Von Pfadverlierern und Fremdbrötlern

Was ist ein Eichhorn? Wer ist ein Fremdbrötler? Oder wie lebt ein einzelnes Leut? Das «Keinzigartige Lexikon», ein Werk der Berner Giuliano Musio und Manuel Kämpfer, klärt auf.

<b>Der Fremdbrötler:</b> Ein äusserst geselliger Zeitgenosse.<p class='credit'>(Bild: Manuel Kämpfer)</p>

Der Fremdbrötler: Ein äusserst geselliger Zeitgenosse.

(Bild: Manuel Kämpfer)

Wer bei der Frage an den schreckenerregendste Riesensäuger der Urzeit an Mammut und Säbelzahntiger denkt, liegt zwar nicht falsch, kennt aber gewiss das Eichhorn noch nicht. Der Urahn des Eichhörnchens soll durch seine Grösse, seine scharfen Zähne und sein hinterlistiges Wesen eine permanente Bedrohung für die Menschen der Steinzeit gewesen sein. Gut, einen Beleg für die Existenz dieser Kreatur gibt es nicht. Wird es auch nie geben, denn das Eichhorn ist eine der zahlreichen Wortkreation aus dem «Keinzigartigen Lexikon» von Giuliano Musio.

Giuliano Musio, von Beruf Autor und Korrektor, frönt in dem kleinen gelben Büchlein seiner Leidenschaft der deutschen Sprache und Listen. «Der Ursprung für meine Wortkreationen waren sogenannte unikale Morpheme, denen ich zum ersten Mal in meinem Studium be­gegnet bin», sagt der 41-jährige Berner. Unikale Morpheme sind Wortbestandteile, die nur in einem einzigen Begriff vor­kommen, wie «kunter» in «kunterbunt», «Schorn» in «Schornstein» oder «Him» in «Him­beere». Diese einzigartigen Wörter begann er dann in einer Liste zu sammeln.

«Das Schöne an diesem Phänomen ist: Unikale Morpheme sind selten, aber doch nicht so selten, dass man sich jemals sicher sein könnte, alle gefunden zu haben. Über Jahre hinweg habe ich so alle ein bis zwei Monate ein neues unikales Morphem entdeckt», erzählt Musio. Irgendwann sei er dann auf die Idee gekommen, die unikalen Morpheme aus ihrer Einzig­artigkeit zu befreien, indem er Verwandte von ihnen kreierte – wie die «Bromrübe», «kunterschwarzweiss» oder «klitze­gross».

«Ich habe das strenge Konzept mit der Zeit etwas auf­geweicht und mich nicht mehr ausschliesslich auf unikale Morpheme beschränkt, sodass ich auch Wörter wie die ‹Zweiöde› oder die ‹Mondschnuppe› aufnehmen konnte.» So erläutert er in seinem Lexikon die Unterschiede zwischen Pfadfindern und Pfadverlierern, Eigenbrötlern und Fremdbrötlern, Popcorn und Jazzcorn oder erklärt, wie ein einzelnes Leut so lebt: «Es zeigt durchweg Verhaltensweisen, die eigentlich für Menschenmengen üblich wären.»

Gezeichnete Wörter

Bei der Erläuterung der Begriffe lässt Giuliano Musio seiner Fantasie freien Lauf und setzt auf viel Witz. Trotzdem klingen die Texte täuschend echt nach Lexikon. Dazu hat der Autor unter anderem reale Personen wie die Gebrüder Grimm oder den Ent­decker Alexander Humboldt eingebaut, die er in Bezug zu seinen Kreation wie etwa dem Rumba­stilzchen, stellt.

Zum Leben erweckt werden die Begriffe durch kleine schwarzweisse Zeichnungen des Berner Grafikers Manuel Kämpfer. Der 34-Jährige ist gelernter Gymnasiallehrer für Gestalten, arbeitet aber als Heil­pädagoge, Grafiker, Illustrator und Barkeeper. Seine detailverliebten Illustrationen machen Lust auf die Erklärung der Be­griffe. «Die Bilder haben einen grossen Einfluss auf meine finalen Favoriten im Buch, etwa die Zeichnung zum Wort Grossod mit der Dame, die Kronleuchter-Ohrringe trägt, gefällt mir be­sonders», so Giuliano Musio.

Das Lexikon ist ein Gemeinschaftswerk. Es unterhält und regt neben der Fantasie auch zu Gedanken an, was das Ausgangswort und das neu erschaffene eigentlich bedeuten. Zudem ist es dank kurzem Lesefutter ein Knabberspass für zwischendurch, der wohl auch dem Eichhorn ge­mundet hätte.Giuliano Musio:«Keinzigartiges Lexikon», Edition taberna kritika, 122 S., ca. 20 Fr. Buchtaufe:18. 10., 18.30 Uhr, ETK Books Store, Mon­bijoustr. 69, Bern. Eintritt frei.

Berner Zeitung

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