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War die Täterin richtig untergebracht?

Als Jugendliche sperrte man Sonja B.* in den Hochsicherheitstrakt in Hindelbank, als 22-Jährige war sie Patientin der Jugendpsychiatrie in der Waldau. Nun untersucht der Kanton, ob bei der Unterbringung Fehler passiert sind.

Als Sonja B. 15 Jahre alt war, wollte sie ihrem Bruder mit einem Messerstich in den Rücken töten. Als 17-Jährige verübte sie in Bern zwei Raubüberfälle. In der Nacht auf Dienstag schliesslich machte sie eine Drohung wahr, von der sie in den letzten Jahren immer wieder gesprochen hatte: Sonja B. tötete im Berner Florapark einen Mann mit mehreren Messerstichen. Diesem Verbrechen voraus gingen jahrelange Aufenthalte im Strafvollzug und in psychiatrischen Einrichtungen. Zuletzt war Sonja B. Patientin der Universitären Psychiatrischen Dienste (UPD) Waldau. Trotz ihrer Vorgeschichte und der 17 Gefährdungsmeldungen, welche alleine 2008 ergingen, konnte sich Sonja B. relativ frei bewegen. So lebte sie in einer WG im Mattenhofquartier und ging in der Waldau nur zur Arbeit.

Kanton lässt untersuchen

Nun wollen die Kantonsbehörden wissen, ob bei der Unterbringung von Sonja B. Fehler gemacht worden sind. Gesundheits- und Fürsorgedirektor Philippe Perrenoud (SP) hat gestern eine amtliche Untersuchung angeordnet. Ein externer Experte soll «alle Tatbestände rund um die medizinische und fürsorgerische Behandlung und Betreuung abschliessend abklären», heisst es in einer Medienmitteilung. Vorabklärungen der Gesundheits- und Fürsorgedirektion (GEF) hätten in diesem Fall «eine höchst komplexe Ausgangslage mit teilweise unklaren Tatbeständen» gezeigt. Bis zur Abgabe des Untersuchungsberichts an den Gesundheitsdirektor wollen sich weder die GEF noch die UPD zum Fall Sonja B. äussern. Fragen gebe es aber einige. Bereits am Mittwoch bestätigte die UPD, dass Sonja B. zuletzt Patientin der Kinder- und Jugendpsychiatrie in der Klinik Neuhaus war. Doch Sonja B. wurde diesen Mai 22-jährig – hätte sie also nicht von der Erwachsenenpsychiatrie betreut werden sollen? «Für Jugendliche über 18 Jahre ist in der Regel die Erwachsenenpsychiatrie zuständig», heisst es dazu auf der Homepage der Waldau. In gewissen Fällen bleiben junge Erwachsene bis 21 in der Obhut der Jugendpsychiatrie.

«Keine Beurteilung in Bern»

Aus Fachkreisen ist zu erfahren, dass zwischen der Jugend- und der Erwachsenenpsychiatrie Welten liegen: So gibt es beispielsweise in der Jugendpsychiatrie im Kanton Bern keine forensischen Abteilungen. Die forensische Psychiatrie befasst sich mit der Schuldfähigkeit und der Einschätzung des Gefährlichkeitsgrades von Straftätern. Erst in Zürich existiert eine Fachstelle für Kinder- und Jugendforensik.

«Therapie» bei Mörderin

Schon 2003 haben die Behörden im Fall Sonja B. einen fragwürdigen Entscheid gefällt: Nach der Attacke auf ihren Bruder erkannte das Jugendgericht Uster auf versuchte vorsätzliche Tötung und ordnete nach Artikel 92 des Strafgesetzbuchs eine «besondere Behandlung» an. Damit sind gemäss dem Strafrechtsspezialisten Stefan Trechsel «stationäre wie ambulante, medizinische, insbesondere psychiatrische, psychologische oder heilpädagogische Methoden» gemeint. Zum Vollzug der Massnahme wurde die damals knapp 17-Jährige an die Berner UPD überwiesen. Diese wiederum hat sie in der kleinen geschlossenen Abteilung des Viktoriaheims in Richigen platziert. Während eines begleiteten Ausgangs türmte sie und beging die beiden Raubüberfälle in der Stadt Bern (siehe Artikel rechts). Dies hatte gravierende Folgen für die junge Frau: Sonja B. wurde daraufhin in der Frauenstrafanstalt Hindelbank untergebracht. Während rund dreier Jahre sass sie dort im Hochsicherheitstrakt. Ein denkbar ungeeigneter Ort für eine «besondere Behandlung», wie Recherchen dieser Zeitung zeigen: Sie hatte kaum Beschäftigung, auch die psychiatrische Begleitung war nur marginal. Besonders pikant: Zuerst brachte man Sonja B. im abgeriegelten hinteren Teil des Trakts unter. Dieser wurde 2000 für die Sicherheitsverwahrung der hochgefährlichen Zürcher «Parkhaus-Mörderin» ausgebaut. Sonja B. lebte dort isoliert in ihrer Zelle. Auch arbeiten durfte sie nur allein – oder gemeinsam mit der «Parkhaus-Mörderin». Diese Mörderin hatte Sonja B. gegenüber dem Untersuchungsrichter als «Vorbild» bezeichnet, wie gestern «10vor10» berichtete.

Seltsame «Behandlung»

Was man mit dieser «besonderen Behandlung» an der Seite der vielleicht brutalsten Frau der Schweiz erreichen wollte, dürfte ebenfalls Thema der Untersuchung sein. Die Verantwortung für die Einweisung liegt letztlich beim Jugendgericht Uster, welches die «Behandlung» angeordnet hat. Ungeklärt blieb gestern, ob Sonja B. bei der Einweisung in die Strafanstalt Hindelbank bereits 18-jährig war. Die Indizien deuten eher auf das Gegenteil hin: Zum Zeitpunkt der Raubüberfälle im Mai 2003 war sie gerade 17 Jahre alt geworden. Sollte die junge Frau noch nicht 18 gewesen sein, hätten die Behörden erheblichen Erklärungsbedarf: «Freiheitsentzug von Jugendlichen darf nicht in Strafanstalten von Erwachsenen durchgeführt werden», sagt Martin Kraemer, Vorsteher des kantonalen Amts für Freiheitsentzug und Betreuung, klipp und klar. Zum konkreten Fall gibt auch er keine Auskunft.

*Name von der Redaktion geändert

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