Bonanomis und die bessere Welt

Zollikofen/Bern

Von wegen Ruhestand: Susanne und Marc Bonanomi, beide 87, kämpfen in Bern jeden Tag für eine bessere Welt.

Ein Porträt aus der Serie BEsonders. Mehr besondere Menschen aus Bern und Region finden Sie in diesem Dossier.

«Manchmal gehorche ich, und manchmal befiehlst du», antwortet Marc Bonanomi auf die Frage, wer in der Beziehung die Hosen anhat. Die beiden brechen in schallendes Gelächter aus. Susanne und Marc Bonanomi sind immer noch ineinander verliebt. Nach über 60 gemeinsamen Jahren verbinden die zwei nebst vier Kindern, zehn Enkeln und zwei Urenkeln nach wie vor eine Tiefe, viel Zärtlichkeit und Humor.

Sie lachen und berühren sich oft, helfen und unterstützen sich, reden und debattieren – über das Leid auf dieser Welt. An allen Ecken und Enden laufe es schief, sagen Bonanomis, da müsse man doch etwas dagegen tun. Sie tun es gemeinsam, es ist ein weiteres wichtiges Element, das die beiden 87 Jahre alten Menschen verbindet: der Kampf für eine bessere Welt.

Während andere Senioren wandern, turnen, um die halbe Welt reisen oder Bücher lesen, mögen sich Bonanomis in ihrem letzten Lebensabschnitt nicht zurücklehnen. Im Gegenteil. Die beiden schlafen nach notabene 62 Ehejahren nicht nur im selben Bett, sondern auch jede Nacht Hand in Hand ein.

Sie tanken Energie für den nächsten Tag, den nächsten Einsatz: In ihrer Genossenschaftswohnung am Linckweg in Zollikofen organisieren sich Marc und Susanne Bonanomi jeden Tag neu für einen kleinen Widerstand gegen das Elend auf diesem Planeten.

Für die Tiere

Krieg. Hunger. Vermüllte Meere. Zerstörte Regenwälder. Klima­erwärmung. Man weiss es – und verschliesst die Augen. Und das grenzenlose Leid der Tiere – auch hier blickt die Mehrheit beschämt weg, obwohl sie ihre Mitverantwortung kennt. Und vielleicht auch weiss, dass der Fleischkonsum mit den anderen Katastrophen teilweise in direkter Verbindung steht.

Genau hier setzen Bonanomis an: In ihrem politischen Tun konzentrieren sie sich seit einigen Jahren auf den Veganismus. «Wir wünschen uns, dass Tiere als das behandelt werden, was sie sind: als Lebewesen und Weggefährten», sagt Marc Bonanomi. Er und seine Frau leben seit 1965 vegetarisch, seit 2012 ernähren sie sich vegan. «Nach Filmen und Lektüre über die Fleisch- und Milchindustrie war das die einzige logische Konsequenz», sagt Susanne Bonanomi.

So packen die beiden alten Menschen in Zollikofen jeden Tag gegen Abend ihr Wägeli mit Postern und Flugblättern. Karten mit Tierbabys, Schweinchen und Schafe und Kälbchen gucken mit grossen Augen, «Tiere vom Teller streichen» steht darunter. Bonanomis ziehen sich Jacken an und gehen Hand in Hand zur Busstation, dann mit dem RBS an den Berner Hauptbahnhof.

Gegen den Strom

Von ihrer Wohnung mit Dachgarten und imposantem Blick in die Ferne begibt sich das Ehepaar in die Enge, den Lärm und den Sog des Pendlerstroms, der zwischen 16 und 18 Uhr seinen Höhepunkt erreicht. Den Peak nutzen Susanne und Marc Bonanomi, um mit ihrem Anliegen möglichst viele Menschen zu erreichen.

Sie wirken beinahe wie Ausserirdische, mit ihrer inneren Ruhe, der Lebenserfahrung, die ihnen in den Gesichtern steht, der Klarheit ihres Anliegens. Sie stehen inmitten der hektischen Masse am Bahnhof, die kaum links noch rechts schaut und doch oder genau deswegen den Weg unter den Füssen zu verlieren scheint.

«Wir müssen uns von den Passanten schon einiges gefallen lassen», sagt Susanne Bonanomi. Von giftigen Kommentaren bis zu verachtenden Blicken ist alles dabei. Doch mehrheitlich seien die Reaktionen positiv, «es sollte mehr Menschen wie uns geben, die sich noch im hohen Alter für eine bessere Welt einsetzen würden, sagen viele».

Bonanomis wurden durch ihren ältesten Sohn politisiert, er habe sich stark in der Anti-Atomkraft-Bewegung engagiert», sagt Marc Bonanomi. Es gab landesweite Proteste, als zwischen 1969 und 1979 die AKW Beznau 1 und 2, Mühleberg und Gösgen ihren Betrieb aufnahmen. Seither gehen Bonanomis bei grossen Themen regelmässig auf die Strasse.

Lohngleichheit. Waffenexporte. Sauberes Trinkwasser. Ernährungssouveränität. «Wir glauben fest daran, dass sich nur dann etwas ändern wird, wenn sich die Menschen selbst verändern», sagt Susanne Bonanomi. Genau deshalb streifen sie und ihr Mann sich jeden Tag das T-Shirt mit dem Aufruck «vegan» über und kämpfen gegen die Gleichgültigkeit.

Für die Armen

Bonanomis gemeinsame Geschichte begann 1953. Marc Bonanomi, 21 und Student an der ETH, lernte die Kindergärtnerin Susanne Moser an einem Fest kennen. Sie heirateten, das erste Kind kam 1959 zur Welt, das vierte 1966.

Sie lebten zu sechst in einer Dreizimmerwohnung und mussten jeden Rappen umdrehen, als Marc Bonanomi eine grosse Entscheidung traf: Er wollte Pfarrer werden. Bereits sein Vater war ein Geistlicher, ein Arbeiterpfarrer, der sich um die Armen und Verstossenen kümmerte. Auch Marc Bonanomi nahm bei sich im Pfarrhaus immer wieder Menschen auf, die nicht wussten, wohin. Die Beziehung zu Gott war den beiden Eheleuten schon immer wichtig.

Das sind Bonanomis. Achtsam, grosszügig, konsequent. Wenn sie nach einer Stunde Flugblätterverteilen mit ihrem Wägeli vom Hauptbahnhof zurück nach Zollikofen reisen, sind sie müde. Und manchmal traurig ob der Gleichgültigkeit der Menschen. «Die Kraft für unser Tun wurde uns geschenkt», sagt Susanne Bonanomi. «Aber ohne Marc würde ich das nicht machen. Und er ohne mich wahrscheinlich auch nicht.»

Bernerzeitung.ch/Newsnetz

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