Bern

«Mich überrascht, wie viele nicht vor einer Straftat zurückschrecken»

BernGemeinderätin Ursula Wyss räumt ein, dass die Einstellung des Betriebs von Publibike «unschön» sei. Und sie wundert sich über die geringe Achtung vor Eigentum, das zum Teilen da ist.

Ursula Wyss, Direktorin für Tiefbau, Verkehr und Stadtgrün, nimmt nach dem Marschhalt von Publibike Stellung.
Video: Claudia Salzmann/Stefan Schnyder

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Publibike musste am Sonntag den Betrieb unterbrechen. Wie gross ist Ihr Ärger? Ursula Wyss: Klar ärgert mich das. Aber es tut mir vor allem leid für alle Kundinnen und Kunden, die in den vergangenen Wochen das System ehrlich genutzt ­haben. Die 1000 bis 1400 Fahrten ­pro Tag lagen deutlich über unseren ­Erwartungen.

Sie sind bekannt als emotionale Person. Gingen Sie an die Decke, als Sie von den Mängeln von Publibike erfahren haben? Ich habe einmal durchgeatmet und Yoga gemacht. Nein im Ernst: Es war nach den rapid ­zunehmenden Entwendungen ­sozusagen ein Unterbruch mit Ankündigung. Ich habe den ­Entscheid von Publibike vom Sonntag, den ­Betrieb einzustellen, zur Kenntnis genommen. Wichtig ist jetzt, dass wir so bald wie möglich wieder ein zufriedenstellendes Angebot haben.

Wie gross ist der Imageschaden für Publibike? Was passiert ist, ist sehr unschön, das wünscht man niemandem. Aber um den Imageschaden zu beurteilen, ist es jetzt ­sicher noch zu früh. Auf der positiven Seite muss man auch sehen, wie rasch es Publibike gelungen ist, dass sehr viele Bernerinnen und Berner das Angebot genutzt haben. Ich bekam den Eindruck, dass das System das Richtige für Bern ist. Publibike ist es in sehr kurzer Zeit gelungen, sich im Strassenbild der Stadt Bern zu etablieren. Wenn Publibike es schafft, innert kurzer Zeit wieder da zu sein, dann wird der Betriebsunterbruch hoffentlich auch schnell wieder vergessen sein.

In Onlineforen werden Sie als Schuldige für das Debakel ­genannt. Wie viel des Imageschadens fällt auf Sie zurück? Laut den sozialen Medien trage ich immer für alles die Schuld. Das kann ich hinnehmen. Doch die Stadt ist nicht die Betreiberin von Publibike. Wir haben einen Vertrag mit dem Unternehmen, in dem dieses zusichert, den ­Betrieb zu gewährleisten.

Dann trägt also Publibike die Schuld am Schlamassel? Bei jedem neuen System, bei dem eine Panne passiert, kann immer diskutiert werden, ob diese hätte passieren dürfen oder nicht. Ich bin überzeugt, dass es Publibike gelingt, den Betrieb so rasch wie möglich wieder aufzunehmen.

Wo liegt Ihre Verantwortung? Ich trage gegenüber dem Stadtrat die politische Verantwortung, ­dafür zu sorgen, dass das System wie in Aussicht gestellt funktioniert. Deshalb ist für mich jeder Tag, an dem kein Publibike-Fahrrad zur Verfügung steht, einer zu viel.

Hat die Stadt Bern Publibike eine Frist für die Wiederauf­nahme des Betriebs gesetzt? Wir verlangen von Publibike nur das, was vertraglich zugesichert ist. Wir sprechen uns intensiv mit dem Unternehmen ab. Publibike hat uns versichert, dass es eine realistische Frist ist, die Schlösser innerhalb von etwa zwei ­Wochen nachzurüsten.

Standen auch Mitarbeiter Ihrer Direktion im Einsatz, um die Fahrräder einzusammeln? Vergangene Woche standen an einem Tag vier Fahrzeuge und acht Mitarbeiter der Stadt für ­Publibike im ­Einsatz. Wir kamen zum Schluss, dass es auch im ­Interesse der Stadt ist, die Fahrräder so rasch wie möglich wieder einzusammeln. Weitere Einsätze von Mitarbeitern der Stadt ­werden Publibike verrechnet.

Waren auch am Wochenende Mitarbeiter der Stadtverwaltung im Einsatz? Das kann gut sein, sicher aber auf Kosten von Publibike.

In andern Städten kam es zu ­keinen vergleichbaren Problemen. Hat dies auch mit der ­anarchistischen Szene rund um die Reitschule zu tun? Das Problem ist effektiv in Bern entstanden. Publibike überlegt sich aber, das ­System auch in ­Zürich ausser ­Betrieb zu nehmen. Aber ich ­denke nicht, dass es in Bern besonders viele diebstahlfreudige Leute gibt. Am Anfang wurde von vielen zu wenig beachtet, dass es eine Straftat ist, ein Publibike-Fahrrad aufzubrechen und damit herumzufahren.

Doch wie konnte es so weit kommen, dass so viele Berner­ zu Fahrraddieben ­wurden? Wir haben es hier mit einem Phänomen zu tun, das ich nicht ganz einordnen kann. Vielleicht weiss die Polizei mehr. Es waren sicher nicht bloss Jugendstreiche. Ich finde es eine grobe Geschichte, dass mehrere Hundert Fahrräder nicht mehr verfügbar sind. Offenbar hatten viele, die ein Publibike geknackt haben, gar kein Unrechtsbewusstsein. Ich verurteile es, dass so viele ­Leute ein Fahrrad widerrechtlich benutzt haben. Ein Publibike darf man nicht einfach so nehmen. Es kann doch nicht sein, dass man sich nicht an die Regeln hält, nur weil die Fahrräder nicht einer Privatperson allein gehören.

Es ist also mehr als ein anarchistischer Lausbubenstreich? Ja, selbstverständlich. Mich irritiert vor allem eines: Die Zukunft wird es mit sich bringen, dass künftig nicht mehr jeder sein eigenes Ding besitzt und es nur für sich selber nutzt. Sharing bedingt einen gemeinsamen Besitz. Dass dieser aber weniger Wert haben soll als privater Besitz, das finde ich völlig unverständlich. Es überrascht mich doch sehr, dass viele vor Straftaten offenbar nicht zurückschrecken.

Linksaktivistische Kreise haben die Publibikes als Objekt ihrer Kritik auserkoren, weil sie ­fahrende Werbesäulen seien. Was sagen Sie dazu? Man kann natürlich jegliche Werbung schlecht finden. Ich kann dazu nur sagen: Während der ­Finanzkrise war ich in Athen. Da war nirgends mehr Werbung zu ­sehen. Persönlich fand ich das eher bedrückend.

Mitte September sollen weitere Stationen und Velos dazukommen. Ist dies infrage gestellt? Das kann ich heute nicht sagen. Aber ich kann mir vorstellen, dass es Verzögerungen geben könnte. (Berner Zeitung)

Erstellt: 20.08.2018, 15:53 Uhr

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