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Weltverbesserer? Nein, danke!

Der Berner Professor Peter Messerli ist vom UNO-Generalsekretär persönlich zum Co-Leiter des ersten Welt­nachhaltigkeitsberichts berufen worden. Bern steigt damit in die Champions League der Nachhaltigkeitsforschung auf.

«Jetzt gilt es ernst»: Peter Messerli, Nachhaltigkeitsforscher.
«Jetzt gilt es ernst»: Peter Messerli, Nachhaltigkeitsforscher.
Beat Mathys

Peter Messerli (50) lehnt sich ein paar Sekunden in den Stuhl zurück, als wolle er seinen Worten mit Körpereinsatz zusätzlichen Schwung geben. Rasant legt er dann eine Argumentationskette in den Raum, die globale Fragen mit lokaler Lebensrealität verknüpft, und man kann fast nicht anders, als sich mitreissen zu lassen. Messerli versteht, dass man beim Wort Nachhaltigkeitsbericht an einen unverbindlichen Katalog voller frommer Wünsche für die Weltverbesserung denkt.

«Nichts ist falscher als das», entgegnet er. Messerli ist Professor für nachhaltige Entwicklung und Co-Direktor des Center for Environment and Development (CDE) der Universität Bern. «Nachhaltigkeit heisst eigentlich: Dorthin schauen, wo es wehtut.» Auf der anderen Seite der Welt, aber auch vor der eigenen Haustür. Anders gesagt: Er möchte dazu beitragen, dass der ab­genutzte Begriff Nachhaltigkeit die Harmlosigkeit verliert.

Aber Weltverbesserer? Nein, danke.

Mail von Ban Ki-moon

Er habe schon leer geschluckt, gibt Messerli zu, als er kurz vor Weihnachten in seiner Mailbox eine Nachricht des inzwischen zurückgetretenen UNO-Generalsekretärs Ban Ki-moon vorfand. Messerli wurde berufen, nebenamtlich zusammen mit der Indonesierin Endah Murniningtyas ein 15-köpfiges Expertenteam zu leiten, das 2019 den ersten Weltnachhaltigkeitsbericht vorlegen soll. Geht es nach Mes­serli, sollen in dem Report auch Dinge stehen, die in Peking, Washington, Delhi vielleicht nicht gern gelesen werden: «Die Wissenschaft hat die Chance und die Pflicht, Fakten unabhängig von politischen oder ökomischen Interessen darzulegen.»

Peter Messerlis neuer Job hängt eng zusammen mit der ­sogenannten globalen Agenda 2030. Salopp gesagt ist die Agenda 2030 ein Update der Millenniumsentwicklungsziele, mit denen die UNO bis 2015 beispielsweise die extreme Armut weltweit halbieren wollte. Nun haben sich die UNO-Staaten auf ein Pflichtenheft verständigt, das bis 2030 eine nachhaltigere Welt in 17 Punkten anstrebt. Der zen­trale Gedanke: Wirtschaftswachstum muss neu mit dem Ressourcenverbrauch verknüpft werden. Das zentrale Problem: Niemand weiss genau, wie man das hinkriegt. Hier beginnt Mes­serlis Job: Das von ihm geleitete Gremium soll wissenschaftliche Grundlagen zur Umsetzung der Agenda 2030 bereitstellen.

Eine Herkulesaufgabe? «Eine grosse Challenge, vor der ich Respekt habe», sagt Messerli: «Aber es ist der Moment, Verantwortung zu übernehmen, zu zeigen, was unsere Arbeit wert ist. Jetzt gilt es ernst. No bullshit.»

«Keine Ahnung»

Im Prinzip, sagt er, wisse man heute ziemlich viel darüber, wie man die Welt verbessern könne. «Wir wissen, wie Armut zu reduzieren wäre. Wie die Bildung verbessern. Wie mehr Nahrungsmittel produzieren. Aber eine effi­zientere Landwirtschaft, die weder die Artenvielfalt verschlech­tert noch mehr Treibhausgase ausstösst, und gleichzeitig den Kleinbauern die Landrechte sichert? Da haben wir keine Ahnung.» Das ist harter Messerli-Sound, der wehtun kann.

«Jetzt ist der Moment, ­Verantwortung zu übernehmen.»

Peter Messerli

Und er fährt gleich weiter: «Die Globalisierung ist an einem ­Wendepunkt», sagt er, «man tendiert dazu, sich mental in nationale Grenzen zurückzuziehen.» Messerli findet das falsch. Und holt eine Statistik auf den PC-Bildschirm, die zeigt: Vom Boden, der gebraucht wird, um die in der Schweiz konsumierten Güter herzustellen, liegen 86 Prozent im Ausland. «Dieser Verantwortung», glaubt er, «können wir uns nicht einfach entziehen.»

Nachhaltigkeits-Hotspot Bern

Nachhaltigkeit macht zwar gerade eine Karriere bis an die UNO-Spitze. Aber als man vor ungefähr 30 Jahren in Bern am Geographischen Institut ernsthaft begann, sich damit auseinanderzusetzen, wurde sie als Birkenstock-Wissenschaft belächelt. Trotzdem entwickelte man hartnäckig einen Nachhaltigkeitsbegriff, der politische Fragen einbezieht. Und der unideologisch an lokale Gegebenheiten angepasst wird.

Die Universität Bern hat diese Nachhaltigkeit zum Themenschwerpunkt gemacht. Das Forschungszentrum, das Messerli leitet, beschäftigt heute gut 100 Mitarbeitende und finanziert sich zu 80 Prozent aus Drittmitteln – wie ein KMU, dessen Wissen global gefragt ist. Die grosse «Future Earth»-Initiative etwa hat weltweit 20 grosse Forschungsprojekte zu globalem Wandel aufgelegt, bei dreien wurde die Leitung in den Nachhaltigkeits-Hotspot Bern vergeben.

Energie aus Laos

Demnächst reist Peter Messerli in den Norden von Laos, wo er jahrelang lebte und heute mit laotischen Partnern ein Forschungsprojekt betreibt. Chinesische ­Investoren sind daran, den traditionellen Brandrodungsfeldbau im Urwald mit Kautschuk-Monokulturen zu ersetzen.

«Die Globalisierung ist an einem ­Wendepunkt.»

Peter Messerli

Als Nachhaltigkeitsforscher wolle er nicht das Rad zurückdrehen, sagt er, sondern Wissen einbringen: Was machen Monokulturen mit der Fruchtbarkeit der Böden? Was passiert mit der Armut, wenn Kleinbauern verdrängt und zur Abwanderung in die Städte gedrängt werden?

Man kann sich den robusten, leutseligen Messerli, Vater dreier Jugendlicher, bestens vorstellen, wie er mit Einheimischen über monsunfeuchte Böden stiefelt. «Von solchen Reisen komme ich immer voller Power zurück, weil ich spüre, dass ich etwas bewegen kann.» Man kann sich ihn auch bestens vorstellen, wie er krawattiert im New Yorker UNO-Sitz aufkreuzt und mit tropischer Energie die Teilnehmer der staubtrockensten Sitzung mitreisst. Nachhaltig.

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