Warme Worte müssen als Lohn genügen

Heute endet die dritte Ausgabe des Neustadt-Lab. Zwar konnte dieses mit weniger städtischen Geldern durch­geführt werden. Die Organisatoren sprechen aber von finanziellen Lücken. Ob nächstes Jahr mehr Geld fliesst, ist offen.

Leere Stühle nach erfolgreichem Sommer. Im verregneten September verweilten deutlich weniger Leute im Neustadt-Lab als zuvor an den lauen Hochsommerabenden.

Leere Stühle nach erfolgreichem Sommer. Im verregneten September verweilten deutlich weniger Leute im Neustadt-Lab als zuvor an den lauen Hochsommerabenden. Bild: Raphael Moser

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Aus der Perspektive des gemeinen Pendlers präsentierte sich das Neustadt-Lab 2017 wie in den beiden Jahren zuvor: Der Blick aus den Zügen, die über den Viadukt eingangs Bern rauschen, gewährt freie Sicht auf die bepflanzten und bemalten Palettenbauten des Neustadt-Lab. Dazwischen alternativ Strassenfussball oder spontane Kunstausstellung, spielende Kinder, Feierabendgäste beim Apéro, manchmal wummernde Bässe. An einem schönen Sommerabend tummelten sich bis zu 2000 Menschen auf der Schützenmatte, die während des restlichen Jahres eng besetzter Parkplatz ist.

Anders als in den Vorjahren war jedoch die finanzielle Ausgangslage des Labors: 2016 hatte die Stadt Bern das Projekt noch mit 75 000 Franken, 2015 sogar mit 90 000 Franken unterstützt. Dieses Jahr jedoch «musste der Gemeinderat das Gesuch des Vereins Neustadt-Lab um finanzielle Unterstützung ablehnen», schrieb dieser in einer Medienmitteilung vom 1. Juni. Die Gründe seien einerseits «finanzrechtlicher» Natur – von verpassten Fristen war die Rede –, andererseits war «der Gemeinderat der Ansicht, dass es möglich sein sollte, die Schützenmatte während des Sommers auch ohne finanziellen Beitrag der Stadt zu beleben».

Ein Kompromiss

Das Neustadt-Lab stand rund drei Juniwochen lang auf der Kippe (wir berichteten). Schliesslich einigten sich Veranstalter und Gemeinderat – die gefundene Lösung war ein Kompromiss: Die Stadt würde das Labor mit Gebührenbefreiung für die Platzbenützung, Verzicht auf die Einnahmen der Parkplatzgebühren und weiteren Leistungen wie Reinigung und Polizei unterstützen. Wie hoch dieser Betrag ist, könne noch nicht beziffert werden, so die Stadt auf Anfrage. Die Gebührenbefreiung allein be­laufe sich schätzungsweise auf 20 000 Franken.

«Aus meiner Sicht fällt die Bilanz positiv aus.»Alec von Graffenried

Die Belebung der Schützenmatte ist seit langem Thema in Stadt- und Gemeinderat. Der Parkplatz und die Eisenbahnbrücke machen den Platz unübersichtlich, Drogenhandel und ein Drogen-Drive-in prosperieren in Berns Zentrum. Immer wieder kommt es zu Vorfällen mit Gewalt, die Reitschule fühlt sich mit den Problemen um die Schützenmatte allein gelassen.

Politisch ist die permanente Aufhebung der Parkplätze zwar beschlossen, verhindert wird sie aber von Einsprachen. Ein Pilotprojekt sollte mögliche Nutzungen des Parkplatzes austesten – und was würde sich besser eignen als eine Zwischennutzung im Sommer zwecks Erkenntnisgewinns für eine definitiv autofreie Schützenmatte?

Heute endet ein weiteres Neustadt-Labor, und fragt man die Präsidialdirektion der Stadt Bern nach einem Fazit, antwortet Stadtpräsident Alec von Graffenried (GFL): «Aus meiner Sicht fällt die Bilanz positiv aus.» Er verweist auf die gut besuchten Veranstaltungen, die «originellen Stände und Einrichtungen» und das Lab als beliebten Treffpunkt mitten in der Stadt. «Das bestärkt den Gemeinderat in seiner Haltung, mit einer Belebung des Platzes einen attraktiven Ort mit hoher Aufenthaltsqualität schaffen zu wollen.»

«Wir mussten deutlich mehr Gratisstunden leisten.»Ramon Stricker

Die Antwort von Ramon Stricker, Vertreter des OK des Neustadt-Lab, fällt verhaltener aus: «Es ist zu früh für eine abschliessende Bilanz, wir haben noch nicht abgerechnet.» Auch er spricht von gut besuchten Sommerabenden im August – aber auch von einem verregneten September, in dem nur wenige Leute auf dem Platz waren. Die Einnahmen aus dem letzten Monat seien dementsprechend gering. «Wir rechnen mit einem Defizit.»

Zwar betont Stricker, dass sich die Stadt für die Arbeit des OK interessiert hätte und wiederholt Gespräche stattgefunden hatten. Auch als die Polizei mehrfach harsch auf nächtlichen Lärm reagierte (siehe Kasten), habe die Stadt die Rolle der Vermittlerin eingenommen und mit der Polizei das Gespräch gesucht. Doch finanzielle Löcher vermochte die Präsidialdirektion auch mit Interesse und moralischem Beistand nicht zu stopfen: «Wir mussten deutlich mehr Gratisstunden leisten. Das Neustadt-Büro, also die eigentliche Organisation, hatte viel weniger Gewicht.»

2018: Finanzierung offen

Einen eigentlichen Platzwart, der tagsüber Passanten zu Veranstaltungen animierte und als Ansprechperson bei Unruhen fungierte, habe es dieses Jahr nur noch in reduzierter Form gegeben. In den Vorjahren hatte diese Rolle OK-Mitglied Juerg Luedi innegehabt. Dazu schrieb der ­Gemeinderat in einem Vortrag an den Stadtrat am 31. Mai 2016: «Als Erfolgsfaktor galt die Projektleitung durch Juerg Luedi, welcher das Neustadt-Lab in ­enger Zusammenarbeit mit einzelnen Trägerschaften, Akteuren und Stadtbehörden durch­führte.»

Bei den Löhnen habe das OK der Stadt in seiner Budgetvorlage 40 Prozent Eigenleistung vorgeschlagen. Dennoch blieb es bei der Gebührenbefreiung. «Da wir weniger Geld für einen Platzwart zur Verfügung hatten, lag der Schwerpunkt dieses Jahr eher bei den Bars als bei den Veranstaltungen», erklärt Stricker – das, obwohl die Organisatoren eine Kommerzialisierung vermeiden wollten, beispielsweise indem die Anlässe mit den Einnahmen der Bars quersubventioniert wurden.

Im OK geht man davon aus, dass der Gemeinderat nächstes Jahr wieder mehr Gelder für das Neustadt-Lab spricht. «Andernfalls ist das nicht machbar – wir müssen das Defizit stoppen», so Stricker. Von Graffenried hingegen will die Frage nach der ­finanziellen Unterstützung der Stadt im nächsten Jahr heute noch nicht beantworten: «Das ist noch offen.» Wichtig sei, dass die beiden Parteien frühzeitig den Dialog suchten und sich über die Finanzierung einigten. (Berner Zeitung)

Erstellt: 23.09.2017, 08:22 Uhr

Lärm: «Polizei reagierte harscher»

Die warmen Augustnächte mit hohen Besucherzahlen verliefen nicht ganz reibungslos: «Fast täglich ist die Polizei vorbeigekommen», erzählt Ramon Stricker (34). Er ist Teil des Neustadt-Lab-OK. Grund dafür waren Lärmklagen. Wer genau sich an den Emissionen störte, ist ihm nicht bekannt, nur: «Im Vergleich zum letzten Jahr hat die Polizei harscher reagiert und viel schneller interveniert.»

Noch ist nichts definitiv – keine Busse wurde erteilt, vielleicht auch keine Anzeige erstattet. Stricker bangt trotzdem: Auf seinen Namen läuft die Veranstaltungsbewilligung des Neustadt-Lab – obwohl die Organisatoren im Kollektiv auftreten. Sind tatsächlich Bussen oder Anzeigen eingegangen, richten sich diese gegen Stricker und würden sich entsprechend aufsummieren. «Wir überlegen uns nun, wie wir dafür sorgen können, dass eine Busse nicht von einer Person allein getragen werden müsste.»

In einem anderen Jahr könne das Problem nur mit längeren Öffnungszeiten gelöst werden, ist sich Stricker sicher. Diese würden mit entsprechend längerer Präsenz vor Ort der Veranstalter einhergehen. akn

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