Zum Hauptinhalt springen

Wenn die Stadt auf Provinz macht

Ja, es gibt sie: Menschen, die noch nie an der BEA waren.

Die BEA als Publikumsmagnet: Am Eröffnungstag lachte noch die Sonne.
Die BEA als Publikumsmagnet: Am Eröffnungstag lachte noch die Sonne.
Keystone

Diese Messe ist eine Premiere für mich. Es regnet aus allen Himmelsrichtungen, Whirlpools dampfen einsam in die Regenluft, das Riesenrad dreht leer vor sich hin. Die BEA mache mehr Spass, wenn es trocken ist, wurde mir mehrfach versichert. Die wenigen Abgehärteten lassen sich Gartenmöbel aus Korb­geflecht zeigen, ich flüchte mit der verweichlichten Mehrheit ins Trockene. Hier drängen sich Menschen zwischen Wurstredli und Waschmaschinen, hier ist etwas los.

Zieht man vom Land in die Stadt, merkt man ziemlich schnell: Es gibt vermutlich wenig, worüber Städter lieber spötteln, als die Provinz. Ein wenig kleingeistig sei man dort, räumlich und mental weit entfernt von allem, das den Namen Kultur verdient hat, dafür vernarrt in Landwirtschaft und Vereinsleben.

Doch mit der BEA verliert Bern jeglichen Anspruch auf Urbanität: Die grösste Messe der Stadt mutet an wie eine Mischung aus Trachtenzmorge, Tag der offenen Tür der lokalen Feuerwehr, Spaghettiessen des Damenturnvereins und morgendlichem Stallrundgang – beziehungsweise wie eine sorgfältige Inszenierung all dessen, eine Art zeitgenössisches Ballenbergmuseum.

Man nehme beispielsweise das sogenannte Grüne Zentrum, eine Halle, in der man lernen kann, dass Schweizer Bauern den Boden nachhaltig bewirtschaften und Milch starke Knochen macht: Da wachsen tellergrosse Kopfsalate in 40 Zentimeter Humus auf Betonboden, Stangenbohnen strecken sich nach dem Neonlicht der Deckenbeleuchtung, und vor einem Landhaus aus Pappkarton steht ein glücklicher Landwirt aus Pappkarton.

Aufgewachsen in einem Dorf im Nirgendwo, muss ich sagen: Doch, im Grossen und Ganzen habt ihr das gut getroffen. Damit ich tatsächlich Authentizität attestieren kann, dazu fehlen mir jedoch ein paar Details wie sterbende Dorfläden, wuchernde Einfamilienhaussiedlungen und die Bushaltestelle mit Fahrplan im 2-Stunden-Takt.

Ein merkwürdiges Biotop ist auch die BEA-Woman, eine Sonderschau, an der frau «fast alles findet», was sie will. Glaubt man der BEA, sind das Küchen­maschinen, Tupperware und Styling. Ich hintersinne mich, wie eine solche Ausstellung zustande kommen konnte, während in den Kinos derselben Stadt «Die göttliche Ordnung» die Gemüter bewegte.

Der Fairness halber muss erwähnt werden, dass auch ein Selbstverteidigungskurs für Frauen und Mädchen mit einem Stand vertreten ist – dennoch ist die geballte Ladung an Klischees schwer erträglich. Hostessen wollen mich frisieren und enthaaren – ich flüchte.

Besser ergeht es der jüngeren Generation: An der Tunbern.ch dürfen explizit auch Mädchen in Wissenschaft und Technik eintauchen. Ein Junge versucht gerade, am Computer eine Brücke zu konstruieren, und mit Bedauern wird mir bewusst, dass ich für die wohl interessanteste Ecke der BEA mit Ü-13 zu alt bin.

Nach Irrungen durch Hallen voller Haushaltsgeräte, von denen ich nicht wusste, dass sie existieren, stehe ich rund zehn Minuten vor der Kuh Elsa, die mit ihren schönen Augen an mir vorbeischaut. Genug der Parallelwelten! Zum Glück fährt das Tram hier alle sechs Minuten.

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch