Besser vernetzt: So gewann von Graffenried gegen Wyss

Bern

Nach dem Verlust des Stadtpräsidiums analysierte die SP die Gründe – und sieht sich in erster Linie als Opfer der Umstände. Einzelne Mitglieder gehen weiter und erachten die SP wahlweise als arrogant oder zu wenig links.

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2013 zog die langjährige SP-Nationalrätin Ursula Wyss mit dem Bestresultat in den Berner Gemeinderat ein – um vier Jahre später, nach einer Legislatur ­ohne grobe Fehler, die bitterste Niederlage ihrer Karriere einzufangen: Mitte Januar unterlag sie Alec von Graffenried (GFL) im zweiten Wahlgang um das Stadtpräsidium. Die SP musste das Amt nach 24 Jahren abtreten.

Zweieinhalb Monate danach traf sich die Partei am Montag zur Analyse. Unter Ausschluss der Medien einigten sich die Mitglieder auf einen «Cocktail verschiedener Gründe», der den Ausschlag für die Niederlage gegeben habe. In der Mitteilung, die sie ­danach verschickte, stellt sich die SP vor allem als Opfer dar – und kaum als Akteurin, die etwas zum Verlust des Stadtpräsidiums beigetragen haben könnte.

RGM gerettet – und für die langen Querelen gebüsst

«Die Konstellation war für die SP sehr schwierig», heisst es etwa: Von Graffenried, «ein Kandidat aus der Mitte», habe auf klare politische Positionen verzichtet und im zweiten Wahlgang «alle bürgerlichen Stimmen» auf sich vereint.

Zudem sei es im Wahlkampf vor allem um «Image und Zuschreibungen» gegangen, Wyss’ Leistungen seien «weit­gehend aus­geblendet» worden. Auch hätten die langwierigen Verhandlungen um die Zukunft von Rot-Grün-Mitte (RGM) vor allem der SP geschadet, obwohl es doch sie gewesen sei, die das Bündnis mit dem Ja zu drei RGM-Stapi-Kandidaturen letztlich gerettet habe.

Und schliesslich habe sich Wyss’ Kampagne «auf ein weniger breites Netzwerk in der Stadt Bern abstützen» können als jene von Graffenrieds.

Wyss zuerst, von Graffenried mit «reaktiver Kampagne»

Gerade der letzte Punkt erstaunt aus der Feder der grössten Stadtpartei – diese adelt in einem gewissen Sinne die Kandidatur von Graffenrieds. «Von Graffenried machte eine gute Kampagne», sagt SP-Co-Präsidentin Edith Siegenthaler, «das muss man neidlos anerkennen.»

Von Graffenried – Stadtberner, Burger, Ex-Regierungsstatthalter und als Losinger-Marazzi-Lobbyist auch ein Mann der Wirtschaft – verfüge über «ein sehr grosses Netzwerk», so Siegenthaler. «Damit und mit einer prägnanten Social-Media-Strategie hatte er eine gute Basis für seine Imagekampagne.»

Wyss’ Kampagne erachtet Siegenthaler als «gute, klassische Politkampagne». Es sei mit der eher traditionellen Kampagne aber schwierig gewesen, von Graffenrieds neuartiger Strategie entgegenzuhalten.

Zudem habe der frühe Kampagnenstart der SP – grundsätzlich ein Plus, so Siegenthaler – von Graffenried «eine reaktive Kampagne» erlaubt. Als Beispiel nennt sie Wyss’ Slogan «Die Stapi», den von Graffenried für sich zu «Dy Stapi» änderte.

Mit der Diskussion vom Montag beendet die SP laut Siegen­thaler die Wahlanalyse. «Nun wollen wir gemeinsam mit unseren beiden Gemeinderatsmitgliedern nach vorn schauen, für eine klare SP-Politik einstehen und die wichtigen Dossiers vorwärtsbringen.»

Ob die SP 2020 wieder nach dem Stadtpräsidium greifen wird, sei zum momentanen Zeitpunkt offen – es sei denn, von Graffenried trete nicht mehr an. «Bei einer Vakanz des Stapi-Amts würde die SP sicher wieder eine Kandidatur anstreben.»

Für einen angriffigeren Kurs plädieren die Juso. «Unserer Ansicht nach dürfte sich die SP linker positionieren und ohne das Mitte-M in die Zukunft gehen», sagt Vorstandsmitglied Barbara Keller. Mit der SP-Analyse zur Wahlniederlage sei sie insbesondere dort einverstanden, wo es um die Bedeutung von Zuschreibungen gehe.

«Was Ursula Wyss als machthungrig ausgelegt wurde, wäre bei einem Mann als zielstrebig bezeichnet worden», so Keller. «Ich bedaure, dass Gender-Argumente nicht gehört oder sogar noch gegen Wyss verwendet wurden.»

Bürgerliche Erkenntnis: Die SP schlägt man nur mit RGM

Andere Akzente setzt Peter Vollmer, SP-Nationalrat von 1989 bis 2007. Seiner Ansicht nach tritt die SP zu oft so auf, als habe sie «ein Exklusivrecht auf eine soziale, ökologische und offene Politik».

Dabei hätten alle RGM-Partner ihren Anteil an der erfolgreichen Politik der letzten Jahre, so Vollmer. «Wenn die SP dies nicht lernt, wird sie von immer mehr Leuten als arrogant wahrgenommen.»

Laut dem Politologen Daniel Bochsler haben die Bürgerlichen realisiert, dass die SP als «weitaus stärkste Partei im RGM-Bündnis» beim Stadtpräsidium nur mit einer RGM-Kandidatur zu schlagen ist, «mit geschlossenem Sukkurs von der bürgerlichen Seite».

Ihn habe erstaunt, wie gut dies funktioniert habe, gerade auch im zweiten Wahlgang. Womöglich habe der Gewinn eines vierten Gemeinderatssitzes für RGM dafür «nochmals einen Schub aus­gelöst».

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