Warum sich Zürich viel mehr Vororte einverleibte als Bern

Eigentlich sollte Bern ab 1918 seine armen Vororte eingemeinden, so wie es Zürich gelang. Aber die Bundesstadt nahm nur Bümpliz auf.

Bümpliz gehört seit 1919 zu Bern.

Bümpliz gehört seit 1919 zu Bern.

(Bild: Stefan Anderegg)

Stefan von Bergen@StefanvonBergen

Nicht alle Stadtberner dürften es begrüssen, das angeschlagene Ostermundigen einzugemeinden und seine Finanzen zu sanieren. In der jüngeren Schweizer Geschichte war es allerdings immer eine finanzielle Notlage, die städtische Eingemeindungen in Gang brachte. Den Anfang machte 1885 mit einer Petition der Zürcher Vorort Aussersihl, der damals die bevölkerungsreichste Zürcher Gemeinde war.

Tausende von Industriearbeitern wohnten dort in prekären Bruchbuden. Die explosionsartig gewachsene Gemeinde hatte kein Geld, um eine Kanalisation, Schulhäuser oder Strassen zu bauen. 1893 wurde Aussersihl in der Stadt Zürich eingemeindet, zusammen mit zehn weiteren Vorortsgemeinden – etwa Enge, Hirslanden oder Wollishofen.

1907 startete aufgrund derselben Notlage die Berner Vorortsgemeinde Bümpliz Fusionsverhandlungen mit der Stadt Bern. Viele Zuzüger, die in den Fabriken der Stadt arbeiteten, wohnten in Bümpliz’ ärm­lichen Billigwohnungen.

Erschwerend kam hinzu, dass man im Kanton Bern bis ins Jahr 1917 Steuern am Arbeits- und nicht am Wohnort zahlte. In Bümpliz’ Gemeindekasse herrschte deshalb Ebbe, die Ansprüche aber stiegen. 1919 wurde die Eingemeindung von Bümpliz in die Stadt Bern mit dem Ja beider Gemeinden vollzogen. Die Gemeinde Bern übertraf nun die Grenze von 100'000 Bewohnern.

In der damaligen Abstimmungsbotschaft wurde die Fusion als erster Schritt zu einer weiteren Arrondierung der Stadt Bern deklariert. So weit kam es aber nie. Obwohl der Kanton Bern Druck auf die Stadt machte, weitere verarmte Vororte aufzunehmen. Bern stellte darauf die Bedingung, auch wohlhabende Orte wie Muri und Teile von Köniz einzugemeinden. Beide Gemeinden aber wehrten sich entschieden.

1918 liess die Stadt Bern auch ein Zusammengehen mit der Gesamtgemeinde Bolligen platzen. 1924 forderten Wabern und das Liebefeld einen Anschluss an Bern, wurden aber von der Gemeinde Köniz zurückgepfiffen. Zwischen 1925 und 1950 unternahm auch das finanziell darbende Bremgarten mehrere Versuche, sich der Stadt Bern anzugliedern. Erfolglos. Ab den 1960er-Jahren stiegen in den wachsenden Vororten die Steuereinnahmen, was den Fusionsdruck linderte.

Zürich gelang es 1934, sich in einer zweiten Eingemeindungswelle noch einmal markant zu vergrössern. Acht Vororte – unter ihnen Oerlikon, Schwamendingen, Altstetten oder Höngg – stiessen zu Zürich, das nun über 300 000 Einwohner zählte. Die 19 hinzu­gestossenen Orte wurden als Stadtquartiere neu geplant und überbaut.

Zürichs Expansion blieb in der Schweiz einzigartig, Stadträume sind seither ein hartes Pflaster für Gemeindefusionen. Nur in Lugano und Bellinzona gelangen Zusammenschlüsse in einem städtischen Grossraum. In Luzern, Sursee, Olten oder Solothurn scheiterte die Fusion mit grossen Vorortsgemeinden. Über ein Gross-Freiburg bestehend aus neun Gemeinden wird immer noch ohne Resultat diskutiert.

Berner Zeitung

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