frau in den Dreissigern steigt aus, in der Hand hält sie ein kleines Paket. Vor dem Mehrfamilienhaus öffnet sie den untersten Briefkasten, wo ein Umschlag für sie bereitliegt. Sie nimmt ihn und legt die Lieferung ins Fach. Zurück im Auto, überprüft sie den Betrag, der im Couvert liegt, und fährt davon.

Was nach einer diskreten Drogenlieferung aussieht, ist ganz normaler, legaler Alltagshandel. Im scheinbar ominösen Päckchen stecken ein Pyjama und zwei Bodys fürs Bébé. Gebraucht, aber in bestem Zustand, von der Qualitätsmarke Petit Bateau, 15 Franken. Wenn die Mutter zweier Kleinkinder drei Stunden später nach Hause kommt, wird sie das Paket freudig aus dem Briefkasten nehmen. Wieder einen guten Deal gemacht!

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Die Nachfrage ist riesig

Secondhand – das war doch mal eine Weltverbesserungsstrategie konsumkritischer Hippies? Ja, klar. Doch jetzt boomt Secondhand wie noch nie: dank den sozialen Medien. Zehntausende Bernerinnen und Berner sind auf Facebook einer oder mehreren Gruppen angeschlossen, in denen feilgeboten, gefeilscht und gekauft werden kann.

Besonders bei Kinderkleidern ist der Bedarf offensichtlich riesig, die Sachen weiterzugeben – und die Nachfrage nach günstigen Artikeln ist gross. Wer Kinder hat, weiss: Sie brauchen dauernd neue Sachen, und das geht ins Geld.

Die Gruppen sind im globalen Netzwerk Facebook lokal organisiert und werden meist von Müttern geführt, die sich damit teilweise viel unbezahlte Arbeit aufhalsen, aus Überzeugung für die gute Sache. Allein im Kanton Bern gibt es unzählige Angebote.

Zum Beispiel die Gruppe «Berner Kindersachen». Vor fünf Jahren gründete Iva Krüttli aus Port die Onlinebörse. Ihr Sohn war eben drei Jahre alt geworden, und die Familie hatte niemanden aus dem Familien- oder Freundeskreis, der die nicht mehr passenden Kindersachen hätte übernehmen können.

«Zuerst probierte ich es bei Kinderbörsen, aber der Aufwand wurde mir zu gross», sagt sie. Also gründete sie ihre Facebook-Gruppe. Aus dem Kreis einiger Freundinnen wurde rasch eine grosse Gruppe. Heute hat sie über 4200 Mitglieder. Auf ihrem Arbeitsweg zwischen Bern und Lyss verwaltet Iva Krüttli die Gruppe und bearbeitet Beitrittsanfragen.

Seit sie klare Regeln aufgestellt hat und fordert, dass jedes Inserat Fotos sowie genaue Grössen- und Preisangaben aufweisen muss, ist der zeitliche Aufwand gesunken. Auch weil der Umgangston in der Facebook-Gruppe gut ist. «Wir haben wenig Konfliktfälle und sehr disziplinierte Mitglieder», sagt Krüttli.

Betrüger und üble Anmache

Diese Harmonie ist nicht selbstverständlich bei grossen Flohmarkt-Gruppen. In der Anonymität der Masse sinkt bisweilen der Anstand, Mitglieder pöbeln sich an. Davon kann Tanya Keller, Administratorin der «Bärner Chinderbörse» mit über 10'000 Mitgliedern, ein mehrstrophiges Lied singen. Als sie die Gruppe vor zwei Jahren von der Gründerin übernahm, gab es immer wieder Probleme.

Es gab Fälle von schlechter Qualität und betrügerischer Inserate. Mitglieder mit gefälschten Profilen gaben vor, Kleider zu verkaufen, strichen aber nur das Geld ein. Männer versuchten über das Portal an Frauen ranzukommen. Zu Beginn war alles erlaubt, es wurden auch Autos gehandelt.

Heute gibt es kaum noch Probleme, doch der Preis dafür ist ein riesiger Aufwand. «Ich bin täglich eine bis zwei Stunden auf der Seite», sagt Tanya Keller. Sie prüft nicht nur jede Anfrage zum Gruppenbeitritt, auch jedes Inserat schaltet sie oder eine der anderen Administratorinnen selber frei – täglich sind es 150 bis 200 Angebote.

Weit beschaulicher geht es in der Gruppe der Bernerin Nora Grunder zu und her. Sie schätzt die Überschaubarkeit ihrer Community, die 240 Mitglieder zählt. 2016 gründete sie die Seite «Au revoir» als geheime (also für Aussenstehende unsichtbare) und geschlossene Gruppe einiger Freundinnen, dann hat sie den Zugang geöffnet. Seither wächst «Au revoir» beständig, aber langsam.

«Null Aufwand» beschere ihr die Facebook-Börse, einmal abgesehen von den Anfragen von Leuten, die aufgenommen werden möchten. Für Grunder sind die Vorzüge der kleinen Gruppe klar: «Die Leute fühlen sich nicht so anonym.» Deshalb werde nur hochwertige und saubere Ware angeboten, und der Umgang der tauschenden Mütter sei unproblematisch.

Und die tauschenden Väter? «Die gibt es. Selten. 99 Prozent sind Frauen.» Wenn es darum geht, die Kinder einzukleiden, sind die Rollen auch in der vermeintlich progressiven Stadt Bern, in der «Au revoir» aktiv ist, klassisch verteilt. Die Frau kauft ein, und der Mann sagt «Oh, hübsch», wenn sie ihm am Abend die neusten Schnäppchen aus der Briefkastenlieferung präsentiert.

Man findet einfach alles

Was sind denn die Vorzüge gegenüber dem klassischen Secondhandladen, in dem man doch die Kleider aus nächster Nähe auf ihre Fleckenlosigkeit prüfen kann? Nora Grunder selbst kauft rund die Hälfte der Kleider für ihre Kinder auf ihrer eigenen und auf anderen Secondhandseiten.

«In den Läden sind die guten Stücke immer sehr schnell weg. Auf Facebook kann ich ein bestimmtes Kleidungsstück einer bestimmten Marke in der gewünschten Grösse suchen und werde in einer der Gruppen meist fündig.»

Nicht nur die hohe Verfügbarkeit guter Kleider habe dem Secondhandmarkt Aufschwung verliehen, ist sie überzeugt: «Viele Leute hinterfragen mehr, was sie ihren Kindern anziehen wollen.» Mehr als bei sich selbst achteten Mütter darauf, ihren Kindern nachhaltig produzierte Kleider anzuziehen und der Verschwendung entgegenzuwirken.

Inwiefern der lokale Secondhandmarkt den Markt aus erster Hand unter Druck setzt, lässt sich nicht festmachen. Spezifische Umsatzzahlen sind nicht erhältlich.

Wie steht es aber um die klassischen Secondhandläden? Für Carissa Clark von der Kinderkleiderbörse Encore in der Berner Aarbergergasse sind die Facebook-Gruppen nicht bedrohlich, eher eine Ergänzung. «Auch bei uns läuft es sehr gut zurzeit. Die Leute möchten uns viel mehr Kleider bringen, als wir in den Laden stellen können», sagt sie.

700 Adressen umfasst ihre Lieferantenkartei. Sie ist gezwungenermassen wählerisch geworden, somit ist die Qualität der ausgestellten Kleidung hoch. Je nach Qualität kosten bei ihr die Secondhandstrampler, die Jacken und Röckchen 35 bis 45 Prozent des Originalpreises. Wird die Ware verkauft, erhalten die Einlieferer 40 Prozent des Erlöses. Reich wird man also trotz der grossen Nachfrage nicht mit dem Weiterverkauf von Kleidung.

Ohne Idealismus funktioniert er nicht, der Secondhandmarkt. Doch das biedere Weltverbessererimage hat er längst abgestreift. Das neue Kleid ist gewoben aus einer Mischung aus Bewusstsein für die Ware – und der guten alten Schnäppchenjagd.

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