Wenn es im Hotel hämmert

Bern

Lärm, Chaos und Reklamationen – das bringt eine Baustelle in Hotels meist mit sich. Daniel Siegenthaler vom Hotel Bern weiss damit umzugehen, denn sein Hotel wird derzeit bei laufendem Betrieb saniert.

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Claudia Salzmann@C_L_A

Lastwagen behindern Velofahrer, Gabelstapler blockieren Passanten, der Kran begeistert die Kinder. Derzeit ist es eng in der Zeughausgasse, ein immenses Baugerüst hüllt das Hotel Bern ein, geschäftige Bauarbeiter tragen mit vereinten Kräften Material ins Haus. Die Baustelle verschluckt nicht nur sie, sondern auch ankommende Touristen mit Rollkoffern.

«Wir sind gegenüber unseren Gästen mit den Informationen zum Umbau sehr transparent, damit es nicht unnötige Reklamationen gibt.»Daniel Siegenthaler, Direktor Hotel Bern

Das Hotel wurde nicht stillgelegt, sondern wird bei laufendem Betrieb umgebaut. «Wir sind gegenüber unseren Gästen mit den Informationen zum Umbau sehr transparent, damit es nicht unnötige Reklamationen gibt», sagt Direktor Daniel Siegenthaler. Dafür scheut er keinen Mehraufwand: Das Hotel wird in zwei Etappen umgebaut. Eine Hälfte des Hauses nach der anderen. 51 Zimmer sind seit Juli fertig und schon wieder bewohnt. Jetzt ist die andere Haushälfte dran, und im Frühling kommen alle Zimmer in modernem Mobiliar und Material daher.

93 Prozent Auslastung

Treffpunkt für den Rundgang ist das Restaurant Volkshaus, das zum Hotel Bern gehört. Daniel Siegenthaler trinkt Espresso, vor ihm liegen Illustrationen des neuen Hotels.Trotz weniger Arbeit im Housekeeping musste er niemanden entlassen. Das wäre wohl schlecht angekommen bei den Vorgesetzten, denn die Gewerkschaft Unia ist Mehrheitsaktionärin des Hotels. Die frei gewordenen Ressourcen setzt Siegenthaler für die Baustellenreinigung ein. Nicht nur das: Derzeit läuft die Rekrutierung, da er 15 zusätzliche Vollzeitstellen besetzen kann. Bald ist sein Espresso leer, der Rundgang beginnt mit einem Umweg durch die Küche, um den Chef’s Table herum. Dieser sei mehrere Male pro Woche besetzt. Hier essen Gäste mitten in der Küche, hinter den Kulissen quasi.

Hinter die Kulissen geht es auch bei der Besichtigung. Wegen der Arbeiten ist alles ein bisschen anders: Der Lieferanteneingang ist derzeit der Eingang für Hotelgäste. Natürlich liess ihn Siegenthaler aufmotzen, der Gast ist schliesslich König. Die provisorische Lobby befindet sich im zweiten Stock, wo gerade fröhliche Italiener mit überdimensionalen, bockigen Koffern aus dem Lift steigen. Wer die Lobby vorher nicht kannte, denkt, dass sie immer hier war. Die neue Lobby im Erdgeschoss sollte Mitte Oktober fertig sein, fünf Meter tiefer und übersichtlicher daherkommen.

Stolz zeigt Daniel Siegenthaler die neuen Zimmer. Die Einzelzimmer wurden vergrössert, sodass sie nun zwei Personen beherbergen können. Schränke, Lampen, Tischchen – alles ist zu kleeblattähnlichen Formen abgerundet, um sich von anderen Hotels abzuheben. «Die neuen Fotos bescherten uns einen deutlichen Anstieg der Buchungs­zahlen», sagt Siegenthaler.

Überhaupt sei trotz der Baustelle die Auslastung der Zimmer gut gewesen. Im August lag sie bei93 Prozent, im September und bis Ende Jahr rechnet er mit ähnlichen Zahlen. Die Zimmer verkaufen sie dank zahlreichen Stammgästen direkt auf der eigenen Website. Aber auch über Internetplattformen wie Booking: «Doch wir beobachten genau. Als YB die neuen Gegner der Europa League zugelost bekam, haben wir innert Minuten Preise angepasst.»

Verlottertes Haus sanieren

Beim Umbau sei es zu keinen Verzögerungen gekommen, aber einem überraschenden Erweiterungsbau: Auf der Hofseite des Hotels befindet sich eine private Liegenschaft, die seit fünfzehn Jahren nicht mehr bewohnt ist und verlottert. «Es war kein schöner Anblick, die Tauben haben alles in Beschlag genommen», so Siegenthaler. Eine gute Gelegenheit für Siegenthaler, mit den privaten Besitzern das Gespräch zu suchen. Auch weil für die laufenden Bauarbeiten bereits ein Kran aufgestellt war und es sich deshalb anbot, dieses Gebäude gleichzeitig zu sanieren. Bis zweieinhalb Millionen Franken werde von den beiden Privatbesitzern in die Gebäude­hülle investiert. Den Innenausbau bestreitet das Hotel Bern im Baurecht und investiert zusätzlich eine Million Franken. So erhöht sich die Zimmerzahl um 9 auf insgesamt 116 Zimmer.

Der Rundgang geht weiter die noch staubige Treppe hoch. Siegenthaler zählt derweil seine Stationen auf. Ausser Atem kommt er nicht, schliesslich ist er Marathonläufer. Am Samstag bestritt er den Jungfrau-Marathon. Er kennt das Hotel Bern seit langem, absolvierte Koch- und Servicepraktikum hier. So wusste er genau, wie er die Küche umbauen musste, damit die Laufwege kürzer wurden. Der Umbau startete im Frühling 2018 mit der Küche im zweiten Stock undder Renovation des Restaurants Volkshaus.

Ruhigere Zeiten

Diese Küche im Obergeschoss wird ab Februar für Kongresse eingesetzt. Der Frühstücksraum daneben sieht steril aus. Aber wer durch die Türe in die dahinterliegende Baustelle tritt, weiss, warum: Das ist auch ein Zusatzbau für die Gäste, damit sie je nach Lust und Laune auch in Pantoffeln zum Zmorge erscheinen könnten. Das Frühstück wird im Normalfall im Volkshaus angeboten, derzeit müsste man das Haus verlassen und durch Regen und Kälte ins Volkshaus marschieren. Ein Hoteldirektor lässt das nicht zu.

Hotels in der eigenen Stadt beachtet man wenig, schliesslich hat man daheim das eigene Bett. Aber im Hotel Bern entsteht auf der Dachterrasse im 8. Stock mit einer Bar mit einer 300-Qua­dratmeter-Terrasse eine neue Attraktion, die auch Berner interessieren dürfte. 50 Personen dürften sich hier aufhalten, 30 Sitzplätze sind geplant. Drinnen hält man sich wiederum an abgerundete Formen und schönes Holz. Durch die grossen Fenster wird man über die Altstadt zu den Alpen blicken.

Das zeigen die Illustrationen, die Siegenthaler noch immer bei sich trägt. Noch ist die Terrasse überstellt, doch schon im Dezember soll alles fertig sein, ein passendes Konzept gleise man derzeit auf. «Dieses neue Herzstück muss entsprechend eingeweiht werden», sagt Siegenthaler. Beim Abstieg steigt man über Rohre, kurvt um Bauarbeiter herum und duckt sich unter einem Kabel hindurch. Bald verstummt die laute Baustelle hinter der Türe. Es riecht nach Geschmortem. Im laufenden Betrieb umzubauen, hat es in sich. Nicht nur der Hoteldirektor, wohl das ganze Team freut sich auf ruhigere Zeiten und weniger Umwege.

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