Warum tut ihr das?

Gedanken zum merkwürdigen Verhalten von Rentnern.

Michael Bucher@MichuBucher

Wie man merkt, dass man so richtig alt ist? Wenn einen sämtliche Angestellten im Coop-Restaurant mit Namen kennen. Und umgekehrt. Heisst es an der Kasse «Grüessech, Herr Huber, äs Lougegipfeli u ä Schale wie immer?» ist das der untrügliche Beweis: Du bist alt!

Als ich mich neulich mit voll beladenem Tablar im pumpenvollen Restaurant nach einem freien Platz umsah, begann ich mir ein paar Gedanken zu machen. Über die seltsamen Verhaltensweisen von Rentnern. Ich möchte gern von euch wissen: Wieso müsst ihr unter der Woche mittags im Coop-Restaurant euer Erdbeertörtli vertilgen? Ausgerechnet zu dem Zeitpunkt, wenn das Arbeitervolk sein knappes Zeitfenster zum Mittagessen nutzen will. Ist das eurem über Jahre antrainierten Biorhythmus geschuldet? Tagwache um 6.30 Uhr, Mittagessen um 11.30 Uhr, Erdbeertörtli um 12.30 Uhr. Klärt mich auf!

Warum winkt ihr – bei einem Fussgängerstreifen wartend – die Autofahrer vorbei? Ist es eine Wertschätzung gegenüber dieser inzwischen stark gebeutelten Kaste? Eine verbindende Geste, die sagen soll: Ich darf zwar nicht mehr fahren, aber ich bin auf eurer Seite im Kampf gegen die Öko-Nazis? Oder ist es schlicht die Angst, überfahren zu werden? Sagt es mir!

Und wieso habt ihr immer solche Panik, nicht rechtzeitig aus dem Bus zu kommen? Sobald sich der Bus in Bewegung setzt, steht ihr auf und hangelt euch Richtung Türe, obwohl der nächste Halt noch Kilometer entfernt ist. «Excusé, i muess de bir nächste use», sagt ihr mit genervtem Gesichtsausdruck und drängt euch bis vor die Tür – obwohl alle anderen, die dort stehen, auch aussteigen müssen. Bremst der Bus vor der Haltestelle langsam ab, drückt ihr wie von Sinnen auf den Türöffner. Wieso diese Angst? Ich habe jedenfalls noch nie eine Agenturmeldung gelesen, die da lautete: «Tragischer Vorfall gestern Abend in Bern. Weil ein 80-jähriger Rentner es nicht rechtzeitig aus dem Tram schaffte, landete er allein im Tramdepot Eigerplatz, wo der verstörte und hilflose Mann schliesslich von einer Polizeipatrouille aufgefunden wurde.»

Berner Zeitung

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