«Was mir fehlen wird, ist meine Arbeit – nicht die Apéros»

Bern

Das letzte Amtsjahr von Stadtpräsident Alexander Tschäppät (SP) wird keines, das er gemütlich ausklingen lassen kann: Während des Endspurts kommt Tschäppäts Herzensprojekt Viererfeld vors Volk.

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Herr Tschäppät, äs guets Nöis. Wie sind Sie ins neue Jahr gerutscht?Alexander Tschäppät:Gut, danke. Sehr ruhig. So sind die Festtage bei mir immer. Völlig unspektakulär.

2016 ist Ihr letztes Jahr als Stadtpräsident. Wie fühlt sich das an?Es findet alles zum letzten Mal in dieser Form statt: der Neujahrsempfang, wenn ich Königskuchen essen darf als Stadtpräsident, der 1. April, an dem man mich vielleicht für einen Scherz einspannt, der Zibelemärit . . . Alles zum letzten Mal. Das ist wirklich das Allerletzte!

Sie lachen. Sind Sie erleichtert, dass Ihre Amtszeit zu Ende geht?Eine gewisse Wehmut werde ich Ende Jahr einerseits sicher spüren. Andererseits fühlt es sich tatsächlich auch gut an. Denn gewisse Dinge hat man nach 16 Jahren in der Regierung auch mal gesehen. Eine Erleichterung wird sein, nicht mehr für alles schuld sein zu müssen. Denn ich bin eine Mimose geblieben, und vieles regt mich furchtbar auf. Das Ende kommt zum Glück nicht unerwartet wie bei einer Abwahl. Das Verfallsdatum meines Amtes ist schon lange bekannt.

Geben Sie es zu: Sie werden das Rampenlicht vermissen.Ich werde das Mitgestalten des Stadtlebens vermissen. Dieses Rampenlicht ist gar nicht so hell, wie viele meinen. Die Aufmerksamkeit schenkt man nicht mir, sondern dem Amt. 2017 werde ich sicher noch hie und da eingeladen. 2018 kriege ich vielleicht noch in der drittletzten Reihe einen reservierten Platz. 2019 warte ich dann auf die Einladung und muss nachfragen, ob man mich vergessen hat . . . So läuft das. Aber das ist auch gut so.

Wirklich? Es fällt schwer, Ihnen das so ganz abzunehmen.Es ist aber so. Was mir fehlen wird, ist meine Arbeit. Dass ich keine Projekte mehr lancieren kann. Nicht die Einladungen und die Apéros.

Wenn Sie zufrieden in Pension gehen wollen, müssen Sie auch noch mithelfen, einige Legislaturziele zu erfüllen: die Einzonung des Viererfelds, die neue 50-Meter-Schwimmhalle, der gemeinnützige Wohnungsbau . . .(unterbricht) . . . völlig klar. Es gibt noch viel Arbeit zu erledigen, und ich setze mich bis am Schluss ein. Das Stadtentwicklungskonzept und das Kulturkonzept möchte ich gerne noch aufgleisen. Das Viererfeld liegt mir sehr am Herzen. Die Überbauung des Gaswerkareals braucht noch etwas mehr Zeit, aber anschieben kann man das Projekt. Und neben dieser Pflicht gibt es die Kür: Giulia Steingruber, die in Bern Kunstturneuropameisterin wird. Fabian Cancellara, der unsere Tour-de-France-Etappe gewinnt.

Bei der Kür muss man sich bestimmt keine Sorgen machen um Ihren Einsatz. Aber wie stehts mit der Pflicht? Was tun Sie dafür, dass die Überbauung des Viererfelds Ende Jahr beschlossene Sache ist?Von politischer Seite können wir nicht mehr machen, als das Projekt seriös aufzugleisen. Und ich sage: Es ist seriös vorbereitet, auch wenn das die Gegner bestreiten. Ein solches Vorhaben wird immer eine grosse Gegnerschaft haben. Vor allem in einem Wahljahr. Die Gegner werden mit allen Mitteln versuchen, der rot-grünen Mehrheit eine Niederlage beizufügen. Dummerweise am falschen Objekt. Falls das Viererfeld nicht überbaut werden kann, büsst das die ganze Stadt. Sei es wegen fehlender Wohnungen oder wegen fehlender Steuereinnahmen.

Wird die Umzonung im Juni durchkommen?Davon bin ich überzeugt. Und die Zustimmung wird deutlich sein. Kein Zufallsmehr.

Weshalb sind Sie da so sicher?Ich bin überzeugt, dass sich die Bernerinnen und Berner bewusst sind, welche Lebensqualität das Wohnen im urbanen Raum bietet. Es gibt genügend Menschen, die in der Nähe des Zentrums wohnen wollen. Menschen, die nicht täglich eine Stunde im Stau stehen wollen. Viele haben es auch satt, in den vollen S-Bahn-Zügen um einen Platz zu ­kämpfen.

Aber für viele ist das Wohnen im Grünen doch noch immer der Traum.Das mag für eine gewisse Zeit stimmen. Aber sobald das eine Kind ins Ballett geht und das zweite ins Fussballtraining, wird die Stadt plötzlich attraktiver.

Was tragen Sie als Stadtpräsident dazu bei, dass das Projekt Viererfeld im zweiten Anlauf klappt?Das, was möglich ist. Es ist verpönt, dass sich der Gemeinderat in einem Abstimmungskampf zu stark engagiert. Ich werde sicher sachlich und seriös über das Projekt informieren. Oder auch an Podien teilnehmen, wenn man mich dazu einlädt. Entscheiden wird am Schluss das Volk.

In letzter Zeit hatte man manchmal das Gefühl, dass Sie müde sind und genervt von gewissen wiederkehrenden Debatten im Stadtrat. Stichwort Reitschule.Es gibt zwei Ebenen: Inhaltlich habe ich noch immer die gleiche Lust, die Reitschule zu verteidigen. Weil ich wirklich überzeugt bin von dieser Institution – mit all ihren negativen Nebenerscheinungen, für die man aber nicht allein die Reitschule verantwortlichen machen darf. Das Thema Reitschule ist mir nicht verleidet. Was mir auf den Wecker geht, ist das mühsame, langweilige und unnötige Ritual von gewissen Parteien und Politikern. Ohne neue Idee hacken sie immer wieder auf dem Gleichen rum. Mit immer den gleichen Vorurteilen.

Die Kritiker der Reitschule müssen sich ja auch einbringen ­können.Natürlich! Aber das kann man doch auf eine konstruktive Art tun. Zum Beispiel könnten sich die Kritiker sagen: Die Reitschule gibt es, das Stadtberner Stimmvolk will sie, nun helfen wir mit die Probleme gemeinsam anzugehen. Aber nein: Man sammelt zum x-ten Mal Unterschriften gegen die Reitschule.

Man spürt deutlich, dass Sie das aufregt.Ja, das regt mich richtig auf. Jeden zweiten Donnerstag im Stadtrat die gleichen kleinen Anfragen von den immer gleichen Stadträten. Das bringt uns doch keinen Schritt weiter.

Sind die Bürgerlichen im Stadtrat nicht auch einfach frustriert, weil sie gegen Rot-Grün-Mitte keine Chance haben?Das ist sicher ein wichtiger Punkt. RGM stellt seit über 20 Jahren eine Mehrheit. Und Politik ist konstruktiver, wenn man für Mehrheiten kämpfen, wenn man verhandeln muss.

Sie wollen damit sagen, es wäre besser für Bern, wenn die RGM-Hoheit enden würde?(lacht) Nein, sicher nicht. Ich finde, RGM sorgt dafür, dass Bern eine lebenswerte Stadt ist. Das RGM-Bündnis hat aber auch nicht nur deshalb so lange die Mehrheit, weil es immer so gute Arbeit macht. Sondern weil die Bürgerlichen schlecht aufgestellt und konzeptlos sind. Ich habe mich aber nie als Stadtpräsident der Mehrheit gesehen. Ich bin Stadtpräsident von allen.

Bleibt das RGM-Bündnis für die kommenden Wahlen bestehen?Davon gehe ich aus. Das wäre auch gut für Bern. Das anerkennt ja inzwischen auch die SVP. Sie hielt doch Anfang Woche ihre Pressekonferenz im Westside mit der Begründung ab, das Quartier zeuge vom «Mut zum Neuen». Nun, Westside ist durch und durch ein RGM-Projekt.

Wird man Sie 2017 noch auf der Tribüne im Rathaus antreffen?Es würde schon ein gewaltiges Event brauchen, damit es mich dorthin zieht. Es würde sicher auch vom Parlament nicht geschätzt, wenn der alte Stapi von oben alles beobachtet. Wer abgetreten ist, soll den Neuen nicht reinreden.

Worauf freuen Sie sich 2016 am meisten?Wenn das Viererfeld angenommen wird, freut mich das sicher sehr. Das ist für die Stadtentwicklung ein extrem wichtiges Projekt. Und dann freue ich mich auf das Stadtfest in Bern-West. Und auf die Tour de France. Das ist ein Jahrzehntereignis.

Was kommt 2017?Bis Ende Jahr will ich mir keine grossen Gedanken darüber machen, wie es nachher weitergeht. Ich habe ja auch noch mein Nationalratsmandat, sodass die Arbeit nicht von 150 Prozent auf 0 zurückgeht. Aber ich weiss, was ich noch gerne machen würde: Ich möchte mich für die Stadt einsetzen. Im weitesten Sinn also Bern vermarkten. Was ich auch gerne tun würde, ist, Gespräche zu ­moderieren oder beratend bei ­interessanten Projekten mitzu­wirken.

Auf nationaler Ebene bleiben Sie ja noch aktiv. Welche Ziele haben Sie als Nationalrat?Mein Fokus wird auf Bern bleiben. Damit meine ich nicht allein die Stadt, sondern den Grossraum Bern. Wenn das nationale Parlament etwas kennt, dann ist es Lobbyismus. Und ich verstehe mich als Lobbyist für Bern.

Sie sagen ja oft, dass Sie einen guten Draht zur Interessensgemeinschaft Kulturraum Reitschule (Ikur) hätten. Wären Sie denn 2017 als Alt-Stadtpräsident nicht ein guter Vermittler zwischen Stadt und Reitschule?Ich glaube, es ist wichtiger, dass der neue Gemeinderat einen guten Draht zur Ikur hat.

Ein Buch über Alexander Tschäppät ist in Arbeit. Welchen Titel würden Sie sich dafür wünschen?Den muss zum Glück nicht ich setzen. Ich muss dazu noch sagen, dass ich sehr skeptisch war, als mich die vier Autoren anfragten. Ich weiss, was mit solchen Büchern passiert. Die Menschheit hat nicht darauf gewartet. Solche Bücher werden veröffentlicht, und zwei Wochen später liegen sie auf dem Ramschtisch.

Berner Zeitung

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