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Warum für sie nichts planbar ist

Seit 34 Jahren geht Daniela Jost aus Jegenstorf zur Jagd. Der Trailer zur neuen BEsonders-Folge.

cla/sar

Ein Kitz. Weshalb ausgerechnet ein Kitz? Daniela Jost blickt im Ansitz durchs Visier. Auf der Diepoldshausenegg bei Vechigen bricht der Tag an. Es wird heller, Vögel zwitschern, es riecht nach frischer Waldluft – eigentlich herrscht exakt jene Stimmung, die Daniela Jost beim Jagen liebt.

Und doch schlägt ihr Herz nun bis zum Hals. «Geht weiter», denkt sie, den Finger am Abzug, zwanzig Minuten lang, «geht weiter.» Die Rehgeiss und ihr Kitz tun ihr schliesslich den Gefallen. Jost hofft nun auf einen Bock oder eine einzelne Geiss. Doch stattdessen kehren Geiss und Kitz zurück. Wieder ringt die Jägerin mit sich. Dann drückt sie ab.

Eigentlich mag Daniela Jost das Ungewisse, das jeder Jagdtag mit sich bringt. Es ist das, was für sie den Reiz der Jagd ausmacht – seit 34 Jahren. Wenn der Tag ein Kitz mitbringt, dann soll es so sein. Ausserdem ist sie verpflichtet, auch ein Kitz zu schiessen, wenn sie wie heuer die Bewilligung für den Abschuss von zwei erwachsenen Rehen gelöst hat. Dennoch fällt es ihr immer wieder schwer.

Seit ihrer Jungjägerinnenzeit rettet sie jeweils im Frühsommer Rehkitze aus den Feldern, nimmt jedes Jahr einzelne Ferientage dafür. «Der Mähtod ist grässlich, und ich bin froh um jedes Tier, das ich davor bewahren kann.» Wenn ein Bauer der Jegenstorferin dann vorwirft, sie rette die Jungtiere nur, um sie im Herbst schiessen zu können, entgegnet sie: «Sie hacken Ihren Kälbern auch nicht die Füsse ab, bevor Sie sie schlachten.»

Eine umstrittene Passion

Das Kitz, das Daniela Jost nun ausweidet, war sofort tot. Direkt über dem Schulterblatt hat die Jägerin getroffen – wie es sein soll. Jost war jahrelang eine passionierte Sportschützin und hat auch Schweizer Meisterschaften gewonnen. Die Konzentration auf den Moment, die das Schiessen erfordert, fasziniert sie. Doch beim Jagen ist der Schuss nicht das Zentrale, sondern lediglich etwas, das dazugehört. Jagen ist für die Geschäftsführerin des Berner Jägerverbands weder Sport noch Hobby. Sondern eine Passion, eine Lebenseinstellung.

Auch ausserhalb der Jagdsaison trägt die 53-Jährige am liebsten Jägergrün. Das ganze Jahr über beobachtet sie die Wildtiere und weiss exakt, wo diese sich aufhalten. Bei ihr daheim in Jegenstorf hängen Trophäen von Tieren, die sie erlegt hat. Ein Raum im Keller ist komplett mit Jagdmaterial gefüllt, und ihre beiden deutschen Wachtelhunde Panja und Max füllen das Haus mit Leben.

Daniela Josts Passion ist nicht überall gerne gesehen. Immer wieder wird sie angefeindet. Wenn die Diskussionen direkt im Wald stattfänden, seien sie oft konstruktiv, sagt sie. Jost versteht es, wenn Menschen gegenüber der Jagd kritisch eingestellt sind. Mühe hat sie hingegen, wenn die Kritiker den Respekt vor ihr verlieren. Sie erhält manchmal Drohbriefe, in denen steht, man sollte sie erschiessen und nicht die wehrlosen Tiere.

Oder ihr wurde gesagt, jagende Frauen seien psychisch total gestört und sexuell abartig. «Aber das muss man wegstecken können», sagt sie. Meistens wird Jost dann angefeindet, wenn sie sich zuvor von Medien hat por­trätieren lassen. Obschon sie ­diese ­Anfeindungen nachdenklich stimmen, hatte sie noch nie Angst. Andere Jäger hingegen ­haben mehr Mühe. Sie lassen sich erst gar nicht auf Medientermine ein.

Respekt gegenüber dem Tier

Mit «Weidmannsheil» gratuliert Michael Gygax von der Jagdgruppe Steinbock seiner Kollegin zum Jagderfolg. «Weidmannsdank», erwidert Daniela Jost. Auf ihrem Hut zeigt ein Tannenzweig, dass sie ein Tier erlegt hat. Auch im Mund des Kitzes, das mittlerweile kopfüber an einem Ast hängt, steckt ein Tannast. Er steht symbolisch dafür, dass die Jägerin ihrem Beutetier etwas ins Jenseits mitgibt.

Jost und die anderen Jäger von der Jagdgruppe Steinbock legen grossen Wert auf solche Traditionen. Dazu gehört auch die Weidmannssprache, die sie bewusst pflegen. Für sie hat ein Reh keinen Kopf und keine Beine, sondern ein Haupt und Läufe. Gar «Gring» oder «Scheiche» zu sagen, ist ein Tabu.

Es ist Daniela Jost ein Anliegen, das Jagdwesen den Menschen nahezubringen. Sie arbeitet im Bundesamt für Umwelt, zu ihrem Fachgebiet gehört auch die ­naturbezogene Umweltbildung im Wald. Sie macht auch selber gerne Führungen – als ehemalige Sekundarlehrerin steht ihr die Pädagogik nach wie vor nahe. ­Besonders gerne zeigt sie drei- bis fünfjährigen Kindern in Waldspielgruppen ihren Zauberrucksack: Den Jagdrucksack, in dem sie den Kleinen ein Fuchsfell, eine Hundeleine, ein Jagdhorn und Rehgeweihe mitbringt.

Mit zehn schon ein Jägerherz

Mittlerweile ist es Mittag. Die Jagdgruppe Steinbock trifft sich in einem Waldstück auf der ­Diepoldshausenegg. Bereits knistert ein Feuer, und innert kürzester Zeit haben die Jäger den Tisch fürs Mittagessen aufgestellt. Jost hat an diesem Tag Kochdienst. Sie brutzelt Steaks auf dem Feuer und stellt Hörnlisalat auf, dazu stossen die Jäger mit einem Glas Wein an. Zum Dessert gibt es selbst gebackenen Zitronencake. Die Stimmung ist ausgelassen, wie in einer Familie, deren Mitglieder sich bestens verstehen.

Daniela Jost ist die einzige Frau. Sie scherzt mit ihren Kollegen, lacht viel, teilt aus und steckt ein, erzählt von ihrer Mühe beim Schiessen des Kitzes und telefoniert mit Verbandspräsident ­Lorenz Hess, der an diesem Tag mit seiner Gruppe auf dem Dentenberg unterwegs ist. «Daniela ist eine sehr zuverlässige und ­loyale Person», sagt Hess. «Sie ist diejenige, welche die Jagdgruppe zusammenhält. Eine äusserst starke und zugleich herzliche Persönlichkeit, die genauso gut und gerne Jagdstrategien plant wie Zitronencake bäckt.»

Nur knapp zehn Prozent der Berner Jäger sind weiblich. ­Akzeptiert hat sich Jost in der Männerdomäne immer gefühlt, obschon sie in den 1980er-Jahren als Jungjägerin einige Sprüche einstecken musste. Ihr vor acht Jahren verstorbener Mann war einst auch Mitglied der Gruppe Steinbock. Daniela Jost erwähnt ihn oft und hält in Ehren, was ihm beim Jagen wichtig war.

Zum Jagen gebracht hat sie aber ein anderer Mann: Sie wuchs in Zollikofen neben einem Bauernhof auf, und ihre Familie ging immer einmal pro Saison mit der Jagdgruppe des Bauern im Wald essen. Die Zehnjährige fand dies dermassen spannend, dass sie beschloss, gleich mit achtzehn die Jägerausbildung zu starten.

Die Treiberin

Der Klang des Jagdhorns hallt durch den Wald. Die Mittagszeit ist vorbei, es geht auf zur Treibjagd. Jost nimmt das Steinbockhorn von den Lippen und lässt die Hunde von der Leine. Sie ist die Treiberin in der Jagdgruppe, scheucht also mit den Hunden das Wild auf.

An strategisch wichtigen Orten auf dem Wildwechsel warten Josts Kollegen. «Hoooi!», ruft die Treiberin und geht den Hunden nach, zwischen jungen Tannen hindurch. Dort verstecken sich die Rehe gerne. Da – ein Bellen. Jost setzt das ­Gewehr an. Wenn die Hunde ein Reh auf sie zutreiben, muss sie schnell schiessen. Doch es flitzt lediglich ein Hase vorbei.

Jost könnte es sich nicht vorstellen, ohne Hunde zu jagen. «Wir sind ein Team.» Panja, bereits 15-jährig, wartet zwar im Auto. Max hingegen ist Feuer und Flamme und flitzt herum, bis sein Frauchen wieder das Steinbockhorn ansetzt und die Treibjagd ausbläst. Diesmal hatte die Gruppe keinen Erfolg.

Wildterrine zu Weihnachten

Es ist später Nachmittag. Mit ihrem Kitz fährt Daniela Jost zum Metzger nach Büren zum Hof, der das Fleisch für sie por­tioniert und vakuumiert. Sie verkauft kein Fleisch an Restaurants, sondern beliefert direkt Familien.

Ab und zu behält sie ein Reh für sich – obschon ihr Wildfleisch eigentlich nicht schmeckt, ausser es ist getrocknet oder steckt in einer Lasagne. Aber sie liebt es, Gäste zu bekochen, mit Rehgulasch oder Stroganoff zum Beispiel. Und zu Weihnachten verschenkt sie selbst gemachte Wildpastete oder Wildterrine. Jagen ist eben eine Lebenseinstellung. Sandra Rutschi

Das multimediale Porträt «Daniela und die Jagd» finden Sie hier.

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