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Weltpolitik in Schwarzenburg

Es geht ein tiefer Graben durch die eritreische Gemeinschaft in der Schweiz. Deutlich wurde das am Wochenende in Schwarzenburg, wo Oppositionelle gegen ein grosses Fest regierungsnaher Eritreer demonstrierten.

Sie äusserten ihren Unmut lautstark: Eritreer protestieren in Schwarzenburg gegen Landsleute, die in der Mehrzweckhalle ein eritreisches Fest feiern, das regierungsnahe Kreise organisiert hatten.
Sie äusserten ihren Unmut lautstark: Eritreer protestieren in Schwarzenburg gegen Landsleute, die in der Mehrzweckhalle ein eritreisches Fest feiern, das regierungsnahe Kreise organisiert hatten.
Tomas Wüthrich
Die Schweizerisch-Eritreeische Diaspora feierte den Eritreischen Nationalfeiertag Unabhängigkeitstag im Gemeindesaal Schwarzenburg...
Die Schweizerisch-Eritreeische Diaspora feierte den Eritreischen Nationalfeiertag Unabhängigkeitstag im Gemeindesaal Schwarzenburg...
Tomas Wüthrich
Es wurde getanzt und gefeiert.
Es wurde getanzt und gefeiert.
Tomas Wüthrich
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Für einen Tag ist Schwarzenburg fest in eritreischer Hand. Mit Autos, Cars und der S6 aus Bern treffen an diesem Samstagnachmittag über tausend Eritreerinnen und Eritreer aus der ganzen Schweiz in der Berner Gemeinde ein. Junge, Alte, Familien – sie alle wollen hinaus zur Mehrzweckanlage Pöschen, wo inmitten ländlicher Idylle die Weltpolitik Einzug hält.

Denn die Eritreer, die ins Dorf strömen, teilen sich in zwei Lager, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Die einen wollen feiern und tanzen, sie wollen gemeinsam mit Vertretern der eritreischen Regierung den 26. Unabhängigkeitstag ihres Landes zelebrieren. Die anderen wollen ebendiese Veranstaltung verhindern. Sie sind hier, um gegen die Diktatur in ihrem Heimatland zu demonstrieren.

Die Eritreer, die am Samstag ins Dorf strömten, teilten sich in zwei Lager, die unterschiedlicher nicht sein könnten.

Angespannte Lage

Auf der Freiburgstrasse, einen Kilometer ausserhalb Schwarzenburgs, sind die Fronten geklärt. Am linken Rand stehen mehr als hundert Eritreerinnen und Eritreer und schmettern wütende Parolen über die Strasse in Richtung Mehrzweckanlage: «Der Diktator muss weg! Wir wollen Freiheit!» Am rechten Rand hat sich die Polizei postiert, dahinter beginnen die Festlichkeiten.

Wer vom Dorf herkommend die Szene betritt, muss sich entscheiden: Nach links zur Opposition oder nach rechts zur Regierung. So zumindest sieht es Negasi Sereke, oppositioneller Aktivist aus Bern. «Wer da rübergeht, unterstützt die Diktatur», sagt er. «Das ist eine politische Veranstaltung, die nicht stattfinden dürfte. Die Einnahmen gehen direkt an das Regime.»

Als ehemaliger Polizist und Geheimdienstmitarbeiter habe er selbst erlebt, wozu das Willkürsystem in Eritrea fähig sei. «Die regierungsnahen Eritreer verharmlosen die Situation», sagt Negasi Sereke. Zudem sei es ein Skandal, dass jüngere Eritreer, die erst vor kurzem geflohen seien, zusammen mit der Regierung feierten. Die Veranstaltung müsse abgebrochen werden, fordert er.

Mehrmals drohte die Situation zu eskalieren. Beide Seiten provozierten, einige Hitzköpfe wollten die Veranstaltung stürmen.

Mehrmals droht die Situation zu eskalieren. Beide Seiten provozieren, einige Hitzköpfe wollen gar die Veranstaltung stürmen. Doch letztlich überwiegen die gemässigten Kräfte. Auch dank der Polizei: «Wenn ihr eure Meinung ohne Gewalt kundtut, seid ihr die Gewinner», ruft ein Beamter den Demonstranten zu. Er erntet Applaus, und vereinzelte Rufe: «Viva Polizei! Viva Demokratie!»

Freudiges Fest

Von all dem bekommen die rund tausend Menschen im grossen Saal kaum etwas mit. Sie tanzen, trinken und essen, der Lärmpegel ist hoch, die Stimmung ausgelassen. Das Programm beinhaltet ein kleines Theater, Volkstänze und jede Menge eritreische Live-Musik. Viele Familien mit Kindern sind zu sehen.

Die meisten von ihnen zählen zur alten Generation eritreische Flüchtlinge, die das Land vor der Unabhängigkeit 1991 verlassen hat. Deren Idole, die Freiheitskämpfer von damals, bilden nun das Regime, vor dem die heutige Generation flieht. Was einst als grosse Vision eines unabhängigen und sozialistischen Staates begonnen hat, ist heute ein repressives Regime, das weder Opposition noch kritische Medien duldet.

Den Nationaldienst Eritreas nennt die UNO «eine moderne Art der Sklaverei.» Wie schlimm die Zustände genau sind und ob die Regierung das Land trotz aller Fehler auf den richtigen Kurs bringen kann, darüber streiten sich die Lager.

Shileshi Idris, Vertreter der eritreischen Regierungspartei in der Schweiz, kann nicht verstehen, wie jemand gegen den Nationalfeiertag sein könne. «Die Feier wurde von der eritreischen Gemeinschaft in der Schweiz organisiert», sagt er. «Jeder, der die Regierung und die Einheit des eritreischen Volkes anerkennt, ist willkommen.»

Tatsache ist, dass auch das eritreische Konsulat in Genf an der Organisation beteiligt war. Zudem sind im Saal Vertreter der Regierung anwesend und die Einnahmen kommen regierungsnahen Kreisen zugute.

«Solche Anlässe generieren hohe Ausgaben», wiegelt Shileshi Idris ab. Das könne auch mal in einem Minus resultieren. Seine Nachricht an die Demonstranten: «Wer ein Problem mit der eritreischen Regierung hat, soll das in Eritrea lösen.»

Ende mit Kompromiss

Es geht ein tiefer Graben durch die eritreische Gemeinschaft. Das musste an diesem Wochenende auch Martin Haller (SVP), Gemeindepräsident von Schwarzenburg, erfahren. Um 19 Uhr steht er vor der Mehrzweckhalle und diskutiert mit Negasi Sereke. Die Parteien haben sich auf einen Kompromiss geeinigt: Die Opposition geht nach Hause und einige Stunden später wird auch das Fest aufgelöst.

«Künftige Anfragen der Veranstalter werden wir genau prüfen», sagt Haller. Man sei schon etwas überrascht gewesen ob der heftigen Kontroverse. «Vor zwei Jahren fand dasselbe Fest ohne Zwischenfälle statt», sagt er und schüttelt den Kopf. Von Weltpolitik hat Schwarzenburg fürs erste genug.

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