Wenn es um Blumen geht, blüht er auf

Hinterkappelen

Jean-Denis Godet aus Hinterkappelen will den Menschen die Pflanzen näherbringen. Mit seinem neuesten Pflanzenführer lassen sich die 200 häufigsten Wiesenblumen einfach bestimmen.

Jean-Denis Godet hat den Kennerblick für die einheimischen Wiesenpflanzen wie das Scharbockskraut.

Jean-Denis Godet hat den Kennerblick für die einheimischen Wiesenpflanzen wie das Scharbockskraut.

(Bild: Raphael Moser)

Hans Ulrich Schaad

Langsam schreitet Jean-Denis Godet über den schmalen Kiesweg in der Siedlung Aumatt in Hinterkappelen. Sein Blick ist auf die Wiese gerichtet auf der Suche nach den Frühlingsboten. Im grünen Streifen sind erst wenige gelbe, weisse und blaue Punkte zu erkennen.

Godet geht in die Knie und pflückt ein paar dieser kleinen gelben Blüten. «Das ist Scharbockskraut», sagt er zu seinen Begleitern. Ein paar Meter weiter bleibt er bei einem Hahnenfuss stehen. «Ein Knolliger Hahnenfuss», präzisiert er und zeigt das besondere Merkmal, die nach unten gerichteten kelchblattähnlichen Perigonblätter.

Der 71-Jährige kennt viele Pflanzen auf Anhieb, die auf heimischen Feldern und in Wäldern wachsen. Dieses Wissen gibt er seit Jahrzehnten weiter. Früher als Gymnasiallehrer, seit rund vierzig Jahren auch in Form von Pflanzenführern, die er im eigenen Verlag Arboris herausgibt. Der Führer «Bäume und Sträucher» etwa sei in über einem Dutzend Länder vertrieben worden, ergänzt er.

Sieben Jahre Arbeit

In diesen Tagen ist sein neuester Pflanzenführer erschienen unter dem Titel «Einheimische und eingewanderte Wiesenpflanzen». «Ich bin erleichtert, dass das Buch endlich da ist», sagt er. Darin stecken sieben Jahre Arbeit. Er hat alles selber gemacht: Pflanzen präpariert, fotografiert, Bilder bearbeitet, möglichst einfache Texte zusammengestellt. Pro Pflanze betrug der Aufwand rund 25 Stunden.

«Es wäre zu teuer gewesen, das durch eine externe Firma zu machen.» Im vergangenen Frühling habe er das Projekt wegen gesundheitlicher Probleme beinahe abbrechen müssen. Er befand sich an einem Tiefpunkt. Aber er hat sich zurückgekämpft: «Ich lasse mich durch Rückschläge nicht entmutigen.»

Einfacher Schlüssel

Im Pflanzenführer sind die 200 häufigsten Wiesenpflanzen beschrieben, die zwischen Mittelland und Bergstufen vorkommen. In jenem Gebiet, wo das Gros der Bevölkerung lebt. «Ich wollte zuerst nur 100 Arten erwähnen», blickt Godet zurück. Aber der deutsche Verlag, mit dem er zusammenarbeitet, habe gefordert, dass es mindestens 200 sein müssten. Am Schluss konnte er sogar auswählen. Er hatte die Unterlagen für 250 Pflanzenarten zusammengestellt.

Bei den meisten Blumen braucht es zwei bis vier Merkmale, um sie zu bestimmen. Mit dem neuen Pflanzenführer soll das innerhalb von rund einer Minute möglich sein. Nach einem Einführungsteil mit den wichtigsten Angaben zum Aufbau einer Pflanze folgt der Bestimmungsschlüssel. Er ist nach Blütenfarben geordnet. Kleine Fotos von Blüten und Blättern erlauben eine enge Eingrenzung der Art. Im Hauptteil sind die 200 Pflanzenarten detailliert beschrieben, mit Nahaufnahmen von Blättern, Blüten, Früchten und Stängelquerschnitten. Selbst die kleinsten Härchen sind auf den Makroaufnahmen zu erkennen.

App ist in Vorbereitung

Die 1. Auflage des neuen Pflanzenführers beträgt 7000 Exemplare. 4000 gehen direkt an den Partnerverlag in Deutschland. Daneben hat auch die Lehrmittelzentrale Zürich Bücher bestellt. Godet hofft, dass bis zum Herbst alle Exemplare verkauft sind. Er ist sich aber bewusst, dass die Leute heute eher kein Pflanzenbuch mit auf den Spaziergang nehmen, sondern zum Smartphone greifen und die Blume mittels einer App bestimmen. «Mein Material und die Daten werden ebenfalls in eine App einfliessen», sagt er. Die Vorbereitungen laufen bereits. Das Ziel sei es, die App in rund einem Jahr zu lancieren.

Jede Art ist wie hier der Rote Fingerhut detailreich abgebildet. Foto: PD

Der Autor hat auch seine Lieblingsblume: Es ist die weisse Acker-Kratzdistel. Sie ist in der Schweiz nur sehr selten anzutreffen. «Ich habe sie erst an einem Standort beim Berner Forsthaus entdeckt», sagt er. Besonders eindrücklich sei die Blüte, «weiss wie ein Hochzeitskleid». Als «edles Kraut» bezeichnet er die Dunkle Akelei, mit ihren feinen und wunderschönen Blüten. Aufgeführt sind im Buch ebenfalls die Neophyten. «Es wäre gut, wenn sie ausgerissen werden, bevor sie absamen», sagt der Fachmann. Denn diese Arten sind aggressiv und gefährden die einheimische Flora.

Das Pflanzengen

Woher kommt Godets Passion für die Pflanzenwelt? «Ich bin schon als Achtjähriger von Blumen fasziniert gewesen», erzählt er. Diese Faszination sei geblieben. Vermutlich trage er ein Pflanzengen, und er verweist auf seinen Ururgrossvater Charles-Henri Godet (1797 bis 1879).

«Ich bin schon als Achtjähriger von Blumen fasziniert gewesen.»Jean-Denis Godet

Er war ein bedeutender Botaniker des 19. Jahrhunderts und widmete sich der regionalen Flora, unter anderem mit dem Werk «Flore du Jura». Er hat ein umfangreiches Herbarium angefertigt. Das Material habe mehr als zwei Lastwagen gefüllt, sagt Jean-Denis Godet.

Biodiversität fördern

Ihm geht es mehr als nur um das Kennen der einheimischen Wildpflanzen. «Wir müssen die Biodiversität fördern.» Als Beispiel nennt er das Aussäen einer Wildkräutermischung. Quadratmeterweise in einer Ecke des Gartens reiche. Wenn viele Leute das befolgten, entstehe ein ganz neues Netz. «Wer eine solche Fläche im Sommer beobachtet, entdeckt viele Insekten, die dort herumschwirren und sich vom Nektar ernähren.» Die Samen sollen im Sommer gesammelt und im nächsten Frühling in neue Flächen ausgesät werden. Und er hat ein Zitat von Jeremias Gotthelf leicht abgewandelt: «Im Kleinen muss beginnen, was leuchten soll im Schweizerland.»

Jean-Denis Godet: Einheimische und eingewanderte Wiesenpflanzen, 448 S. ISBN 978-3-905039-19-1. 29.50 Fr. Erhältlich im Buchhandel oder per E-Mail arboris@bluewin.ch.

Berner Zeitung

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