Von feinen Klängen zum polternden Humor

Bern

Statt im Freien – wie ursprünglich geplant – wurde am Berner Literaturfest in Kellern und Sälen gelesen. Dicke Luft herrschte auch in Geschichten, mal im Gefängnis, mal an Filmhochschulen.

Liest erstmals seit Jahren: Jörg Steiner erzählt von bedrohlichen Ferien auf Sardinien.

Liest erstmals seit Jahren: Jörg Steiner erzählt von bedrohlichen Ferien auf Sardinien.

(Bild: Christian Pfander)

Helen Lagger@FuxHelen

Endo Anaconda im betont lässigen Strohhut und halb offenen Hemd wartet mit François Loeb vor dem Ono auf den gemeinsamen Auftritt. Trotz Sonnenschein haben sich die Veranstalter des Literaturfests Hans Ruprecht und Urs Kummer für die Schlechtwettervariante entschieden. Als sie im Vorfeld die Lesepulte und Mikros installierten, spekulierten sie noch mit Regen. Statt im Freien wird deshalb in dunklen Sandsteinkellern oder plüschigen Theatern gelesen. François Loeb erzählt bereitwillig, warum er mit Anaconda zusammen auftritt. «Wir kennen uns von unserer gemeinsamen Rumänienreise, wo wir beide als Lokführer engagiert waren», erzählt der ehemalige Nationalrat und Berner Warenhausguru. Mit dem Fahren einer Lokomotive habe er sich einen Bubentraum erfüllt.

Anaconda beginnt schliesslich mit dem Thema Esoterik und Aberglaube. Dass der bekennende Schluckspecht zuletzt selbst zum mondsüchtigen Werwolf mutiert, beschert ihm einige Lacher. Das bei ihm längst zur Masche gewordene Abstürzen darf auch in der nächsten Geschichte nicht fehlen: In «Raue Nächte» trifft der Autor unter Drogeneinfluss auf Casanova und bleibt schliesslich im Nebel des 18.Jahrhunderts stecken.

Autor aus China spielt Flöte

Von der lokalen Prominenz zu einem internationalen Gast: Im Puppentheater liest Raphael Urweider aus dem Roman «Für ein Lied und hundert Lieder» des 1958 in Westchina geborenen Poeten und Musikers Liao Yiwu. Der Autor sitzt mit typisch asiatischem Understatement daneben. Er lebt im Exil in Berlin.

Sein nun auf Deutsch erschienenes Buch ist ein Zeugenbericht aus chinesischen Gefängnissen. Sein Hippiedasein als chinesischer Avantgardedichter nahm ein jähes Ende, als er Gedichte verfasste, in denen er vom Massaker auf dem Platz des Himmlischen Friedens berichtete. Von seiner Inhaftierung und den erlebten Misshandlungen, aber auch von der Bedeutung der Musik handelt sein Roman. Als der bisher stumme Autor zuletzt abwechselnd zu Hackbrett, Flöte und einem tibetischen Klanginstrument greift und zu singen beginnt, versteht man auch ohne Chinesischkenntnisse, dass es in diesem Klagelied um Widerstand, Schmerz und Hoffnung geht.

Maus als unfreiwillige Heldin

Hoffnungslos lustig sind hingegen die Geschichten des Berner Autors und Filmemachers Matto Kämpf. Das Publikum ist hier etwas jünger als anderswo, die Stimmung locker. Kämpf liest aus «Tiergeschichten 2», der Fortsetzung seiner legendären Tierschicksale. Diesmal erzählt er von einer Filmhochschule, an der Studenten mit nur einer Einstellung etwas Spannendes erzählen sollen. Eine Maus, die beinahe und dann doch nicht in die Falle tappt, wird zur unfreiwilligen Heldin der Studierenden.

Judith Hermann liest hingegen unveröffentlichte Porträts über Menschen aus in Berlin. Der bierselige André und die neurotisch hustende Tatjana reissen nicht gerade vom Hocker, sind sie doch üble Klischees der selbst ernannten Berliner Boheme. Aufwachen ist wieder angesagt, als Lukas Bärfuss auftritt. Der Hausdramaturg am Schauspielhaus Zürich erzählt von den kuriosen Gedanken eines Theaterbesuchers, der – irritiert von einer nach Knoblauch riechenden Dame – die 12.Replik von Anton Tschechows «Drei Schwestern» verpasst. Skurril und doch nachvollziehbar – wie eine gute Geschichte sein sollte.

Berner Zeitung

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