Was die Liebe zu YB mit Bern anstellt

Die Young Boys sind drauf und dran, Bern zur Fussballmeisterstadt werden zu lassen. Wird der Titel Bern ambitionierter, euphorischer, risikobereiter machen?

Der Zürcher Financier Benno Oertig wollte YB mit viel Geld in die Champions League führen – und erntete Spott von den eigenen Fans.

Der Zürcher Financier Benno Oertig wollte YB mit viel Geld in die Champions League führen – und erntete Spott von den eigenen Fans. Bild: Andreas Blatter

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Bern im Delirium! YBs erster Meistertitel seit 1986 ist zum Greifen nah, und der Anlauf dazu rekordverdächtig lang. Er beginnt in den düsteren 90er-Jahren – mit einer Frankiermaschine und einem Geistesblitz.

Es ist die Zeit, in der die Stadt anfängt sich zu bewegen, sie reibt sich bereits an der seit 1987 – dem Jahr des letzten YB-Cupsiegs – besetzten Reitschule und an den regierenden Rot-Grünen, die 1992 die Bürgerlichen von der Macht verdrängen. Die Young Boys allerdings stürzen ins ­Bodenlose – sportlich und finanziell.

Progressive YB-Fans, unter ­ihnen der spätere grüne Stadtratspräsident Urs Frieden, gründen den Verein Gemeinsam gegen Rassismus, und diese ­alternativen Anhänger bewahren 1996 das heruntergewirtschaftete YB mit einem Beitrag von 160'000 Franken für ein paar ­Tage vor Konkurs und Lizenz­entzug. Die Post zieht wegen Zahlungsunfähigkeit schon mal die Frankiermaschine aus der YB-Geschäftsstelle ab.

Sportlich ist YBs Fall nicht mehr aufzuhalten. 1997 steigt YB in die Nationalliga B ab – und droht noch tiefer zu fallen. Zeit für Bruno Marazzis Geistesblitz: Dem Berner Bauunternehmer, Erfinder des multifunktionalen Sportstadions mit Mantel­nutzung, dessen Rendite die ­teure Fussballmannschaft mitträgt, ist klar: Das von seiner ­Firma geplante Stade de Suisse, für dessen Bau auf dem Boden der Burgergemeinde er selber 340 Millionen Franken auftreibt, kann nur funktionieren, wenn YB nicht in der Bedeutungslosigkeit der 1. Liga kickt.

«Berner gehen erst dann ein Risiko ein, wenn der Erfolg sicher ist», sagt der Bauunternehmer und legendäre YB-Retter Bruno Marazzi. Bild: Andreas Blatter

Marazzi (71) erinnert sich an jedes Detail der dramatischen Momente vor 21 Jahren. «Ich ­bewahrte YB vor dem Konkurs», sagt er, insgesamt habe er rund 17 Millionen Franken in die Fussballmannschaft gesteckt.

Heiss wie der Wüstenwind

Dank Marazzis Finanzspritzen melden sich die Young Boys ­zurück aus der Intensivstation. Und nicht zufällig im Nostalgiestadion Neufeld, wo YB während der Bauzeit des Stade de Suisse bis 2005 spielt, entwickelt sich die abgekühlte Beziehung zwischen Bern und den Young Boys zur leidenschaftlichen ­Liebe.

Ab 2001 – die Gelb-Schwarzen sind retour in der höchsten Spielklasse – katapultiert YB mit ­frechem Fussball Bern in einen Rausch. Der YB-Frühling, heiss wie ein Wüstenwind! An der ­Seitenlinie brüllt mit roten ­Backen Trainer Marco Schällibaum, Stéphane Chapuisat staubt mit traurigem Blick ab, Sportchef Fredy Bickel geschäftet mit Abenteuerlust, und Bruno ­Marazzi spannt das finanzielle ­Sicherheitsnetz.

Über 10'000 Zuschauer drängen sich bei Heimspielen ins ­altertümliche Neufeld, das zum Szenetreffpunkt der immer rot-grüneren Stadt wird. Kampagnen gegen Rassismus weichen das dumpfe, bierselige Image auf, es gibt plötzlich Alternativen zu ausländerfeindlichen Sprüchen.

Stumpen und Joints

YB versöhnt Stumpen und Joints, weil sich alle hinter das Idyll ­romantischer Larmoyanz scharen: Die mit weniger Mitteln ausgestatteten Berner kämpfen ­heroisch gegen die besser situierten Millionarios aus Basel und Zürich. Und verlieren! Es gibt nichts Besseres, als eine heldenhafte, mit viel Schweiss ertragene Berner Niederlage: YB verankert sich in der Berner Seele als warmes Sehnsuchtsprojekt gegen das kalte Diktat von Geld und Macht.

Obwohl das Diktat in Bern ­natürlich kein bisschen anders ist. YB lässt antikapitalistische Herzen höherschlagen, aber im Fussballbusiness gelten die kapitalistischen Gesetzmässigkeiten trotzdem. Bruno Marazzi ist sich bewusst, dass er als Alleininvestor langfristig im grossen Fussballgeschäft überfordert wäre. Er sucht Partner für das Projekt YB, findet sie in Bern aber nicht. «Geld wäre in Bern schon vorhanden», sagt Marazzi heute, «aber nicht die Risikobereitschaft.»

«Geld wäre in Bern schon vorhanden, aber nicht die Risikobereitschaft.»Bruno Marazzi

Marazzi holt den Zürcher ­Financier Benno Oertig, der ­bereit ist, den YB-Frühling mit grossen Geldbeträgen zu alimentieren und mit einem legendären Dreistufenplan Champions-League-Ambitionen zu befeuern. Die YB-Anhängerschaft kippt wegen des Umzugs aus dem provinziellen Neufeldstadion ins mondäne Stade de Suisse in einen längeren Kulturschock – obschon Bauherr Marazzi sehr viel für das allgemeine Wohlbefinden unternimmt. Er lässt im Stade de ­Suisse dreimal mehr Toiletten für Frauen als für Männer einbauen, weil «ich es nicht richtig finde, dass Frauen im Kino oder im Theater ständig Schlange stehen müssen, wenn sie in der Pause aufs WC müssen.» Im Stade de Suisse soll das nicht der Fall sein.

Finanzausgleich für Fussball

In der sichtbaren Umgebung von Kommerz schlittert die Liaison zwischen YB und Bern im neuen Stadion aber trotzdem in eine schrille Krise. Während die bis dahin teuerste YB-Equipe ever ins topmoderne Stadion läuft, verspottet die Fankurve den Geldgeber aus Zürich auf Transparenten. Die mentale bernische YB-Betriebsrechnung sieht etwa so aus: Coolen Fussball? Ja! ­Uncooles Geld? Nein!

Aber Geld ist nötig. Bruno ­Marazzi wendet Golfplatz-Diplomatie an, wie er erzählt. Auf dem Green bringt er Oertig mit dem Zürcher Andy Rihs zusammen, der im Hörgerätebusiness reich geworden ist und als Mäzen grosse Summen in den Sport investiert. Mit seinem Bruder Hansueli steigt er bei den Young Boys ein und etabliert damit einen kontinuierlichen Fluss von Fussballsubventionen von Zürich nach Bern. Man könnte auch von einem Finanzausgleich reden.

Obschon sich der Kanton Bern Sparpaket um Sparpaket verordnet, braucht er jedes Jahr eine Milliarde Franken von finanzstärkeren Kantonen, um nicht in Schieflage zu geraten. Nach ­diesem Modell fremdfinanzierter Anspruchshaltung funktioniert auch das Fussballgeschäft in der Verwaltungsstadt Bern. Obschon YB seit Jahren als Rohdiamanten aus aller Welt akquirierte Spieler teuer wiederverkauft, sobald sie sich fussballerische Klasse angeeignet haben, müssen die Rihs-Giele mit Millionenbeträgen die Löcher im Berner Fussball­produkt stopfen. Und sollen, so das Berner Selbstverständnis, bitte auch noch Freude daran haben. Es ist ja YB!

Ende der Larmoyanz

Selbst jetzt, da YB einen Schritt vor dem historischen Titelgewinn steht, hat sich an diesen Abhängigkeitsverhältnissen rein gar nichts geändert: Zürich zahlt YBs Meisterteam. Aber: Die ­Erfolgssträhne der Gelb-Schwarzen macht es leichter, dieses mentale Dilemma auszublenden.

YB-Sportchef Christoph Spycher steuert einen von wirtschaftlichem Denken geprägten Kurs, der in der Mannschaft ein sympathisches Kollektiv­bewusstsein stärkt, gepaart mit absolutem Siegeswillen. YB glänzt mit uneitlen Mannschaftsleistungen, die im Endeffekt dazu beitragen, dass sich der Marktwert der Einzelspieler erhöht. Die Rechnung stimmt! Das ist das neue, profitorientierte YB-Prinzip, weit weg von den lauschigen Neufeldzeiten, aber trotzdem kompatibel mit dem kommerzkritischen Berner Lebensgefühl: Schluss mit Jammern! Bern will siegen!

Jedenfalls jetzt: Würde YB plötzlich Serienmeister, hätte man dann doch wieder ein Identifikationsproblem.

Wehender YB-Geist

«Glauben wir an uns, und tragen wir dieses Selbstvertrauen nach aussen», übersetzt Lorenz Jaggi das YB-Prinzip in eine Formel, die breiter gelten könnte. Jaggi ist Partner bei der Kommunikationsagentur Furrerhugi und ­Geschäftsführer der Hauptstadtregion Schweiz. Er wünscht sich sehr, dass der YB-Geist aus dem Stadion hinausweht. Die Hauptstadtregion, gegründet, um Bern im Konkurrenzkampf gegen die Turboregionen Zürich-Basel und Genf-Lausanne zu stärken, kämpfte lange mit Akzeptanzproblemen.

Inzwischen ist sie bei der Positionierung der Gross­region Bern als Politzentrum sowie als Gesundheits-, Medizinaltechnik- und Biotechstandort eine respektable Stimme. Sie befindet sich in einer Rolle, ähnlich wie YB: Sie hat es mit Konkurrenz zu tun, die auf dem Papier stärker ist. Deshalb gilt, sagt Jaggi, erst recht die Maxime: Auf die eigenen Stärken setzen, nicht auf die Schwächen der anderen hoffen.

«Glauben wir an uns, und tragen wir dieses Selbstvertrauen nach aussen.»Lorenz Jaggi

Ein Beispiel für eine Bündelung von Stärke ist die Sitem Insel AG ein modernes Kompetenzzentrum, in dem Forscher, Ärzte und Mitarbeiter von Pharmafirmen und Technologiekonzernen gemeinsam an der lukrativen Schnittstelle von medizinischer Forschung und Anwendung arbeiten. Nächstes Jahr soll es ­betriebsbereit sein. In seltenem ­Offensivdrang tragen Kanton und Universität dazu bei, indem sie 100 zusätzliche Studienplätze für Humanmedizin schaffen und der Uni Bern zum Titel der grössten medizinischen Fakultät verhelfen. Eine Spur von YB-Siegeshunger im realen Bern?

«Gewinnt YB tatsächlich den Titel, ist das für mich eine grosse Genugtuung», sagt Bruno Marazzi. Bekanntlich habe Bern ja ­Mühe, Leuten, die Grosses leisten, bedingungslos zuzujubeln. Genau deshalb täte Bern ein ­rauschendes, euphorisches Fest «unglaublich gut», wie Marazzi festhält. Allerdings: ein Fest, gewalt- und eskalationsfrei, wie es Marazzi von seinem Herzensclub, dem SC Langnau, gewohnt ist.

Skeptischer ist der gewiefte Bauunternehmer Marazzi, was den mentalen Schub des mutmasslichen YB-Titelgewinns über den Fussball hinaus angeht. In seinem jahrzehntelangen Engagement für YB, so Marazzi, ­habe er eines gelernt: «Berner sind nur dann bereit, mit Risikobereitschaft irgendwo einzusteigen, wenn der Erfolg sicher ist.»

YBelieve: Langsamer als in Bern kann der Siegeshunger fast nicht wachsen. Da kann die Liebe zu Sieger YB noch so gross sein. (Berner Zeitung)

Erstellt: 14.04.2018, 08:18 Uhr

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