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Wenn der Böötlerspass aus dem Ruder läuft

In diesem Hitzesommer wird die Aare für immer mehr Gummiböötler zum Freizeitparadies. Der Boom hat aber seine Schattenseiten. Er verschärft nicht nur das Abfallproblem, sondern bedroht auch den Naturschutz.

Eine ganze Armada von Hobbykapitänen lässt sich im seit Wochen andauernden Hitzesommer tagtäglich die lauwarme Aare hinuntertreiben.
Eine ganze Armada von Hobbykapitänen lässt sich im seit Wochen andauernden Hitzesommer tagtäglich die lauwarme Aare hinuntertreiben.
Iris Andermatt
An Wochenenden ist der Andrang so enorm, dass es an einigen Hotspots auf dem Wasser schon mal zu Stau kommt.
An Wochenenden ist der Andrang so enorm, dass es an einigen Hotspots auf dem Wasser schon mal zu Stau kommt.
Iris Andermatt
Bevor der Böötlerboom zum ernsthaften Problem für den Naturschutz wird, will der Kanton künftig noch mehr den Kontakt zu den Bootsvermietern suchen und sie stärker in die Prävention einbeziehen.
Bevor der Böötlerboom zum ernsthaften Problem für den Naturschutz wird, will der Kanton künftig noch mehr den Kontakt zu den Bootsvermietern suchen und sie stärker in die Prävention einbeziehen.
Iris Andermatt
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Gummiboote, Luftsessel, Stand-up-Paddle-Surfbretter, Riesenflamingos, ja sogar ganze Party-Luftflosse samt Minibar und Musikboxen – es gibt praktisch keinen aufblasbaren Untersatz, den man dieser Tage auf der Aare zwischen Thun und Bern nicht sieht.

Eine ganze Armada von Hobbykapitänen lässt sich im seit Wochen andauernden Hitzesommer tagtäglich den lauwarmen Fluss hinuntertreiben. An Wochenenden ist der Andrang jeweils so enorm, dass es an einigen Hotspots auf dem Wasser schon mal zu Stau kommt.

Einer dieser Hotspots ist Muri. Hier scheint die Sonne auch abends noch lange ans rechte Ufer. Hier finden sich gleich mehrere idyllische Brätlistellen. Hier gibt es ganz in der Nähe sogar ein Flussbad mit sanitären Anlagen und Restaurant. Kurz: Hier lässt es sich kurz vor Bern und somit vor Ende des spassigen Böötler­abenteuers noch ein letztes Mal gemütlich verweilen.

Weil die besten Plätze bei so vielen Leuten aber oftmals schnell vergeben sind, steuern manche gleich direkt das linke Ufer an. Dort ist es ab dem späten Nachmittag nicht mehr ganz so heiss wie auf der ­anderen Seite, und es bietet erst noch eine hübsche, strandartige Landschaft.

Vögel fühlen sich bedroht

Was viele jedoch nicht wissen – oder nicht wissen wollen: Diese Zone ist für Menschen tabu, denn hier – unterhalb des Flughafens Belpmoos – befindet sich das Naturschutzgebiet Selhofen Zopfen. «Früher betrat dieses Gebiet niemand», sagt Franziska von Lerber von der Abteilung Naturförderung beim Kanton.

«Es ist nicht aus­zuschliessen, dass wir eines Tages zum Verteilen von Bussen übergehen müssen.»

Franziska von Lerber

Vor ein paar Jahren wurde der Abschnitt im Zuge von Renaturierungsmassnahmen dann von den bis dahin bestehenden Betondämmen befreit. Seither hat sich das Ufer geöffnet – und ist damit viel zugänglicher geworden. Das zieht vermehrt auch Gummiböötler an, die fürs Picknick, die Grillpause oder das Sonnenbad kurz an­legen.

Das Problem dabei: Das Schutzgebiet ist die Brutstätte von seltenen Vögeln. «Wenn sich die Tiere bedroht fühlen, flüchten sie vom Nest, und die Brut geht kaputt», sagt von Lerber. Die anlegenden Böötler stellen deswegen eine Gefahr dar, zumal sie derzeit in immer grösserer Anzahl am Ufer anlegen. Zahlen gibt es für die aktuelle Saison zwar nicht. «Ich nehme aber an, dass es dieses Jahr deutlich mehr sind als in einem Durchschnitts­sommer.»

Schilder werden ignoriert

Zwar weisen am linken Aareufer sowie auf der Steininsel inmitten des Flusses Warnschilder auf das Zutrittsverbot hin. Diese werden von einigen Böötlern aber grosszügig ignoriert. Seit drei Jahren setzt der Kanton deshalb in regelmässigen Abständen und besonders an Hitzetagen extra sogenannte Ranger ein – eine Art Aufpasser, die vor Ort patrouillieren, die Böötler auf das Verbot hinweisen und sie fortschicken

Wegen der relativ neuen Situation wolle man im Moment noch auf den Dialog setzen, sagt von Lerber. «Es ist aber nicht auszuschliessen, dass wir eines Tages zum Verteilen von Bussen übergehen müssen.» Denn durch das stark steigende Angebot an Bootsvermietungen seien die Gummiböötler in der letzten Zeit und gerade «in diesem krassen Jahr deutlich mehr geworden».

«Diese Ecke gehört nun einmal den Tieren.»

Franziska von Lerber

Bevor der Böötlerboom zum ernsthaften Problem für den Naturschutz wird, will der Kanton künftig noch mehr den Kontakt zu den Bootsvermietern suchen. «Sie sollten bei der Prävention eine noch deutlichere Rolle einnehmen und die Leute informieren», so von Lerber. Zudem soll die Signalisation noch verbessert werden – obwohl man auch keinesfalls einen «Schilderwald» wolle.

Immerhin: Grössere durch Menschen verursachte Verluste von Vögeln sind laut Franziska von Lerber bisher nicht festgestellt worden. «Die Hauptbrutzeit war bereits vom Mai bis Juli», sagt sie.

In diesen Monaten sei der Andrang noch deutlich kleiner gewesen als derzeit. Dazu komme, dass es für viele Böötler zwar verlockend sei, an den Ufern des Naturschutzgebietes anzu­legen – wenn die Ranger sie auf das Verbot ansprächen, würden die meisten aber spuren.

«Ein grosser Teil der Leute zeigt Verständnis und hält sich daran», sagt von Lerber. Zu Diskussionen komme es in der Regel nur, wenn Alkohol im Spiel sei, denn «je näher bei Bern, desto höher ist der Pegel». Bei unbelehrbaren Böötlern haben die Ranger die Anweisung, die Polizei einzuschalten. So weit ist es laut von Lerber bisher aber nie gekommen. Sie hofft, dass dies auch weiterhin nicht nötig sein wird und die Leute das Gebiet künftig gleich ganz umfahren. «Diese Ecke gehört nun einmal den Tieren.»

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