Wenn das eigene Gesicht zum Kunstwerk wird

Bern

Tobias Andreas Minder zelebriert seine etwas andere Lebensform: Der 30-jährige Berner hat an seinem ganzen Körper über 80 Tattoos, sogar im Gesicht.

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Claudia Salzmann@C_L_A

Man kann gar nicht anders als Tobias Andreas Minder anzustarren. Mit seinem tätowierten Gesicht und mindestens 80 weiteren Tattoos über seinen ganzen Körper verteilt, zieht er die Blicke nur so auf sich. Dabei ist der 30-Jährige eigentlich nicht der Typ, der gerne im Mittelpunkt steht.

Küchenutensilien und Tattoos

«Als ein Freund vor mehr als einem Jahrzehnt das erste Tattoo hatte, da wusste ich bereits, dass es mich packen würde», erzählt der gebürtige Berner. So kamen mit den Jahren immer mehr dazu und heute sind lediglich einige handflächengrosse Stellen, die hinteren Oberschenkel, das Gesäss, die Fusssohlen und die Handflächen noch nicht tätowiert. «Die freien Stellen sind aber auch schon verplant, nur habe ich noch keine Zeit gehabt, meine Idee umzusetzen», strahlt er.

Derzeit arbeitet er jeweils morgens im Küchen Laden an der Kramgasse in der Unteren Altstadt. Nachmittags arbeitet er im Studio «Calvaria Tattoo», das er mit zwei Freunden betreibt, nur wenige Häusernummern weiter oben. Sein Leben alleine mit Stechen zu finanzieren, wäre schwierig. Auch weil die Konkurrenz in der Stadt Bern riesig sei.

Schon in seinen Kindertagen zeichnete er ausgiebig und fing später eine Ausbildung als Tätowierer an. Zum ersten Mal sich selber gestochen, hat er noch in der Ausbildung. Sein damaliger Chef sei gar nicht zufrieden gewesen, weil er ihm die Erlaubnis noch gar nicht dafür gegeben hat. Gelungen sei das Tattoo auch nicht.

Doch anders als bei den meisten Menschen bleiben Minders Tattoos nicht ewig und gleich. Sein rechter Oberarm beispielsweise stellte er Kollegen als Übungsmöglichkeit zur Verfügung. Ein Grossteil des Armes wird nun mit schwarzer Farbe abgedeckt werden. «Ich habe auch kein Lieblingstattoo, der Körper als Ganzes zählt», erzählt der Tätowierer.

Karma und Kampf

Wer Tobias Andreas Minder gegenüber steht, dem fällt es schwer, den Blick von seinem Gesicht zu lösen. Immer wieder entdeckt man ein neues Bild oder ein neues Wort. Sogar im Bart und auf der Kopfhaut unter der 5-Milimeter-Frisur lugt hie und da ein Bild heraus. «Am meisten gelitten habe ich beim Tattoo über der Lippe», schildert er seine schlimmsten Schmerzen. Da habe er sich gefragt, warum er das eigentlich mache. Wörter wie Karma und Fight (Kampf) stechen ins Auge, aber auch zwei blaue Tränen, die aus den echten blauen Augen zu laufen scheinen.

Wie viele Wörter, wie viele Tattoos er hat und wie viele Stunden er liegend verbracht hat, hat Tobias schon lange aufgehört zu zählen. Mehrere stammen von ihm selber, doch in seinem Gesicht haben nur seine Freunde gestochen. «Tattoos im Gesicht sind für unsere Gesellschaft eine Grenzüberschreitung, das ist klar» erzählt er. Auch seine Eltern hätten Zweifel und seinen Grosseltern würde es auch nicht gefallen, obwohl sie immer nach seiner Arbeit fragen würden.

Fotos und Provokation

«Auf der Strasse werde ich selten angesprochen, aber manchmal versuchen mich Leute heimlich zu fotografieren», schildert er. Das störe ihn. Im Ausgang, wenn sich die Leute «Mut» angetrunken haben, dann kommen sie auf ihn zu, um zu reden. Andere wiederum fühlen sich von ihm provoziert und wollen sich an ihm messen.

Auch von älteren Generationen bekomme er Rückmeldungen, im Küchenladen seien sie meist interessiert, doch er habe auch schon an den Kopf geworfen bekommen, dass es eine Frechheit sei, so rumzulaufen.

Frauen hingegen scheint es zu gefallen: Seine Freundin lernte er an einem Zafaraia-Fest kennen, sie wurde zuerst seine Kundin im Studio und heute sind sie ein Paar. Gegenseitig haben sie sich ein Tattoo gestochen.

Abwechslung und Arbeit

Wie sich sein Körper im Alter verändern wird, darauf sei Tobias gespannt. Doch er rechnet nicht mit heftig anderem Aussehen. Genaue Vorstellungen, welche Tattoos er nachstechen und betonen will, hat er bereits. Ob er sein Leben lang als Tätowierer arbeiten werde, stellt er aber in Frage. «Ich mag die Abwechslung», erzählt der ehemalige Bauarbeiter.

Dass eine Arbeit oder eine Wohnung zu finden mit seiner Lebensform nicht einfach sei, gibt er offen zu. Bei Bewerbungen schicke er absichtlich das Foto mit, um spätere Situationen zu vermeiden, dass er eingeladen werde und man dann abwinke. Bei der Wohnungsuche habe seine Freundin sich umgeschaut, und mit der momentane Vermieter habe kein Problem mit Minders Aussehen.

Bernerzeitung.ch/Newsnetz

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