Vom Tram wird der ganze Kanton profitieren

Ressortleiter Stephan Künzi zur Abstimmung über das Tram Bern–Ostermundigen.

Stephan Künzi

Der kurze Wortwechsel zwischen zwei Pendlern am Bahnhof Wichtrach war irgendwie bezeichnend für diese Abstimmungsvorlage. Ihm sei aufgefallen, stellte der eine mit fragendem Unterton in der Stimme fest, dass in Ostermundigen wieder Plakate zum Tram ausgehängt worden seien. Der andere pflichtete ihm bei: Ja, er finde diese Propaganda auch eigenartig, wo doch über das Tram schon so oft und letztmals erst im November abgestimmt worden sei.

Was soll man zum Tram, das dereinst Bern mit Ostermundigen verbinden soll, denn noch sagen? Seit Jahren liefern sich Gegner und Befürworter einen emotionalen Streit um die Frage, wie die Linie 10 der städtischen Verkehrsbetriebe Bernmobil die tägliche Passagierflut bewältigen soll.

Nicht weniger als dreimal wurden die Stimmberechtigten deshalb schon zur Urne gerufen, im ersten Anlauf ging es sogar um eine Variante, die neben Ostermundigen auch Köniz das Tram gebracht hätte. Angesprochen waren bislang aber stets nur die Betroffenen im Stadt- und Agglogürtel – bis eben jetzt, da der ganze Kanton und damit auch seine ­weitläufige Landschaft mitbestimmen kann.

Nur zu dumm, dass die Nachricht dort noch gut zwei Wochen vor dem für den 4. März terminierten Urnengang nicht richtig angekommen ist. Der Wortwechsel zur morgendlichen Pendlerzeit in Wichtrach zeigt dies mehr als anschaulich.

Die Vor- und Nachteile der Tramlinie, die den Kanton allein 102 Millionen und alles in allem stolze 264 Millionen Franken kosten soll, sind rasch aufgezählt. Die Befürworter verweisen auf die wachsenden Pendlerströme auf dieser schon heute überlasteten Linie.

Weiter auf die Pläne für die Areale Schönburg, Swisscom-Hochhaus oder Bären Ostermundigen, die alle an der Linie liegen und den Zulauf nochmals verstärken werden. Schliesslich darauf, dass ein dichterer Takt auf der parallel verlaufenden S-Bahn oder der Einsatz von Doppelgelenkbussen die Situation höchstens vorübergehend entschärfen würden – dem halten die Gegner entgegen: S-Bahn und Bus brächten sehr wohl eine Entlastung, zumal niemand wisse, welche Auswirkungen der rasante technologische Fortschritt mittelfristig auf den Verkehr haben werde.

Dazu komme, dass die neue Tramlinie die historische Altstadt noch mehr belasten und die genauso historischen Alleen gegen den Stadtrand hin nachhaltig schädigen werde. Vor allem aber sei die ­Investition viel zu hoch im Vergleich zum Nutzen, den sie bringe.

Die Fetzen fliegen – und auf dem Land ­mögen viele für diesen veritablen Krach unter Städtern nur ein müdes Lächeln übrig haben. Viele sind sich aber ganz offensichtlich nicht bewusst, dass nun ihre Stimme gefragt ist. Das birgt Gefahren.

Wie naheliegend ist es doch, kurz auf die nackten Zahlen in der Abstimmungsbotschaft zu blicken, zu denken, dass so viel Geld in einem anderen Projekt direkt vor der eigenen Haustür doch besser angelegt wäre – und so die Vorlage im Konzert mit den unüberhörbar lauten Nein-Stimmen aus Stadt und Agglo Bern zu Fall zu bringen.

Das wäre nicht nur schlecht für all jene, die Tag für Tag – und das bestreitet kaum jemand – im überfüllten 10er-Bus den Weg zur Arbeit ­irgendwie hinter sich bringen müssen. Ein Ja zum Tram ist vor allem deshalb wichtig, weil es den öffentlichen Verkehr in und um Bern endlich einen Schritt vorwärtsbringt. Diesen Impuls, ja Schub hat die Region nach all den Jahren des Diskutierens und Streitens dringend nötig.

Profitieren wird nicht nur die Stadt selber, sondern genauso auch die Landschaft. Eine leistungsfähige, zeitgemässe Infrastruktur ist nämlich Voraussetzung dafür, dass das Zentrum prosperieren kann. Und geht es dem Zentrum gut, das zeigen neben der Erfahrung auch alle Untersuchungen, geht es dem Umland ebenfalls gut.

Bernerzeitung.ch/Newsnetz

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