Tschäppät macht den Weg frei für Brülhart

Marcel Brülhart ist der einflussreichste Mann der Berner Kultur. Bald dürfte der 48-jährige Anwalt an der Spitze von Konzert Theater Bern landen. Kritiker werfen ihm Ämteranhäufung und Intransparenz vor. Zu Recht?

Der Drahtzieher im Hintergrund: Marcel Brülhart beobachtet 2007 im Stade de Suisse, wie Uefa-Präsident Michel Platini bei der Vorbesichtigung mit Alexander Tschäppät witzelt.

Der Drahtzieher im Hintergrund: Marcel Brülhart beobachtet 2007 im Stade de Suisse, wie Uefa-Präsident Michel Platini bei der Vorbesichtigung mit Alexander Tschäppät witzelt.

(Bild: Andreas Blatter)

Oliver Meier@mei_oliver

Irgendwann wurde es auch den Stiftungsräten zu viel. Es war am 26. Oktober 2015 um die Mittagszeit, als die strategische Spitze von Kunstmuseum und Zentrum Paul Klee (ZPK) zusammentrat.

Fünfzehn Mitglieder zählt das oberste Gremium der Dachstiftung – ein aufgeblasenes Gebilde aus Interessenvertretern, die man nicht vergraulen wollte, als die beiden Museen zusammengeführt wurden.

Doch nicht der Reformbedarf in eigener Sache war das Thema an jenem Montag. Sondern die neue Führungsstruktur der zusammengelegten Museen. Die Frage auch, wer die Häuser führen und reorganisieren solle, bis eine «Superdirektion» ihr Amt antreten würde.

Kontroverse im Stiftungsrat

Ein Fall für Marcel Brülhart – so sah es Stiftungsratspräsident Jürg Bucher. Er plädierte dafür, den Anwalt als interimistischen Geschäftsführer der Museen einzusetzen, auf Mandatsbasis.

Eine gute Idee? Bei der Sitzung im Klee-Zentrum gingen die Meinungen auseinander, wie das Protokoll zeigt. Kein Wunder: Brülhart besetzte bereits zentrale Positionen in der Dachstiftung: Als Vizepräsident des Stiftungsrats, als Mitglied des wichtigsten Ausschusses (Strategie), als Präsident des Finanzausschusses und als Delegierter für die Bewältigung des Gurlitt-Erbes.

Ein Stiftungsrat erkundigte sich «nach der Abgeltung für diesen Einsatz», ein anderer Player monierte die «zu grosse Machtkonzen­tration». Bucher musste «zum Vertrauen gegenüber Marcel Brülhart» aufrufen.

Diplomatisches Glanzstück

Der Deal am Ende: Brülhart konnte die Geschäftsführung und die Umsetzung der Reorganisation übernehmen, musste aber seine Funktion als Vizepräsident und als Präsident des Finanzausschusses vorübergehend «niederlegen». Zwei Stiftungsräte enthielten sich bei der entscheidenden Abstimmung.

Brülhart, der Mann für alle Fälle: Das ist in Bern seit Jahren die Realität. Als Beobachter droht man angesichts der Fülle an Funktionen den Überblick zu verlieren. Manchmal, so scheint es, geht es ihm sogar selber so.

Brülhart ist nicht nur Vizepräsident von ZPK und Kunstmuseum, die jährlich mit 12 Millionen Franken subventioniert werden. Er ist auch Vizepräsident von Konzert Theater Bern, dem grössten Kulturbetrieb des Kantons, subventioniert mit jährlich 37 Millionen Franken.

Er zog die Fäden bei der Fusion von Stadttheater und Berner Symphonieorchester, er war der Architekt der Dachstiftung, brach die verhärteten Fronten bei den Museen auf. Und im Fall Gurlitt verhandelte er mit den deutschen Behörden, zog alle Register – ein diplomatisches Glanzstück.

Nun steht er am Scheideweg. Und die Personalie Brülhart ist ein Politikum hinter den Kulissen von Stadt und Kanton. Wer ist dieser Marcel Brülhart? Wie ist der Anwalt zum einflussreichsten Kulturmann der Bundesstadt geworden? Und: Wie viel Machtfülle verträgt es in der Berner Kultur?

«Wolf im Schafspelz»

Wer mit Weggefährten spricht, mit Sympathisanten und Kritikern, erntet eine Fülle von Attributen. Von einem «begnadeten Troubleshooter» ist die Rede, einem «Wolf im Schafspelz», einem «versteckten Alphatier», einem unprätentiösen Macher frei vom üblichen Kulturdünkel. Er gilt als Pragmatiker mit Talent für unkonventionelle Lösungen – der Kubus auf dem Waisenhausplatz war seine Idee.

Hans Ulrich Glarner, Chef des kantonalen Kulturamts, lässt sich mit den Worten zitieren, Brülhart habe «in vergleichsweise kurzer Zeit hochgesteckte Ziele erreicht».

Es gibt aber auch Skeptiker, auffallend viele im Umkreis der Museen. Brülhart, heisst es, sehe sich gerne als Retter und halte sich für unersetzlich, obwohl er von Kulturdingen nicht viel verstehe, sich auch nie an Vernissagen und Premieren zeige.

Liest man Brülhart die gesammelten Attribute vor, dann schmunzelt er. Und nickt. «Das Meiste davon stimmt wohl.» Eines aber will er nicht auf sich sitzen lassen. Die Sache mit der angeblich fehlenden Kulturaffinität.

Er erzählt von seiner klassischen Gitarrenausbildung, von den vielen Büchern und Tonträgern, die er besitzt. Und er zeigt Grafiken, die er erworben hat, um sie in seinem Büro an der Berner Marktgasse aufzuhängen. «Ich bin kulturell sehr interessiert. Aber ich masse mir kein Urteil an, wenn es zum Beispiel um eine Theateraufführung geht.»

Ein zweites Missverständnis will Brülhart ausgeräumt wissen: «Ich sehe mich nicht als allein kämpfenden Retter, der alles an sich reisst, ein Konzept verkauft und wieder geht. Ich bin ein ausgesprochener Teammensch. Und Projekte wachsen mir immer wieder ans Herz.

Deshalb bleibe ich oft länger als geplant.» Freunde von Strategiepapieren kann Brülhart vor den Kopf stossen: Er macht keine. «Erhalte ich einen Auftrag, so investiere ich vor allem Zeit in den Aufbau von Beziehungen und höre gut zu. Das zahlt sich aus, wenn es ans Eingemachte geht.»

Taxifahren als Sucht

Das Gefühl für die Stadt, für den Umgang mit Menschen auch, habe er sich beim Taxifahren erworben, erzählt Brülhart. Während des Jusstudiums chauffierte er Personen durch Bern, sechs Jahre lang, in der Nacht. «Ich bin süchtig geworden und fast nicht mehr losgekommen.»

Nach dem Studium blieb er als Assistent an der Uni und promovierte, wurde Rechtskonsulent der Stadt Bern. 2006 holte ihn Peter Bratschi als Partner in seine Kanzlei. Bratschi gehört zu den renommiertesten Wirtschaftsanwälten der Schweiz, er verschaffte Brülhart Zugang zu seinen Netzwerken. Heute gehört Brülhart selbst zu den bestvernetzten Personen in der Bundesstadt, obwohl er selten an gesellschaftlichen Anlässen auftaucht.

Ausgezahlt hat sich für Brülhart vor allem der direkte Draht zu Alexander Tschäppät. Insider werten das Verhältnis zum Stadtpräsidenten als«freundschaftlich». Tschäppät machte Brülhart zum «Mister Euro 08», der die Fussball-EM in Bern organisierte, für die acht Host-Citys die Verträge mit der Uefa und den grossen Sponsoren aushandelte.

Er machte ihn zum Cheforganisator der Eishockey-WM 2009. Und er machte ihn auch zum Projektleiter, als es darum ging, das ambitionierte Fusionsprodukt Konzert Theater Bern zum Erfolg zu führen. Es war der Beginn seiner staunenswerten Karriere in der Berner Kultur.

Dieses Jahr kündigte Benedikt Weibel an, sein Amt an der Spitze von Konzert Theater Bern auf Ende 2016 abzugeben. Wie tragische Ironie mutet an, was darauf folgte. An seiner Nachfolge interessiert zeigten sich: Marcel Brülhart und Alexander Tschäppät, der den Erlacherhof Ende Jahr verlässt.

Der Vize geht leer aus

Brülhart will an die Spitze des Theaters, weil ihm der Betrieb ans Herz gewachsen ist – und weil er als Vize bereits die grosse Arbeit machte, ohne dafür eine adäquate Gegenleistung zu erhalten. Der Theaterpräsident erhält pro Jahr 40 000 Franken, der Vize nichts. Auch bei der Dachstiftung von Kunstmuseum und Klee-Zentrum geht der Vize auf dem Papier leer aus, während der Präsident neuerdings 50 000 Franken erhält.

Dafür hat Brülhart eine Reihe von Mandaten und Funktionen. Seine Arbeitsbelastung ist enorm. Man kann sich fragen, weshalb er sich das antut.

Es gibt Stimmen, die ihm unterstellen, sich mit seinen Kulturmandaten eine goldene Nase zu verdienen. Brülhart weist das zurück.

Dennoch muss er sich Fragen gefallen lassen. Dass er sowohl im Theater als auch bei den Museen neben seinen offiziellen Ämtern und Mandaten auch als inoffizieller Hausjurist agiert, führt zu diffusen Verflechtungen.

Bezeichnend dafür ist seine Rolle im Fall Gräve, bei dem umstrittenen Rauswurf der Schauspieldirektorin, der ein schlechtes Licht auch auf den Stiftungsrat warf. Erst war Brülhart als Vizepräsident mitverantwortlich für das Fiasko, dann wechselte er in die Rolle des Anwalts, um die Vertragsauflösung auszuhandeln.

Brülhart räumt ein, dass solche Konstellationen unvorteilhaft erscheinen. Dass er als Anwalt im Fall Gräve ein Honorar erhalte, weist er jedoch zurück. Es war Weibel, der die Fehlinformation hochoffiziell in die Welt setzte.

Weibel-Nachfolge geklärt

Die Weibel-Nachfolge übrigens scheint inzwischen entschieden. Tschäppät hat eingelenkt und den Weg für Brülhart frei gemacht. Der Entscheid dürfte im September oder im Oktober fallen. Offiziell hält sich Brülhart bedeckt. Faktisch läuft aber alles darauf hinaus, dass er Theaterpräsident wird – mitsamt allen Repräsentationspflichten, die ihm wenig behagen.

Damit aber zeichnet sich auch ab, dass Brülhart seine Museumsfunktionen bald abgeben wird, obwohl sich massgebliche Kräfte für seinen Verbleib starkmachen. «Ich bin mir bewusst, dass ich auf die Dauer nicht in beiden Institutionen bleiben kann», sagt er.

Irgendwann wird es auch Marcel Brülhart zu viel.

Berner Zeitung

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