Weihnachten, weit weg von zu Hause

Bern

Zwei Monate hatten sie sich dafür vorbereitet, am Samstag feierten sie ihr Schauspieldebüt. Mehr als 20 Sans-Papiers führten in der Berner Heiliggeistkirche eine gesellschaftskritische Version der Weihnachtsgeschichte auf.

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Es war ein etwas anderes Weihnachtsspiel, das am Samstag in der voll besetzten Heiliggeistkirche aufgeführt wurde. Erstens, weil die Hauptdarsteller Sans-Papiers und abgewiesene Asylbewerber waren. Zweitens, weil die Aufführung in etlichen Sprachen vorgetragen wurde. Und drittens, weil das Ganze in eine zünftige Portion Gesellschaftskritik verpackt wurde.

«Die Weihnachtsgeschichte ist pure Migrationspolitik», erklärte Andreas Nufer, Pfarrer der Heiliggeistkirche, vor dem Event. Maria, Josef und Jesus seien vom Tag von Jesu Geburt an Flüchtlinge gewesen – bis nach Ägypten mussten sie reisen, da Herodes den neugeborenen König der Juden töten wollte. «Erst als Zwölfjähriger kehrte Jesus nach Hause zurück», sagt Nufer.

Enthusiasmus und Kritik

Mit dieser Flucht konnten sich die Schauspieler am Samstag offensichtlich identifizieren. Über 20 Männer und Frauen aus Nigeria, der Mongolei, Guinea-Bissau, Nepal oder dem Kongo trugen die Weihnachtsgeschichte vor – während zweier Monate hatten sie mit den Organisatoren Andreas Nufer und Margrit Moser dafür geprobt.

Was ihnen an schauspielerischer Erfahrung mangelte, machten sie dabei mit ihrem Enthusiasmus mehr als wett. So tobte Herodes auf seinem Thron, in goldener Krone und weissen Adidas-Turnschuhen, er wolle alle Kinder töten lassen. Der Erzengel Gabriel schrie von der Kanzel, Jesus solle in Ägypten Sicherheit suchen. Und die Hirten jubelten laut Halleluja, als sie dem Bethlehem-Stern durch die Kirche folgten. Unterstützt wurden sie dabei vom Chor der katholisch-eritreischen Gemeinde St.Michael, von der Singschule Köniz – und einem Alphornduett.

Ganz traditionell war die Weihnachtsgeschichte jedoch nicht: Immer wieder schimmerte Kritik an der schweizerischen Migrationspolitik durch. Etwa am Schluss des Schauspiels, als Maria und Josef in Ägypten ankamen: «Halt! Was wollt ihr hier?», fragte der Grenzwächter. «Wir müssen flüchten», antwortete Josef. «Dann herzlich willkommen in Ägypten!», sagte der Wächter und gab den Flüchtenden, ohne zu zögern, einen B-Ausweis. Oder auch beim König Herodes, der das Botschaftsasyl abschaffen wollte – so könne niemand mehr in sein Land kommen, um nach Jesus zu suchen.

Nachdem alle Anwesenden zusammen «Heilige Nacht» gesungen hatten, brachten viele von ihnen Geschenke für die Sans-Papiers nach vorne – darunter waren Kinotickets, Schals, Schreibzeug oder selbst gebackene Weihnachtsguezli. Ein fünfjähriger Junge hatte sogar sein Sackgeld während Wochen gespart, um einem fremden Kind ein Lego-Set zu schenken. «Die anderen Kinder haben halt nicht viel», sagte er.

Schauspiel als Selbsthilfe

«Weihnachten ist eine einsame Zeit für die Flüchtlinge», erklärte Andreas Nufer. «Sie sind weit weg von ihrer Familie und fühlen sich nicht willkommen.» Das Schauspiel habe sie abgelenkt, einige sogar aus einer depressiven Phase herausholen können. «Aber den 24.Dezember, den verbringen die meisten von ihnen trotzdem im Durchgangszentrum.»

Berner Zeitung

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